Sommer in Berlin. Die Volksbühne baut einen Pool vor dem Hauptportal auf. Als Signal, dass Kultur im weitesten Sinne baden zu gehen droht. Eine Aktion, die Sinn macht. Nicht so für Biedermänner und -frauen. Verschwendung von Fördergeldern. 300.000 Euro aus dem Theatertopf, posaunen sie in die Öffentlichkeit, ein Skandal! Auch FAZ-Feuilletonist Simon Strauß zieht da mokiert die Augenbrauen hoch. Bekannt für Prosa, der eine gewisse Neigung zu rechts-romantischer Tümelei nachgesagt wird. Soweit noch harmlos. Als freilich Intendant Matthias Lilienthal den Pool an einem Nachmittag exklusiv dem Verein EOTO (Each One TTeach One), der sich um die Schwarze Community kümmert, zur Verfügung stellen will, entlädt sich der geballte Zorn eines rechten Mobs. Der macht in den Sozialen Medien Front. Nur Schwarze im Pool? Dafür gibt es nach den Worten von Welt-Kolumnist Rainer Meyer, auch als Don Alphonso unterwegs, nur ein Etikett: Staatlich finanzierte Rassenkunde.
Der Tagesspiegel hat dazu dankenswerterweise eine Rekonstruktion der Esalation geliefert. Die zeigt: So schnell, wie der Mob in den Sozialen Medien zur Stelle war, so schnell reihten sich Medien wie Nius (von Ex-Bild-Chef Julian Reichelt), Apollo News, Bild und Welt in die Schlammschlacht gegen das Volksbühne-Projekt ein. Nicht zu vergessen Rechtsausleger Ulf Poschardt. Auch die AfD wollte sich nicht lumpen lassen und ließ ihre kläffenden Hunde von der Leine. Elite-Pool oder Kultur-Schickeria sind noch vergleichsweise niedrig in der Eskalationsskala angesiedelt. Mit Rassentrennung und Apartheid (AfD-Chefin Alice Weidel) wurde ein Zahn zugelegt. Ausgerechnet solche, die sonst für Remigration sind, sprachen von einer Diskrimierung von Weißen. Weil Hass und Hetze kein Ende nahmen und Aufrufe fragwürdiger Gruppen zum Bade-Nachmittag die Runde machten, sagte Lilienthal das exklusive Baden ab. Die Sicherheit der Jugendlichen in Obhut von EOTO gehe vor.
Wenn hier schon Fördermittel zur Sprache kommen, dann hätte die Volksbühne für diese Lehrstunde Geld aus dem Topf von Demokratie leben! verdient. Und nicht nur aus dem Kultur-Etat. Denn das Projekt, das auch die exklusive Nutzung des Pools vorm Theater für andere Sozialvereine und -initiaven vorsieht, zeigt eindrücklich, wie es um eben das bestellt ist, was geschützt werden soll: Die Demokratie, zu der auch die Freiheit von Kunst und Kultur gehört. Doch ausgerechnet an Demokratie leben! und seinem Kerngedanken wird derzeit fleißig von der Bundesregierung gesägt. Volksbühne-Intendant Lilienthal hat mit seinem Projekt die Finger in die aufreißende Wunde gelegt. Dass nur einen Tag nach der Absage des Demokratie-Events Tagesspiegel-Autor Gerrit Bartels in einem Kommentar mit dem Vorwurf kommunikativer Mitschuld einen Teil der Verantwortung für das rechte Desaster der Volksbühne in die Schuhe schieben wollte, reicht nahe an Beihilfe zum rechten Demokratie-Bashing.
Ein Transparent Fickt Euch, das sich gegen Hass und Hetze richtete und bei der Volksbühne hing, lässt Kommentator Bartels in haltlose Perfidie abgleiten. Die Leckt-mich-am-Arsch–Haltung zeige, so der Tagesspiegel-Mann, wie mutwillig provokativ die Volksbühne die gesamte Causa angegangen sei. Indem sie die Überlassung des Pools für die Schwarze Community ankündigte. Gedacht gewesen sei der Nachmittag für 6- 14jährige Schwarze. Warum musste da gleich die ganze schwarze Gemeinde Berlins mitgedacht sein? Als, wie Bartels meint, diskursive Überhöhung unter dem Motto: Seht her, was wir unter Volksbad verstehen. Da hätte man sich, so sinngemäß, denken können, was auf einen zukommt. Zumal es, wie es ein paar Zeilen weiter heißt, im Kunstbetrieb immer mal wieder Aktionen gibt, die die weiße Mehrheit per Ausschluss demonstrativ spüren lassen, wie es ist, außen vor zu bleiben, sich wie eine Randgruppe zu fühlen. Na und?, sollte man meinen. Aber Bartels dreht der Volksbühne einen Strick daraus.
Dass Bartels am Schluss versucht, die Kurve zu kriegen, indem er schreibt, verloren habe am Ende die schwarze Gemeinde, auf deren Rücken jetzt der politische Streit entbrennt. Und dass er sich da mit dem SPD-Spitzenkandidten zur Abgeordnetenhauswahl, Steffen Krach, quasi in einem Boot sehe. Und dass die Volksbühnen-Nummer schließlich die Anhänger:innen der Rechten in ihrer Haltung zur Kultur bestätigt fühlen müssten. Derlei Sätze sind typisch für Journalisten, die sich aus ihrer inneren Verfassung zu winden ttraachtten. Für sie scheint klar, dass Projekte wie das der Volksbühne quasi Anstiftung zu rechten Reaktionen sind. Zu einem Spektakel, so Bartels, das ein Desaster geworden sei. Transparente wie das genannte seien dabei Ausdruck einer kommunikativen Hilflosigkeit. Wie sehr derlei Kommentare in mindestens ihrer Hilflosgkeit, schlimmstenfalls im Tenor bösböser Absicht dazu beitragen, dass sich Rechtspopulisten vom Schlage der AfD geschulterklopft fühlen dürfen, wäre durchaus eine Selbstbefragung durch Bartels wert.
Epilog: Einige Zeit, nachdem ich diesen Blog-Beitrag geschrieben habe, hat die Berliner Morgenpost getan, was dem Tagesspiegel-Journalisten Gerrit Bartels besser zu Gesicht gestanden hätte, als seinen unsäglichen Kommentar zu verfassen. Sie veröffentlichte einen dpa-Text Die Agentur holte zum Konflikt um das Volksbühnen-Projekt die Expertise der französischen Politologin und Autorin Emilia Zenzile Roig ein, die in Berlin lebt. Roig erklärte, es gebe durchaus gute Gründe für das Projekt. Rassismus ist für Schwarze allgegenwärtig, in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt, im Justizsystem, auf der Straße, durch die Polizei. Viele Räume seien unsicher. Im Schwimmbad werden sie zum Beispiel beschimpft, sie würden das Wasser dreckig machen. Auch in Berlin.Es sei daher um nur einen Nachmittag ohne Angst vor Demütigung und rassistischer Gewalt gegangen. Das Narrativ, weiße Menschen würden hier diskriminiert, sei eine Umdeutung der Realität, die ihr Sorgen mache. Bartels hat das hoffentlich gelesen.

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