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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Singende UndAndere Extremisten

Ich finde, man sollte in der ganzen Debatte um Die Linke schleunigst mal eine Lanze für Extremisten brechen. Auf bluesky bin ich heute morgen einem ganz besonders klandestinen Vertreter des Extremismus begegnet. Ich erinnere mich selten an ihn. Weil ich mich dem kulturellen Genre, um das es hier geht, wenn, dann nur äußerst schamvoll öffne. Obschon ich dem Schlager als kleines Kind, wie man mir berichtet, vor dem so genannten Schneewittchensarg (der Firme Braun, nein, ich habe keinen Werbevertrag) ohne Unterlass in grüner Strickhose gefrönt habe, was dazu führte, dass ich in der Folgzeit allerlei Instrumente spielen lernte, war es hernach nicht ratsam, sich in rebellischen Jugendkreisen mit einem auch nur ansatzweisen Hang zu diesem Genre zu outen. Jetzt tue ich es. Weil ich finde, dass dies Die Linke, besonders in Berlin, und ihre zunehmend hasserfüllten Kritiker verdient haben.

Die Rede ist von: Udo Jürgens. Sein im Entstehungsjahr 1971 umstrittenes Lieb Vaterland dürfte heute noch konservativen und Kreisen rechts davon die Zornesmasken ins Gesicht fräsen. Erschienen am 15. März besagten Jahres bei Ariola lief der in Augen seiner Hasskritiker – vermutlich auch mit heutigen Maßstäben ihrer Polit- und medialen (-)Nachkommenschaft – aus dem politischen Ruder laufende Song laut Wikipedia zwölf Wochen in der deutschesten aller Singlehitparaden und errang dort veritable Platzierungen (nur das ehemalige Anschlussgebiet Österreich und die Schweiz hielten wacker dagegen). Gemeinsam mit dem Satiriker Eckart Hachfeld („Düsseldorfer Kommödchen“) hatte Udo Jürgens es gewagt, nach der schwülstigen Camouflage Merci, Cherie (Platz 1 beim Grand Prix Eurovision de la Chanson 1966 in Luxemburg) die Kämme der Kritiker auf ein beachtliches Maß schwellen zu lassen.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich morgen wegen mangelnder Achtung heimatlicher Staatsräson von FAZ, Nius, Roland Tichy, Björn Höcke und Anhängen in Vertretung der deutschen Sicherheitsbehörden eingesammelt werde, möchte ich Leser/innen dieses Blogs an dieser Stelle Lieb Vaterland hörerlebnistechisch zu Gemüte führen:

Dass dieses Video einem Auftritt in der ZDF Drehscheibe vom 26. April 1971 entstammt, zeigt, dass Michael Hanfeld (FAZ, damals um die sechs Jahre alt) und andere, die den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk für linksversifft halten, oder die ihn, wie die AfD, gar abschaffen oder zumindest gleichschalten möchten, recht haben. Der ÖRR schien schon damals ein Hort linksextremer Unterwanderung. Der einem unter dem Mantel schlagertümelnder Rechtschaffenheit die Revolution bescheren wollte. Anders dürften es o.G. nicht deuten, wenn Udo Jürgens dort einen Text sang, der auf Parteitagen der Linken (stehend) gesungen werden könnte. Hans R. Beierlein, PR-Manager von Jürgens, gab ehedem vor Veröffentlichung des Hits die absehbare Fragestellung vor für alle, die ihre Federn spitzten: Hat ein Nutznießer der kapitaleschen Leistungsgesellschaft überhaupt das Recht, Kritik an dieser Gesellschaft zu üben?

Es war klar, wie auf den Text Lieb Vaterland eingedroschen würde. Die Dreschflegel ließen denn nicht lange auf sich warten. So meinte Manfred Sack in der Zeit, dass es Jürgens und Beierlein kaum um neugewonnene Überzeugungen ginge, sondern um politische Meinung nicht als Meinung, sondern als Ware. Inhaltlich bewege man sich auf ausgetretenen Pfaden. Der 68er-Feind Matthias Walden bemängelte den Text als klischeehaft, seine Sprachmuster („Versicherungspaläste“, Schulen statt Kasernen) als überholt und vereinfachend. Der aus ungarisch-jüdischer Familie stammende Publizist (der vor den Nazis floh und für die Alliierten kämpfte, bevor er sich später in Deutschland als Epoche-Gründer als Rechtkonservativer entpuppte) und APO-Kritiker Hans Habe empfahl, man müsse die „Rebellen aus Überzeugung“ von Opportunisten unterscheiden – also „Rebellen mit und ohne Public Relations “.

Der, wie sollte es anders sein: linke Publizist Axel Eggebrecht fand den Text hingegen „überraschend aggressiv“ und fühlte sich an Protestsongs aus dem engagierten linken Spektrum erinnert. Der Debattenwald rauschte also auch damals schon gewaltig. Heute, so tippe ich, würden Mods wie Julia Ruhs und Jörg Thadeusz ernsthaft drüber nachdenken, ob der Text dem Extremismus linker Bewegungen an sich Tür und Tor öffne. Beim WDR suchte man 2014 zumindest rückblickend die Grundsatzfrage zu beleuchten: Wie politisch durfte ein Schlagersänger sein, dessen Aufgabe es doch war, zu unterhalten (Herbert Hoven, WDR 5, Neugier genügt), echt jetzt? Ein, so wörtlich: Kreuzverhör mit Kulturkritiker Walter Schmieding und dem Journalisten Gerd Ruge. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass Der Schwarze Kanal der DDR Jürgens‘ Text zwar zwiespältig, aber doch Teilwahrheiten über die BRD darin verkündet sah.

Schon damals also tobte der Kulturkampf. Und dass er angesichts der Texte von Udo-Jürgens-Liedern tobte, zeigt, wie angefasst schon damals Politiker und Medien, allen vor das deutsche Feuilleton, waren, wenn es um einen nicht unwesentlichen Teil der Wirklichkeit ging. Wenn der Stern-Mann Wolfang Röhl ehedem schrieb, Jürgens besäße einen „Instinkt für gesellschaftliche Unterströmungen,“ die er von seinen Textdichtern „in griffige Alltagspoeme gießen“ lasse. Und meinte, das im „sozialliberalen Frühling“ entstandene Lied sei ein „süffig vertonter Besinnungsaufsatz“. Dann dürfte das nach heutigen Maßstäben nicht nur im konservativen, sondern auch im weiteren Lager der so genannten Mitte nicht unbeargwöhnt bleiben. Denn was Jürgens da in Lieb Vaterland anprangert, entspricht einer Haltung, die (selbst) bei Sozialdemokraten eher musealen Charakter hat. Die Merzens&Co wären vermutlich höchst alarmiert.

Schlagen wir einen Bogen: Was wird derzeit nicht alles unternommen, um Die (gesamte) Linke des Extremismus zu bezichtigen. Es reichen ein paar Bezirksverbandsmitglieder in Berlin, die in Positionen abdriften, die man als Demokrat nicht durchgehen lassen kann, um eine ganze Armada an journalistischem Pauschal-Tourismus auf die medialen Kreuzfahrtschiffe zu bewegen. Es ist für einen aufmerksamen Verstand nicht weit hergeholt, um das Unterfangen auszumachen, hier Udo’sche Wahrheiten über gesellschaftliche Zustände zu verschleiern und ein linkes Programm für progressive Politik im Interesse einer breiten Stadt-Bevölkerung zu diskreditieren. Nur zaghaft tauchen auch in FAZ&Co Berichte auf, wonach Experten einer Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen, um durch alle Decken schießenden Mieten entgegenzuwirken, etwas abgewinnen können. Auch in finanzieller Hinsicht.

Lieb Vaterland, magst eben nicht mehr ruhig sein, haben sich fast 26 Prozent Linken-Wähler/innen gedacht. Freiheit für nur Auserwählte, Kinder, die am Straßenrand spielen, Dank wofür: für Versicherungspaläste oder Banken?, für Kasernen, für die teure Wehr – und tausend Schulen fehlen, tausend Lehrer und noch mehr? Konzerne dürfen maßlos sich entfalten, im Dunkeln stehn die Schwachen und die Alten, für Krankenhäuser fehlen dir Millionen, doch unsere Spielcasinos scheinen sich zu lohnen,…die Großen Zäunen ihren Wohlstand ein, die Armen warten mit leerer Hand, lieb Vaterland, für was soll ich dich preisen, es kommt ein Tag, da zählt ein Mann zum alten Eisen, wenn er noch schaffen will, du stellst ihn kalt, doch für die Aufsichtsräte sind auch Greise nicht zu alt. Die alten Werte rauschen wieder mächtig, doch junge Werte sind dir höchst verdächtig, das alte Gestern wird mit Macht beschworen, das neue Morgen deiner Jugend geht verloren. Extreme Realität gestern? Bis heute!

Wer sich dagegenstellt, ein Extremist? Im besten Sinne! Wer als solcher gescholten wird, sollte sich nicht semantisch in eine Ecke manövrieren lassen, in der in Wirklichkeit die stehen, die diese Zustände bewirken, weiter bespielen und nichts dagegen tun. Sondern, im Gegenteil, an jene Wähler/innen, die Die Linke unterstützen, appellieren, immer wieder aufs Neue Politiker/innen wie Merz, Klingbeil und Bas eine Chance zu geben, zu beweisen, dass ihre extremen Zumutungen Teil notwendiger Schritte sind. Um was? Das Land immer zunehmender zu ruinieren? Und es in die Arme der AfD zu treiben? Die Mahner an SPD und Grüne, in Berlin ja nicht in ein Bündnis mit der Linken einzutreten, wiegeln dazu auf, einem sozialpolitischen Extremismus zu folgen, der sich tief in die Gesellschaft schält. Dagegen helfen vor allem solch „extremistische“ Songs wie Lieb Vaterland. Gäbe Jürgens heut Konzerte, ich ginge hin!

Anm: Die Absätze über die Rezeption von „Lieb Vaterland“ speisen sich größtenteils durch Informationen aus „Wikipedia“ .



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