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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Viele Verstehen Manow: NICHT!

Philip Manow ist ein ganz großer im Karussell der Politikwissenschaftler. So groß, dass manche von seiner Wirkungskraft nach außen verblendet werden – und vom Drinnen nix mehr verstehen. Das ist offenbar auch bei der Freitag-Autorin Marlen Hobrack der Fall. Sie schreibt außer für den Freitag für die OAZ, die Ostdeutschen Allgemeine Zeitung des Verlegers Holger Friedrich. Und weil dem und seinem neuen Medien-Baby nicht zu unrecht ein Hang nach rechts vorgeworfen wird, tut auch Hobrack alles dafür, dass das stimmig wird. Ein Weg dorthin besteht darin, die politische Rechte zu verharmlosen. Und wie macht man das? Man gewinnt ihr beispielsweise irgendwas ab, was danach klingt als sei sie gar nicht so rechts. Vielleicht ja sogar ein bisschen links. Vor allem sozialpolitisch. Wie Hitler. Der hat zwar sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermorden lassen, aber auch Autobahnen gebaut. Und hieß es nicht Nationalsozialismus? Das kapiert doch jedes Kind.

Jedenfalls hat Marlen Hobrack das neue Werk Spaltungslinien von Manow besprochen. Das dem neuen Narrativ folgt, wonach sich links und rechts bisweilen ähnlich sehen und irgendwie aufheben. Weswegen Manow, grob gesagt, zu dem Schluss kommt, dass rechtspopulistische Parteien von heute ökonomisch links seien, so sei das Portal für Politikwissenschaft zitiert. Dort beleuchtet Manow-Kollege Floris Biskamp derlei These. Teils unbestreitbar herablassend finde sich demnach eine Kulturalisierung politisch-ökonomischer Konflikte als, wie Biskamp beschreibt, Ausdruck einer nach unten tretenden Klassen-Politik. Sprich: Eine arrogant moralisierende Mitte-Links-Phalanx, die sich, im Kontext mit Fragen von Globalisierung und Europäisierung vom traditionellen Klassenkampf entfernt, während nationale Rechte diese Lücke füllen. Mitte-links sei, wie Biskamp Manow paraphrasiert, quasi Treiber eines (fragwürdigen) politischen Wandels.

Biskamp konstatiert, dass mit der Sichtweise, wonach der Aufstieg von Rechtsaußenpolitik ein Protest von Arbeiter*innen gegen arrogante linksliberale Eliten sei, schon viele Bücher verkauft worden seien. Im Grunde, so füge ich an, entspricht das weniger ausgefeilter Empirie, als vielmehr der schlichten Selbstbehauptung rechter Populisten, inklusive der AfD oder des BSW. Mit diesem Blick werden, und das vorsätzlich, wie man insbesondere Wissenschaftlern unterstellen darf, die immer wieder für sich in Anspruch nehmen, Weisheiten gepachtet zu haben, Erzählungen bedient, wonach sich ökonomische Fragen nicht nur von rechten soziokulturell eigenen Felder entfernen, sondern liberale, vor allem linksliberale Arroganz gar rechten Kräften Vorschub leistet. Das ist, die Medaille umgedreht, nichts anderes als eine rechtsdriftende Erzählung im Gewand vermeintlich cleverer Analyse. Und mittlerweile doch schon ein bisschen sehr abgehangen.

Gibt man die Stichworte Manow und Kritik in die KI-Suche ein, so kommt zwar eine künstlich erstellte, deswegen aber nicht weniger gewichtige Manow’sche Wahrheit heraus. Demnach verlaufen die entscheidenden Konflikte nicht mehr zwischen rechts und links, sondern zwischen einer pro-europäischen Mitte und europakritischen, globalisierungsskeptischen Kräften an den Rändern. Die Krise der Gegenwart sei eine Reaktion darauf, dass der Nationalstaat als traditioneller Rahmen für gesellschaftliche Organisation und Interessen-Vermittlung infrage gestellt werde. Gipfelnd in der kühnen Behauptung, dass also die politische Mitte, die sich fast bedingungslos etwa zur Europäischen Union bekenne, Kritik an ökonomischer oder politischer Liberalisierung erschwere. Soll heißen, wer weltoffen ist, untergräbt notwendige ökonomische Kämpfe. Die müssen nun, leider, leider, (auch) Rechtspopulisten austragen.

Die Sichtweise Manows krankt daran, dass er der Rechten zugesteht, überzeugt für ökonomische Kämpfe von unten zu stehen. Und hier eine Konvergenz zwischen linken und rechten Rändern finden will. Tatsächlich aber, so schreibt Biskamp, läuft das Programm der AfD auf Folgendes hinaus: Freies Unternehmertum und Wirtschaftsstandort stärken, strangulierende Bürokratie und wettbewerbsverzerrende Vorschriften reduzieren, Handelshemmnisse beseitigen, die private Alterssicherung ausbauen, die Eigenverantwortung der Bürger stärken, das Bürgergeld durch eine aktivierende Grundsicherung mit Arbeitspflicht nach sechs Monaten ersetzen, den sozialen Wohnungsbau einschränken, öffentliche Schulden abbauen, zahlreiche Steuern abschaffen oder senken sowie Niedriglohnsektor und Mittelstand entlasten. Eine Rückabwicklung der Agenda-Reformen sähe anders aus – Umverteilung von oben nach unten erst recht. Ist das ökonomisch links? Mitnichten!

Wann immer die Rechte, in Deutschland die AfD, so tut, als würde sie sich um die Interessen des so genannten kleinen Mannes kümmern, kümmert sie sich um genau das, was ihr von einer aufgeklärten liberalen oder linksliberalen Mitte angekreidet wird. Sie versucht dort, wo sie vermeintlich fürs Volk agiert, nichts weiter, als ihre nationalistischen und völkischen Ambitionen ökonomisch-solidarisch zu unterfüttern. So werden Verteilungskämpfe eben nicht entlang der massiven Diskrepanzen zwischen arm und reich geführt, sondern entlang gebauter Konkurrenzen zwischen den Deutschen und den Zuwanderern. Das ist nicht ökonomisch links, sondern auch ökonomisch weit rechts. Derlei lässt Manow aber einfach unbearbeitet liegen. Und kommt damit dem Anti-Elitensprech der Rechtspopulisten reichlich nah. Dass Marlen Hobrack eher Manow dafür lobt als tadelt, lässt tief blicken. Nicht immer falsche Kritik an Eliten führt schnell in falsche Lager.

Der Nationalsozialismus war keine Sekunde links, auch wenn er vorgab, die ökonomischen Interessen der, sagen wir: Arbeiter*innen zu vertreten – und Millionen das nachplapperten. Ebenso wenig sind heute Rechtspopulisten, darunter die AfD, irgendwo links, auch wenn Philip Manow das glauben machen möchte – und jene, die seinem kruden Denken, der ausgeleierten Hufeisen-Theorie ähnelnd, etwas abgewinnen können. Deswegen ist es gut und richtig, wenn eine, meinetwegen kommode, liberale oder linksliberale Mitte pseudo-sozialem Gerede entgegenwirkt. Gerade der gesellschaftskulturelle Überbau der Rechten ist eigentliches Fundament ihrer vorgeblichen Politik für den Plebs. Spaltungslinien lassen sich nur in strikter Verbindung von Ökonomie UND kulturell faschistoiden Visionen erkunden . Alles andere lockt auf eine fatale Fährte. Auf der haben sich schon einmal Millionen verirrt- sowas braucht kein Deutschland, kein Europa wieder.



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