Wer ist der bessere Kenner der DDR-Geschichte und damit auch der politischen DNA ihres Endes. Waren es Bürgerbewegungen, die dem real existierenden Sozialismus den Todesstoß versetzten? Oder war eine massige Walze von Normalbürgern, die die DDR auf der Straße plattmachte? Letzteres ist Alles in Allem die Lesart von Erhard Weinholz, der damit das Buch Freiheitsschock des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk ins seiner Meinung nach richtige Licht rücken will. Doch bevor er das im Freitag versucht, wird schonmal klar, was ihm an Kowalczuk so richtig stinkt. Dass der sich nämlich in deutschen Medien breit mache, als hätte er, sinngemäß, die Weisheit mit Löffeln gefressen. Was Erhard Weinholz bleibt, ist, so schreibt er, den Zorn, mit dem Kowalczuk gegen eine Normalisierung des DDR-Systems anschreibe, auf seine Quellen hin abzutasten. Die seien bei Kowalczuk eher fragwürdig. Nur: Auch Weinholz ist nicht wirklich ein Quellen-Fan und kontert via Gefühltem.
Es scheint so, dass hier vorder- wie hintergründig politisch motivierte Lesarten der Revolution im Osten aufeinanderprallen, die möglicherweise beide etliche Grauzonen aufweisen. Die eine steht dem Volk der DDR als Motor des Umbruchs bis hin zum Ende des sozialistischen Staates skeptisch gegenüber und feiert kleine, aber treibende Oppositionsgruppen. Die andere möchte das Volk und seine Normalbürger, die zu Hunderttausenden auf die Straße gingen, heroisieren. Es gibt freilich noch eine dritte Lesart, die der Politologe Magnus Brechtken in der FAZ vortrug. Danach wurde die DDR nicht durch die friedliche Revolution der Ostdeutschen beendet, sondern weil Michail Gorbatschow und Eduard Schewardnadse sie freigegeben haben. Sprich: Ohne den neuer Freiheit zugewandten Umbruch in der damaligen (noch) Sowjetunion hätte es keinen Umbruch in der DDR gegeben. Das mögen, so Brechtken, viele vielleicht nicht hören wollen. Etwa auch jene von Lesart eins oder zwei nicht. Deswegen muss es aber nicht falsch sein.
Um seiner Lesart Verve zu verleihen, verweist Weinholz auf einen Beitrag, den der FAZ-Autor Detlef Pollack bereits 2019 verfasste. Worin auch dieser behauptet habe, die Revolution sei ein Aufstand der Normalbürger gewesen. Da freilich hat der Kowalczuk-Kritiker offenbar nicht genau hingeschaut. Zwar spricht Pollack im Zusammenhang mit den Ereignisse von 1989 von der Erhebung der Normalos. Zugleich nennt er aber externe Faktoren, die weit vor der angeblichen Revolution weitaus bedeutsamer gewesen seien. Auch er weist auf Glasnost und Perestroika. Sie veränderten die politische Kultur der DDR nachhaltig, da sie in den Köpfen der Menschen die zwar illusorische, aber gleichwohl äußerst wirkungskräftige Idee festsetzten, der Sozialismus sei reformierbar. Das unmittelbare Signal zum Umbruch ging laut Pollock dann von der massenhaften Abwanderung vor allem junger und gut ausgebildeter DDR-Bürger über die österreichisch-ungarische Grenze aus. Flucht erschütterte demnach nicht unwesentlich die SED-Nomenklatura.
Das seltsame Bemühen, die Massenbewegung von 1989 kleinzureden – so wird das Ressentiment Weinholz‘ gegenüber Kawalczuk in einer Zwischenüberschrift im Freitag zusammengefasst. Genauso gut könnte man freilich davon reden, dass hier eine Massenbewegung großgeredet wird. Indem so getan wird, als hätte sich die Erhebung der Menschen in der DDR aus dem Nichts ergeben.Als hätte die Revolution keine Vorläufer gehabt. Keine mehr oder weniger mutigen Oppositionellen, die, zynisch gesagt, den Massen den Teppich ausgerollt haben. Über Jahrzehnte haben Systemkritiker:innen in der DDR Kopf und Kragen riskiert, wurden denunziert, womöglich auch von Leuten, die im Herbst 1989 auf die Straße gingen. Selbst unter vermeintlich integren Intellektuellen, die in gegenseitigem Vertrauen Zirkel des Unmuts aufgebaut hatten, gab es üblen Verrat. Im Blick zurück versuchen nun solche wie Weinholz, nicht mehr als ein Hobby-Philosoph, die Geschichte aufzuhübschen.
Doch ist es verdienstvoll, aber beileibe nicht revolutionär, genau zu dem Zeitpunkt auf die Straße zu gehen, da das Fundament des Staates DDR schon an allen Ecken und Enden wackelt? Meine ganz unverschämte Unterstellung: Indem hier eine Massenbewegung hochgejazzt wird, wird nicht nur der Mut einer vergleichsweise anfangs kleinen Opposition, die über die Zeit aber in spürbaren Widerstand mündete, herabgewürdigt. Es wird auch fahrlässig das Volk entlastet, das jetzt ebenfalls massenhaft an den Urnen seine Stimme für die AfD abgibt. Das Volk hat für die Abschaffung einer Diktatur gesorgt, also kann es nicht sein, dass ihm jetzt vorgeworfen wird, in erheblicher Zahl neuen Demokratiefeinden hinterherzurennen. Wer Angelpunkt der Revolution, der weitsichtigen Befreiung von Unrecht gewesen sei statt auf einen fahrenden Zug zu springen, kann jetzt völlig unmöglich Beschaffer einer autokratischen Stoßrichtung sein, die nach rechter Gleichschaltung strebt.
Was immer man von Kowalczuk halten mag, vor allem die ausgesprochen kritische Haltung des Enfant Terrible unter deutschen Historikern gegenüber der AfD und ihren Anhängern, ihrer Russlandfreundlichkeit und Putin-Sympathie scheint Freitag-Autoren wie Erhard Weinholz einigermaßen schnell und vehement aus der Reserve zu locken. Nimmt man Kowalczuks Ansicht, wonach die Haltung AfD-zugeneigter Ost-Bürger:innen unaufgearbeiteten DDR-Lasten, mangelndem Demokratiebewusstsein und einem verstaubten Staats- und Obrigkeitshörigkeit entspringt, kann man sich gut vorstellen, wie flix sich hier ihr Widerspruch auf den Plan gerufen fühlt. Nicht zuletzt dann, wenn Kowalczuk den Ukraine-Krieg und diesbezüglich die Positionierung gegenüber Moskau als eine Art Lackmus-Test für die Integrität der 1989er Revolution wertet. Und für ihre Nachhaltigkeit. War damals nicht von Aufbruch die Rede? Wo ist der geblieben, ließe sich fragen.
Nun ist es es allerdings so, dass nicht nur das Volk den Stolz verspielt, mit dem es einst Wir sind das Volk skandierte. Es hat auch in der Bürgerbewegung, die sich als Bürgerrechtsbewegung verstand, Risse gegeben. Da ist etwa Vera Lengsfeld, einst aktive Bürgerrechtlerin, aus der SED ausgetreten, im Friedenskreis Pankow, vom eigenen Ehemann bespitzelt, in der DDR inhaftiert, später erst als Mitglied der Grünen, dann der CDU im Bundestag,2023 Austritt aus der Union. Inzwischen wird sie der Neuen Rechten und dem Umfeld der AfD zugerechnet. Sie ist ein Paradebeispiel, aber nicht die einzige, die sich im Laufe der Jahre nach rechts bewegte. Warum sollte das Volk da eine Ausnahme machen? Willen zur rücksichtslosen Wahrung des Eigeninteresses nennt Weinholz als Grund für den Rechtsruck. Das klingt nicht nach Revolution. Jedenfalls nicht nach einer, die sich irgendwie demokratisch legitimieren könnte. Das ist, ob Kowalczuk oder Weinholz, eine wahrlich bittere Erkenntnis.

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