Will man im Ostsee-Urlaub von rechten Testosteron-Maschinen Eins auf die Fresse kriegen? Derlei Fragen stellen sich manche Ferienplaner:innen, die es eigentlich an die Küste Mecklenburg-Vorpommerns zöge. Wäre da nicht die Angst vor Gewalt. Die sich mit Erstarken der AfD nicht gerade verzieht. Immer wieder ist von Stornierungen von Reisen an die nordöstliche See die Rede. Im Freitag werden sie von Lilli Zenth in die Nähe gezielten Boykotts gerückt. Einer Art Kampagne? Was so nicht stimmte, denn einen offiziellen Boykott-Aufruf irgendeiner Organisation gibt es soviel ich weiß nicht, maximal wirre Debatten darüber in den sozialen Medien. Aber wenn es der eigenen Wahrheitsfindung dient, wird schonmal geunkt. Besonders dann, wenn man diese Sichtweise mit dem Argument verknüpft, dass sich Reiseverweigerung mit wirtschaftlichem Ausbluten paart. Und hier die Ängste der Einen die Existenz der Anderen bedrohe. Ist also Eins auf die Fresse ok, wenn man einer an sich friedlichen Region damit auf ökonomische Sprünge hilft?
Damit auch jeder Depp kapiert, dass Ostsee-Boykotts wegen eines auch in Meckpomm wachsenden Zuspruchs für die Weidel-Partei völliger Blödsinn sind, ja ein Affront gegen alle guten Menschen in dem Bundesland, in dem noch eine SPDlerin regiert, schaut Lilli Zenth in den Süden. Boykottiert der deutsche Urlauber Italien, weil dort Meloni regiert? Oder die Türkei wegen Erdoğan? Na also. Richtig ist, dass auch in Regionen Italiens rechte Gewalt an der Tagesordnung ist. Wer dazu KI befragt, bekommt die Antwort: Besonders in Rom, Mailand oder Florenz. Und besonders in strukturschwachen Vorstädten. Organisiert von neofaschistischen Gangs, Fußball-Ultras und rechtsextremen Jugendnetzwerken. Genannt werden etwa CasaPound Italia, Forza Nuova oder Juventù Nazionale. Urlauber, so möchte man annehmen, sollten das wissen. Zumal wenn sie so genannten Migrationshintergrund haben. Denn Remigration ist auch in Europas Süden ein bevorzugter Slogen der extremen Rechten. So ganz angstfrei mag man da nicht reisen.
Damit freilich lässt sich das Wachsen rechtsextremer Gewalt im Nordosten Deutschlands nicht kleinreden. Der Opferverein LOBBI (Landesweite Opferberatung Beistand und Information für Betroffene rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern e.V.) i kann ein bitteres Lied davon singen. Ein Bericht des NDR, der sich auf den Angaben des Vereins beruft, spricht von 157 Angriffen im Jahr 2025, rechnerisch drei pro Woche. Das Gros mit Gewalt. Betroffen etwa Menschen an der Seenplatte, aber auch an der Küste. Das hat durchaus Tradition. Man erinnere sich nur an die Nazi-Welle (taz) Mitte der 1990er, zu der der Überfall von Schlägern auf junge Camper in Plau am See. Der Tourismus-Verband versprach damals, das Ganze ernstzunehmen. Doch parallel zu AfD -Erfolgen nimmt die Gewalt in den letzten Jahren deutlich zu. Man könnte also verstehen, dass nicht alle Bock haben, hier verzückt in den blauen (!) Himmel (?) zu schauen. Besonders ausländische Gäste dürften gewalttätige Heimatliebe nicht lustig finden.
Gleichwohl scheint die Lage nicht so alarmierend, wie es in der Überschrift des Freitag-Beitrags aufflammt. Wir brauchen keinen „Ostsee-Boykott“ wegen der AfD! Oder boykottiert ihr Melonis Italien? Denn zwar würden in einer von Lilli Zenth zitierten Umfrage der Agentur Pollitix Strategic Research GmbH 35 Prozent der Befragten bei einem AfD-Wahlerfolg nicht mehr nach Meckpomm in den Urlaub fahren wollen. Zugleich aber sei, wie Zenth schreibt, das Bundesland derzeit von einer echten Boykottwelle weit entfernt. Warum dann der Sturm im Wasserglas? Zumal, wie es heißt, die Tourismusbranche dort einen touristischen Zuwachs verzeichne. Finanzielle Einbußen durch angedrohte Stornierungen jedenfalls noch nicht spürbar seien. Und Erwartungen, so Zenth, dass Boykott-Aufrufe, also Symbolpolitik, etwas am Urlaubsverhalten änderten, eher gedämpft würden. Das könnte sich, ist das der Hintergrund?, mit einem AfD-Durchmarsch allerdings rasch ändern. Will man hier dem MV-Tourismus ein bisschen den Rücken stärken?
Der Berliner Tagesspiegel hatte im Juni vergangenen Jahres mal ein wenig die Laune bei der eigenen Community mit Blick auf das MV-Nachbarland Brandenburg ausgelotet. Während eine Gastronomin über leere Betten klagt, hieß es im Teaser, berichteten Leser:innen von offener Hetzte und rechtsextremer Stimmung, die zum deutlichen Rückgang von Buchungen führte. Viele hätten Zweifel am Urlaub in Regionen, in denen rechte Einstellungen offen vertreten würden. Eine, ich nehme an auch im Pro und Contra exemplarische, Auflistung der Leser-Meinungen läuft mehrheitlich darauf hinaus, dass Ferienhungrige, schon wenn sie dumpfe Gespräche am Nebentisch mitkriegen oder andere rechte Signale sehen und hören, die Nase voll vom Urlaub haben. Ein Vater berichtete von schlimmen Erlebnisse seiner Tochter auf einem Campingplatz. Gemein war einigen auch der unmissverständliche Appell an Pensionen und Tourismusvertreter, sich stärker gegen rechts zu stellen und offensiver eine einladendere Willkommenskultur zu pflegen.
Das wäre vermutlich der Weg, der Vorwürfen entgegensteuern könnte, dass sich feige Gastgeber scheuen, Farbe gegen rechts und die AfD zu bekennen und auf diese Weise ein enttäuschendes Schicksal selbst besiegeln. Ich selbst habe mal als Student einen Campingplatz in Südfrankreich fluchtartig verlassen, der von einer rechtsextremen Dame geführt wurde, die mir ihre Hunde auf den Hals hetzen wollte, als sie mitbekam, dass ich ihre politischen Ansichten so gar nicht teile. Ähnliches passierte mir an einem beschaulichen See nahe Rovereto im italienischen Bergland wegen eines Atomkraft-Nein-Danke!-Aufklebers auf meinem Auto. Neonazis machten mir die Hölle heiß. Auch der Weg von einer Unterkunft in Ludorf zum Müritz-See, der über einen Campingsplatz führte, war alles andere als von friedlichen Grill-Freunden gesäumt. Und das ist nicht ewig her. Ich weiß nicht, ob Lilli Zenth schonmal sowas passiert ist. Ich weiß nur: Derlei Erlebnisse tragen nicht dazu bei, sich schon fürs nächste Jahr an gleicher Stelle einzubuchen. Und schon gar nicht dann, wenn die AfD anderen Parteien weiter davonziehen sollte.

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