ArtsAndSocials

Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Potters Ungewöhnlicher Wechsel?

Ungewöhnlicher Wechsel – so hat das Medienportal Kress das sanfte und fast geräuscharme Hinübergleiten des nun ehemaligen taz-redakteurs Nicholas Potter zur Springer-Bastion Welt betitelt. Von wegen. Dass der Mann jemals für die vergleichsweise linke taz unterwegs war, konnte im Grunde nur zwei Gründe haben. Entweder die taz hat den britisch-deutschen Journalisten im Zuge einer neuen Agenda journalistisch-politischer Sprunghaftigkeit an Land gezogen. Und die Sprunghaftigkeit bewusst eingepreist. Oder es war eine Art journalistischer Naivität im Spiel, die sich vor allem aus Potters unverbrüchlichem Kampf gegen all das speiste, was bis auf weiteres im Sinne deutscher Staatsräson als antisemitisch gilt. Potter quasi als versehentlicher Antipode zu dem palästinenserfreundlichen Autoren Daniel Bax.

Dass Nicholas Potter seine Rolle nutzte, um der taz – zumal nach dem brutalen Massaker der Hamas vom Oktober 2023 – den Anstrich zu geben, bei ihr seien neben unverbrüchlichen Kämpfern gegen jede Form der Israel-Kritik auch tapfere Streiter wieder Die neue autoritäre Linke (Titel seines jüngstes Buches) zu Hause, konnte stutzig machen. Das Buch ist eine auf persönliche Erfahrungen fußende Generalabrechnung mit der Linken. Die nicht nur vom Magazin Jacobin als emotionales, wenig fundiertes Werk kritisiert wurde. Und man muss kein Linker sein, um dem zuzustimmen. Vielleicht war es die Tatsache, dass Potter wegen seiner Haltung Gewaltaufrufe entgegenschlugen, weswegen die taz auch journalistisch zu ihm hielt. Ihre Chefredaktion verurteilte die Aufrufe zu Recht als Angriffe auf sich und die Pressefreiheit.

Potters Weg zur Welt ist aber alles andere als ungewöhnlich. Er folgt einer Grundlinie, die vor allem eine Anklage gegen so genannten linken Antisemitismus ist. Und zusammen mit seinem Fluch auf Die neue autoritäre Linke eine Anklage gegen überhaupt alles Linke. Denn links, das ist für Potter nahezu stets mit Israel-Feindlichkeit, die wiederum stets Antisemitismus ist, mit autoritären Strukturen, die für Anhänger eine israel-kritische Haltung zwingend machen, und anderen linksgestrickten Auswüchsen verbunden. Dass so jemand von der Israel-Lobby-Organisation ELNET hofiert wird, der enge Verbindungen zur israelischen Rechten und zur Siedlerbewegung nachgesagt werden, erklärt sich wie von allein. Und dass dieser Jemand nun zur Welt wechselt, ist quasi das, was man einen Selbstläufer nennt.

Potter ist nicht der/die erste Journalist*in, den/die es zum Vorzeigeblatt des Springer-Imperiums, der Bild für Intellektuelle, zieht. Den Sprung haben schon viele fröhlich genutzt, um sich nach Jahren der Verirrungen und Verwirrungen als geläutert zu zeigen. Deniz Yücel ist einer dieser prominenten Berufs-Konvertiten. Der deutsch-türkische Journalist und Publizist, auch PEN Berlin-Sprecher, hat eine nicht untypische Strecke absolviert. Vom Autoren für Junge World, taz, am Rande die antirassistischen Leseshow Hate Poetry, Freien-Ausflügen zur SZ, dem Tagesspiegel, NDR, WDR und anderen, landete auch er, wie Potter, bei der Welt-Gruppe, die er kürzlich verließ. Der einstige Mopperer gegen den Papst und Alt-Bundesprüsident Gauck, länger in der Türkei inhaftiert, ist eine schillernde Figur der Branche.

Yücel wurde wiederholt für seine Rolle als Polarisierer angegriffen. Zunehmend auch von jenen, die Themenschwerpunkte, die er setzt, wie Meinungsfreiheit und Heimat, durchaus missverständlich behandelt sahen. Sie finden, dass Yücels journalistische durchaus mit politischer Wanderschaft zu tun hat. Yücel, der nach eigenem Bekunden aus einem linken Elternhaus kommt, wurde manchen zu biegsam. Für Springer der Idealfall. So ideal wie Nicholas Potter jetzt. Der als Kronzeuge gegen eine im Großen und Ganzen unerträgliche, meist antisemitische Linke auf die journalistische Tube drücken möge, wie man meinen könnte. Potter jedenfalls scheint seine Heimat gefunden zu haben. Während Yücel sie gerade wieder verlassen hat. Wohin, sagte er bisher nicht. Aber Wanderschaft scheint journalistisches Programm.



Hinterlasse einen Kommentar