Wir blicken dieser Tage auf viele Kriege und Konflikte in der Welt. Einer der Konflikte, der freilich längst nicht von wirklich geostrategischer Bedeutung ist, entzündete sich an der 20-Uhr-Tagesschau vom 27. Mai 2026 und fand Eingang in die Chronik des Medienportals Kress. Es ging um nichts Weniger als die Eröffnung oder Wiedereröffnung der Mokka-Milch-Eisbar im Herzen von Berlin-Ost. Und die Frage, ob dieses Ereignis Platz in Deutschlands wichtigster Nachrichtensendung verdient hat oder nicht. In Stellung brachten sich der ehemalige ARD-Chefredakteur Reinald Becker, adjudiert vom ehemaligen Chef des ARD-Hauptstadtstudios, Ulrich Deppendorf auf der einen und Juliane Leopold, Digital-Chefredakteurin von ARD-aktuell in Hamburg, der Tagesschau-Zentrale, auf der entgegengesetzten Seite.
Erstere fanden einen Bericht in der 20-Uhr-Tagesschau völlig deplatziert, zweitere hielt wacker dagegen. Es gibt zwei Möglichkeiten, den Konflikt historisch einzuordnen. Bei der Einen handelt es sich um einen Generationen-Konflikt. Becker und Deppendorf sind zwei eher ältere Herrschaften, aber mit gewichtiger Biografie. Juliane Leopold ist deutlich jünger und, ich sage mal: insofern vielleicht ein bisschen näher am Puls der nachwachsenden Generationen. Bei der anderen Möglichkeit handelt es sich um einen West-Ost-Streit (oder umgekehrt). Danach könnte die in Halle/Saale geborene Juliane Leopold durchaus mehr Gespür für ostdeutsche Kultur und dementsprechend damit zusammenhängende Kultstätten haben als Becker und Deppendorf, die Berlin gut kennen, aber ohne nur einen Hauch von Ost-Wurzelduft.
Das Gezerre um weder Cannes-verdächtige noch wirklich Doku-taugliche Beiträge in der 20-Uhr-Tagesschau hat, so scheint erst mir, die Zutaten beider Konfliktstränge. Die alte Garde der Tagesschau-Hauptnachrichten ist eher strenger mi Blick auf das Flaggschiff der deutschen Nachrichtensendungen, wie Becker die Haupnachrichtenausgabe nennt. Und möchte diese ungern im Fahrwasser etwa von Lookmaxxing-Berichten sehen, was eine neue Welle der Schönheitsoptimierung beschreibt, die allerdings zu maximaler Verunstaltung führt. Becker dazu: Ist das relevant? Hat das Nachrichtenwert? Was soll das? Eine nicht unberechtigte Frage, wie ich finde. Deppendorf springt ihm bei: Über manche Ausgaben der 20-Uhr-Tagesschau wundere ich mich auch schon seit Längerem. Wundern tun sich bisweilen auch andere.
Wer allerdings weniger an der nüchternen Nachrichtengebung festhält, mag es wie Juliane Leopold betrachten: Die Mokka-Milch-Eisbar nicht zu kennen, ist nicht schlimm, offenbart aber mindestens mal eine Wissenslücke über ostdeutsche Popkultur. Inwieweit die Mokka-Milch-Eisbar zu einer wie auch immer gearteten Popkultur gehört, möchte ich als Wessi nicht so ohne Weiteres beurteilen. Becker sah seine Frage nach der Relevanz in einer auf, so möchte er wohl wissen lassen, wichtige Weltereignisse und Ereignisse der deutschen Politik kaprizierte Newssendung nicht wirklich von Leopold beantwortet. Ihr sprang unterdessen ARD-Korrespondent Gábor Halász bei, ein wenig früher als Leopold in Leipzig geboren: Ist ein Stück Kulturgeschichte. Kulturgeschichte Ost, so sei konkreter angefügt.
Aus meiner Sicht hat die 20-Uhr-Tagesschau tatsächlich, da gebe ich Deppendorf und auch Becker Recht, schon lang ihr Credo verlassen, das ausschließlich auf Relevanz setzt. Das mag mit einem durch Zunahme erschreckender Vorkommnisse auf der Welt verstärkten Bemühen einhergehen, dem Konsumenten nicht vollends den Restabend zur Hölle zu machen. Also darf’s immer mal wieder was aus der leichteren Küche sein. Am Ende serviert. Knapp vor der Wettervorhersage, die ja auch nicht immer aufmunternd daherkommt. Man könnte also nachsichtig mit der 20-Uhr-Tagesschau sein. Und ein bisschen Kultur, so meine ich, kann selbst einer vermeintlich knallharten Fakten-Schmiede nicht schaden. Zumal die große Politik seit Trump & Co durchaus die Frage nach dem Zusammenhang von Politik und Kultur nahelegt.
Die Frage ist eher die nach der Machart von Beiträgen. So hätte der Mokka-Milch-Eisbar-Bericht, immerhin in einer Länge wie sie beispielsweise für Hardcore-Themen, den Russland-Ukraine-Krieg oder die Geschehnisse im Nahost-Konflikt, üblich ist, durchaus etwas tiefschürfender angelegt sein können. Das Liedchen, mit dem einst die Ost-Band um Thomas Natschinski herum die DDR-Seelen bespielte, mag noch ein akzeptabler Angelpunkt gewesen sein. Welche Kugeln auf einem Eis namens Othello thronten, eher weniger. Und auch das, was das neue Betreiber-Paar der Mokka-Milch-Eisbar so vorhat, roch eher nach Rühren der Werbetrommel für einigen Kommerz. Es ging um nette Geschichten, weniger um Geschichte. Stichwort Stalinallee (Bar-Standort), da hätte man Weiterstricken können, tat es aber nicht.
Denn mit dem Namen wäre, ach Gottchen, schon wieder ein Teil der 20-Uhr-Bespaßung hinfällig gewesen. Die Stalinallee war einst als potemkinsches Vorzeigeprojekt für hohe Besuche aus Moskau aus dem Boden gestampft worden. Und wurde nach der Ungnädigschreibung des UdSSR-Dikatators im Sinne von Back-to-the-roots in Karl-Marx-Allee umbenannt. Was allerdings an der bombastischen Architektur, in die sich neben der Mokka-Milch-Eisbar das Kino Internationale und das Hotel Berolina einfügten, nichts änderte. Bis heute ist die Allee Zeugnis nicht nur von SED-gesegnetem Eisbar-Pop, sondern fragwürdigem Bauprotz. Und hätte die Tagesschau nicht nur DDR-Nostalgie bemüht, wäre man vielleicht auf die Idee gekommen, dass die Eisbar neuer Touristenmagnet sein könnte, Berlin-Pop aber woanders stattfindet.
Nun ist es, zurück zu Becker und Deppendorf , eh so, dass jene, die sich aus dem führenden operativen Geschäft verabschiedet haben, natürlich wissen, dass früher alles besser war, auch die Tagesschau. Und dass die, die heute für die Sendung zeichnen, finden, dass das olle Kamerad-weißt-du-noch-Narrative sind. Eventuell ist es freilich so, dass alter West-Holzschnitt hier auf neue Ost-Schönfärberei trifft. Schließlich wabert im Hintergrund die Kritik, die ARD sei quasi Teil des Staatsapparats und von Westeliten gesteuert. Nach AfD-Lesart gar linksgrün-versifft. Zu beobachten ist, dass Medien dem auf bisweilen seicht-restaurative Art entgegenzusteuern versuchen. Und alte Orte der DDR-Diktatur zu neuen Pop-Stätten aufgemöbelt werden. Wenn das mal keine von findigen West-Unternehmern mitinszenierte Selbsttäuschung ist.
Denn Alexander und Natacha Neumann haben mit der DDR-Geschichte ganz persönlich im Grunde nix am Hut. Sie haben sich, wie sie dem Hosenmatz-magazin erklärten, während des Studiums in England kennengelernt und erstmal in Großkonzernen gearbeitet. Bis sie später als Freche Freunde ins gesunde Kindergenuss-Geschäft einstiegen. Von Babybreien über Quetschies bis zu Kindermüslis und Cerealien gibt es Unmengen biozertifizierter Snacks, die sich in Supermarktregalen türmen. Im Stern philosophierte das Paar über eine nächste Idee – eine Milchalternative für Kinder. Nun ist es die Mokka-Milch-Eisbar – und es scheint, als würde das medial aufgehen. Vor lauter Nostalgie und, so würde Leopold sagen, ostdeutscher Popkultur drücken Medien die Augen zu: Vorm Geschäft, garniert mit alter DDR-Geschichte.
Wenn also die Story über die Wiederauferstehung Mokka-Milch-Eisbar in der 20-Uhr-Tagesschau am 27. Mai 2026 vergurkt wurde, dann, weil man zusätzlich zur vielleicht selbst geschichtlichen Irrelevanz der Erzählung aufsaß, hier könnte es um einen wichtigen Akt postsozialistischer Kultur gehen. Dabei blüht in dem beeindruckenden denkmalgeschützten architektonischen Relikt ein nurmehr profanes Innendasein auf. Wie die Neumanns dem Tagesspiegel verrieten ein Community-Hub mit Gastronomie, Veranstaltungsflächen und Coworking Space, die den Ort neu beleben könnten. Als Laptop-Landschaft. Pilates-Abende und Malkurse sind im Gespräch. Berlins Oberdenkmal-Pfleger Christoph Rauhut, sieht die Kult-Stätte als wichtigen Schritt zu neuem Leben. Kult-Stätte mit K, irgendwas mit Kultur und Knete halt.

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