Ich war im Berliner Bode-Museum. Erster Stock. Dort hängt, bevor es ins Kanzleramt geht, das Bild mit Angela Merkel. Das Porträt, das sie stehend zeigt, nimmt Platz zwischen einem Haufen alter Schinken an den Wänden. Bei denen sich mir, zum wiederholten Male, die banausenhafte Frage aufdrängt, warum wir eigentlich unsere Museen, auch wenn sie in alten Gebäuden beheimatet sind, mit dieser zwar unbestritten künstlerisch wertvollen, doch im wahren Wortsinn verstaubten Materie bestücken müssen. Ja, ich weiß: Museen dienen vornehmlich einer Art Rückbesinnung – hier auf die Geschichte der Malerei. Und sollen Erkenntnis darüber gewinnen helfen, wie sich Malerei im Kontext ihrer Zeit entwickelte. Und Zeit-Geschichte und, ja: auch Politik spiegelt. Aber irgendwie hat das auch immer etwas unangenehm Restauratives. Und so schön alles anzusehen ist: Ich kann das dumme Gefühl nicht loswerden, dass man stets angehalten wird, sich an etwas Vergangenes zu klammern.
Aber zum Besuch im Bode-Museum – und zum Merkel-Bild. Es begann damit, dass eine aufgetakelte ältere Dame Merkel ganz nahe sein wollte. So richtig nahe. Vielleicht auf 30 Zentimeter. Als ein Mann, der an diesem Tag am Merkel-Bild wache schob, sie darauf hinwies, dass ein gebührender Abstand zum Gemälde zu halten sei, entpuppte sich die Dame in all ihrer Grazilität als beinharte kämpferische Anarchistin. Warum, so fragte sie, solle sie nicht ganz nah ans Bild heran dürfen, wo doch bei Eröffnung der Ausstellung, das habe sie auf Fotos gesehen, ganze Trauben von Menschen nicht 30, sondern vielleicht maximal 10 Zentimeter Abstand zu Merkel gehalten hätten. Jetzt, also, da sie da sei und mit ihr gerade Mal eine Handvoll Betrachter:innen, solle sie, die was von Kunst verstehe und das Bild deswegen aus der Nähe anschauen wolle, auf einen völlig absurden Abstand verwiesen werden? Sie schaute auf das Namensschild des Wachhabenden und beteuerte, sie würde ihn bei den Museumsverantwortlichen gehörig verpfeifen.
Die Episode war munterer Auftakt zur eigenen Besichtigung des Merkel-Bildes – in gebührendem Abstand. Der reichte aber, um in dem Bild des jungen und bislang nicht sonderlich berühmten französisch-deutsch-kanadischen Künstlers Jérémie Queyras etwas zu entdecken, was im Zusammenhang mit Berichten über Merkel, Bild und Maler irgendwie nie auftauchte. Es handelt sich um eine künstlerisch-anatomische Kleinigkeit, die mir seitdem einigermaßen laienhaftes Kopfzerbrechen bereitet. Und zwar geht es um die linke Hand Merkels, mit der sich die deutsche Altbundeskanzlerin auf einen Block oder Ähnliches (ab)stützt. Ich habe mir die Hand auf dem Gemälde sehr lange angeschaut. Und auch nach vielen Nachstellungen zu Hause den festen Eindruck gewonnen, dass Merkel ein Finger fehlt. Und zwar der Mittelfinger. Selbst wenn sich der irgendwo zwischen Zeige- und Ringfinger verstecken sollte, müsste am Schattenspiel erkennbar sein, dass es ihn auch malerisch gibt. Doch so richtig will es sich mir nicht erschließen.

Mit sehr viel Fantasie könnte man annehmen, dass sich der vom Ringfinger ausgehende Schatten in Richtung Handballen leicht verbreitert. Mit sehr viel Fantasie. Mit ihr ließe sich eventuell auch darauf kommen, dass knapp hinter dem Zeigefinger so etwas wie das Relikt eines nur Millimeter versetzten Mittelfingers zu sehen ist. Aber auch da muss man sich ziemlich anstrengen. Und auch das kommt dann mit den Schatten unter der Hand nicht wirklich gut hin. Verstörend ist außerdem ein Knubbel auf Merkels Handoberfläche. Zum letzten Mal habe ich einen solchen Knubbel gesehen, als meine Mutter von einer Wespe gestochen wurde und das Gegenmittel nicht augenblicklich half. Auch darüber muss man, je länger man auf die Hand Merkels schaut, mit den Augen stolpern. Zumal der Knubbel unglücklich in die Zwischenräume zwischen den Fingern geraten sein muss. Was auf eine eher ungewöhnliche Schwellung hindeuten mag. Machen wir’s kurz: Auch bei allem Wohlwollen gegenüber künstlerischem Wandeln zwischen Naturtreue und Abstraktion ist dieser Ausschnitt des Merkel-Bildes nicht wirklich gelungen.
Ein Tagesthemen-Bericht erzählte anlässlich der Merkel-Bild-Enthüllung ein bisschen aus der Geschichte der Kanzler-Gemälde-Galerie. So etwa, dass das Porträt von Willy Brandt zweimal entstand, weil die erste Version nicht gefiel. Und dass Helmut Kohl, dessen Porträt im Kanzleramt etwas von einer schlechten Karikatur hat, nicht den Hauch einer Lust aufbrachte, sich mit seinem quasi Ebenbild anzufreunden, pfälzischer O-Ton: Ich hab ’n Problem demitt…das hab ich immer auch bei Fotografien. Es wäre freilich zu ahnen gewesen, was herauskommt, wenn Albrecht Gehse zum Pinsel greift. Alles in Allem spräche jedenfalls nichts dagegen, dass sich der Merkel-Maler Queras sein Werk nochmal, möglicherweise zusammen mit der Altkanzlerin, anschaut…und ein bisschen nacharbeitet. Vielleicht war die Irritation mit der Hand der Grund, weswegen der Bilder-Wächter angehalten wurde, Besucher nur nicht zu nah an Merkel heranzulassen. Dann könnte ich seine brüske Aufforderung, Abstand zu halten, gut verstehen.

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