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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


AfD Und Alkoholiker

In einem nicht sonderlich langen, aber nichtsdestoweniger beeindruckenden Essay in der taz hat der Sozialpsychologe Harald Welzer, Mitherausgeber des Magazins für Zukunft und Politik von taz FUTURZWEI, den gesellschaftspolitischen Ist-Zustand hierzulande beschrieben. Sinngemäße Kurzfassung: Man befinde sich in einer Art Niustopia, welches die Nachspielzeit politischer Entwicklung beschreibe. Die progressiven Geister liegen demnach im Rückstand, hätten nach einem Rollback der Wirklichkeit viel zu lange an vermeintliche Kräfte der Selbstheilung geglaubt und ihr schöpferisches Potenzial ungenutzt gelassen. Statt dieses Potenzial im Kleinen zu entfalten, sei man fahrlässig in eine Art illusionistischen Tiefschlaf gefallen.

Die Beschreibung ist nicht allein auf Welzers Geistesblitzen gewachsen. Sie nimmt Bezug auf Stephan Grünwald, der mit seinem Rheingold Institut seit vielen Jahren die Psyche der Deutschen durchleuchtet habe. Ergebnis, so projiziert es Welzer etwa auf NGOs, Stiftungen und Initiativen: Da habe man immer groß gedacht. Und nun, alsdann ins Hintertreffen geraten, wirke man wie paralysiert, halte den Atem an und hoffe, dass irgendwie bald Alles wieder gut werde. Die Dynamik liege unterdessen auf Seiten derer, die eine in jeder Hinsicht rückwärtsgewandt Gesellschaft anstreben. Progressive versuchten dies als vorübergehenden Schwächezustand herunterzuspielen. In der irrtümlichen Annahme, eines Tages so weitermachen zu können wie früher.

Aber, oh weh, Demokraten würden weniger und Demokratie-, Freiheits- und Weltverachter mehr. Das Fatale sei, ich paraphrasiere Welzer, dass man schon vor der Jetztzeit auf Illusionen gesetzt habe. Und dass die Linke mit Kultur- statt Gleichheitskampf selbst dran schuld sei, ins Hintertreffen geraten zu sein. Nun, da es höchste Eisenbahn sei, die – ich nenne es mal: guten Kräfte wieder energetisch in Position zu bringen, vergeude man wichtige Ressourcen, in dem man seine ganze Aufmerksamkeit auf die AfD richte. Und das Eigene vernachlässige. Welzer vergleicht dies mit der Familie eines Alkoholkranken, der es schafft, dass sich alle an ihm abarbeiten und die vitalen Angelegenheiten der anderen immer weiter in den Hintergrund treten.

Die Analogie macht Sinn. Und spricht einen aus meiner Sicht tatsächlich wunden Punkt an. Sie wirft allerdings auch die Frage auf, wie man also mit Rechten in Anlehnung an das Alkoholiker-Beispiel umgeht, umgehen sollte. Was den Alkoholiker betrifft, ist, soweit ich kompetente Ratgeberschaft überblicke, angeraten, ihm ruhig, aber sehr bestimmt gewissermaßen die Pistole auf die Brust zu setzen. Will heißen, ihm zu signalisieren: Entweder du lässt vom Sprit und begibst dich in Therapie. Oder wir verabschieden uns von dir. Weil wir uns nicht länger von dir in eine Zerstörungsspirale treiben lassen. Das kann man auch klare Kante nennen. Beides schafft Raum, sich, wie Welzer nahelegt, auf die produktiven Seiten zu besinnen. Und sie zu aktivieren.

Alternative dazu: trübnasig auf eine ungewisse Zukunft zu zählen. Welzer beschreibt dies mit Blick auf gesellschaftliches Engagement so: Es gehe in der Nachspielzeit um einen Perspektivwechsel vom Großen ins Kleine, vom Utopischen ins Vorhandene, von den Problemen zu den Ressourcen. Und zwar genau in dem Moment, wo es im Großen an allen Ecken und Enden kracht. Dort, so Welzer, müsse man konkrete Handlungsmöglichkeiten sortieren und einbringen, schauen, wo die Strukturen des Gemeinschaftlichen liegen oder aufzubauen sind, die eigene Verantwortung wahrnehmen. Solange man in einem demokratischen Rechtsstaat lebe, könne man verändern, verbessern, modernisieren, das Leben lebenswerter machen.

Dies sei niemals dringlicher als eben gerade in der Nachspielzeit, meint Welzer. Und es lässt sich ihm theoretisch gut folgen. Blickt man auf die bestehenden politischen Verhältnisse, so weiß man allerdings nicht recht, befindet man sich in der Vorunden-Nachspielzeit oder schon in einem neuen Match, vielleicht dem Halbfinale oder gar, wie manche meinen, in der ersten Hälfte des Endspiels. Es lässt sich sicher immer etwas drehen, wie es so schön im Fußball-Sprech heißt. Auch im Sinne von Welzer. Das klingt in einer solchen Analogie noch leicht und schimmert positiv. In der Alkoholiker-Analogie dürfte das, soweit mir real bekannt, nicht ganz so einfach zu bewerkstelligen sein. Da gibt es Hürden, die selbst bestens motiviert nicht federnd übersprungen werden können.

Das wird auch im Umgang mit der AfD deutlich. Die am wenigsten geeignete Art, ihr gerade in der Nachspielzeit mit einem optimistischen, auf eigene Ideen und Kräfte setzenden Konter eine Niederlage beizubringen, scheint, eigene Ressourcen mit der Taktik des rechten Gegners anzu“reichern“. Profunde Beobachtungen von Experten haben wiederholt zu Tage gefördert, dass dies nach vorne nichts bringt und eher nach hinten losgeht. Sprich die Starken in der rückwärtsgewandten Nachspielzeit werden stärker. Für mich sieht es so aus, als würde auch ein ständiges Abarbeiten an der AfD eher weitere falsche Aufmerksamkeit generieren. Was also könnte man stattdessen positiv Sinnvolles tun, um das Spiel noch entscheidend umzudrehen?

In der von Welzer beschriebenen Nachspielzeit ist analog zum Alkoholiker-Problem wiederholt mit einem Verbotsverfahren gedroht worden. Doch die AfD konnte zuschauen, wie die Drohung verpuffte. Ernst zum nehmen sind die Familienmitglieder der (politischen) Gesellschaft hier bis dato offenbar nicht. Zumal auch Gerichte in ihren Extremismus-Urteilen nicht durchweg mitspielen. Mit Verweisen auf demokratiefeindliche Ziele und Strukturen der Rechten mag es auch nicht so richtig klappen. Das scheint das vom erkennbaren sozialpolitischen Desaster befeuerte rechte Wählerpozenzial eher mehr gegen das System aufzustacheln. Die Brandmauer bröckelt derweil munter weiter – besonders auch in der so genannten Mitte.

Vielleicht würde es – auch wenn das erstmal ignorant wirkt – helfen, eigene Kräfte wieder mehr durch rigorose Abkehr von der AfD zu mobilisieren. Das würde bedeuten, der rechtsextremen Partei tatsächlich, wo auch immer, die kalte Schulter zu zeigen. Hieße: Brandmauer ohne Wenn und Aber, sie muss sein und nicht mehr ständig diskutiert werden. Hieße: Nicht den Fehler begehen, mit der AfD auch nur irgendwo die Hand zu heben; da haben selbst Die Linke als auch die Grünen gepatzt. Hieße dann aber auch: Eine durch gemeinsame Allianzen aller anderen Parteien begründete Politik, die den Menschen Hoffnung gibt, statt ihre Ängste ins Unendliche zu schüren. Da scheint mir die demokratische Familie aber nur wenig zusammenzuhalten.

Und das ist dann quasi auch schon der Pferdefuß an Wünschen, die sich hinter Walzers gut abgestecktem Essay verbergen. Auf den Alkoholiker bezogen, haben wir es mit einer Familie zu tun, in der es einerseits den Trinkspecht gibt, auf der anderen Seite die Gruppe der Betroffenen, in der sich neben Angehörigen, die tatsächlich einen eigenen positiven Weg gehen wollen, aber die so genannten Co-Abhängigen bewegen, die es nicht aus der Falle hinaus schaffen und die das dilemmatische Konstrukt stützen. Diese Co-Abhängigen sind nicht selten in der familiären Mehrheit. In der Alkoholiker-Welt ist das äußerste dramatisch. In der politischen Welt höhlt dies gerade jegliche Hoffnung aus, dass sich das in der Nachspielzeit noch positiv drehen ließe.

Vielleicht ist das aber auch schon die Haltung, die Welzer als das Problem betrachten würde. Vielleicht steckt da schon das Trübnasige drin, das mich und uns paralysiert. Dass auf die riskante Karte setzt, dass, wenn nicht wir klare Kante zeigen, wenn nicht die Regierung zur Besinnung kommt (wofür es nicht die geringsten Anzeichen gibt), wenn die positiven Kräfte der Gesellschaft nicht Hunderttausende auf die Straße für eine hilfreiche Sozialpolitik treiben – dann nur noch Eines die Wende bringen kann: Dass die AfD sich zerlegt. Als würde der Alkoholiker zum Wohle der Umgebung der eigenen Sucht erliegen. Und damit das Drama der Nachspielzeit aus der Welt geschafft. Ich fürchte, die Rechnung ist schwierig, denn Trinker können ziemlich alt werden.



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