Man kommt der „Liberalisierung“ der Rechten durch die so genannten Vierte Gewalt nicht mehr hinterher. Ben Berndt lässt den rechtsextremen AfD-Vordenker Björn Höcke im Podcast ungeskriptet vier Stunden Zeit, um Selbstverharmlosung zu betreiben. Melanie Amann lädt Ben Berndt, weil dem Mann auf Unschulds-Abwegen angeblich nicht ausreichend Gehör geschenkt wird, in ihren neuen Podcast unframed bei Funke ein. Und schiebt als Gäste Harald Martenstein und Ahmad Mansour hinterher, um zu beweisen, wie sie dem rechten Narrativ vom immer enger werdenden Meinungskorridor mutig entgegenwirkt. Und nun, als Krönung journalistischer Koordinaten-Verschiebung, rollt Freitag-Herausgeber Jakob Augstein dem umstrittenen, weil fragwürdigen Historiker Jörg Baberowksi den Teppich aus.
Das Alles wenige Monate vor den Landtagswahlen in zwei ostdeutschen Bundesländern; wobei in einem eine absolute Mehrheit der AfD nicht ausgeschlossen erscheint. Da ist der SPD-Promi Torsten Albig, der seiner Partei die Duldung einer AfD-Minderheitsregierung empfiehlt, kaum noch Verwunderung wert. So dumm kann Sozialdemokratie. Aber wenn schon die SPD zunehmend zum Hort politischer Verirrung wird, deren Godesberg Programm Opfer einer die Partei flutendenden Demenz zu werden droht, warum sollten dann Medien, die sich theoretisch der Demokratie verschrieben haben, da hintan stehen? Damit niemand meint, sie würden Teil eines von der AfD in die Welt gesetzten Unterdrückungspparates sein, zeigt man der Rechten und ihren Helfern wie lieb man sie im allergrößten Zweifel hat.
Angst essen Seele auf , dieser Titel des Films von Rainer Werner Fassbinder, der in den 1970er Jahren soziale Unterdrückung und Ausgrenzung von Gastarbeitern in Deutschland zum Thema hatte und damit das vorweggenommene Gegen-Programm zum Anti-Migrations-Kurs der AfD lieferte, scheint von vielen Medien genau in dem Moment zum Steigbügel für die Rechte umgeframed zu werden, da die Weidel-Höcke-Truppe auf dem Sprung ist, erstmals ganz konkret unsere Demokratie zu schreddern. Dass mediale Liebe zu so genannter Meinungsvielfalt toxisch sein kann, würde – übertragen – jeder Beziehungscoach unterschreiben. Von Vielfalt zur Manipulation ist es oft nur ein Katzensprung. Und das Narrativ hochzuhaltender Toleranz lockt bewusst oder auch unbewusst schnell in eine Falle.
Jakob Augstein musste man nicht locken. Denn vorausgesetzt der Mann hätte im läppischen wikipedia auch nur einen kleinen Blick in die professionelle Vita von Jörg Baberowski geworfen, hätten sich beim Interview eine ganze Reihe äußerst kritischer Fragen zu dessen Ansichten angeboten. Doch die sind in dem nicht wirklich zu finden. Dabei hat sich auch Baberowski, beispielsweise im Zuge der Flüchtlingspolitik von Ex-Bundeskanzklerin Angela Merkel, als eifriger Verfechter der immer wieder rechten Erzählung einer von einer linken Elite geschürten Meinungsdiktatur entpuppt. Von Student*innen wurde ihm Rassismus und Rechtsradikalismus vorgeworfen. Als Apologet einer antiideologischen Stalinismus-Interpretation geriet er überdies ins Kritikfeuer akademischer Kollegenschaft.
Im Freitag-Interview darf Baberowksi schon Bekanntes nochmal ausbreiten. Ich versuche, ahnend, dass Baberowski gegenhalten würde, zusammenzufassen. Fremdenfeindlichkeit gab es schon immer, wird rechtes Gedankengut entschärft; Populismus erwachse aus politischer Ohnmacht; Trump nütze der Demokratie, weil Polarisierungen demokratische Prozesse beleben, er und die Italiens Regierungschefin Meloni sprechen die Sprache derer, die sich übergangen fühlen; parlamentarische Demokratie stehe gegen Volksherrschaft; radikale Kräfte erstarken, weil politische Resonanzräume fehlen; Globalisierung zerstört regionale Milieus; Gerichte legen den Volkssouverän an die Kette; Bürger müssten sich wieder selbstermächtigten; der Populismus in den USA und GB sei nur bloß Take back Control;
Baberowski hat seit jeher versucht, im Tarnanzug akademischer Finesse, sich aus liberaler Ecke anschleichend umstrittene Positionen in die Welt zu setzen. Statt ihn zu entlarven, wird er vom Freitag medial hofiert. Das passt zum Portfolio des Westend Verlags, der unter der Flagge liberaler Vielfalt peu a peu rechtsdriftenden Autoren Platz schafft. Vorneweg Ulf Poschardt und Nius-Gründer Julian Reichelt. Weswegen sich jetzt mehr als 30 Autor*innen, die dort Bücher verlegen ließen, abgewendet haben. Es passt zum Podcast von Ben Berndt und neuerdings zu dem von Melani Amann. Ich überlege bereits, ob ich ins vielleicht einmal lukrative Geschäft mit Persilscheinen einsteigen sollte. Wenn Sachsen-Anhalt und die AfD Schule machen, könnte es später einmal einen tragfähigen politischen Ablasshandel auch unter Medien gaben.

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