Ich habe immer wieder die Öffentlich-Rechtlichen gegen Angriffe von rechts verteidigt. Vor allem, weil diese Angriffe ein Teil der AfD-Agenda sind, die angeblichen Staatsmedien insgesamt in Schutt und Asche zu legen. Und mit ihnen einen ganzen Kulturbetrieb, der sich, wenn auch nicht immer, als Garant für eine demokratische Gesellschaft behauptet. Nirgendwo ist Freiheit so wichtig wie auf Bühnen, Kinoleinwänden, in der Musik, in der bildenden Kunst und der Literatur. Dass sie mittlerweile auch von einem politisch übergriffigen rechtskonservativen Kulturstaatsminister attackiert wird, ist bedauerlich bis gefährlich. Aber glücklicherweise lässt sich die Szene, um Bedeutung und Haltung wissend, nicht so schnell von einseitiger Einflussnahme beeindrucken und verteidigt bislang noch erfolgreich ihre Stellungen.
Umso unverständlicher ist es, wie der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) in seiner Finanznot etwas macht, was Angriffen auf die ÖRR, von denen ich behaupte, dass sie bei allen Mängeln der demokratischen Kultur in unserer Gesellschaft förderlich sind, Vorschub leistet. Er streicht den Tatort für Jahre aus seinem Portfolio. Das wird dem Autor des Freitag, der sich vor einiger Zeit dazu aufgeschwungen hat, die grundsätzliche Abschaffung des Sonntagabend-Krimis zu fordern, weil dort Verbrechen seit mehr als 50 Jahren auf immer die gleiche Art und Weise verhandelt würden, gefallen. Tatort-Fans, zumal denen, die sehen, dass spannende Fernsehunterhaltung allemal auch aus dem Osten der Republik ins Hauptprogramm kommt, weniger. Sie werden das als Beleg für Vorwürfe nehmen, die ÖRR würden den Osten schnöde unterbuttern.
Die Axt ausgerechnet an den Tatort anzulegen, mag ostdeutschen Zuschauern, war das das Kalkül?, nicht so wehtun. War eh ein West-Serien-Import, wenn nur der Polizeiruf bliebe!. Aber auch der soll pausieren. Ich fürchte, dass derartige Programm-Einschnitte heftig nach hinten losgehen. Zumal der MDR auch das ARD-Mittagsmagazin, nachdem er um die Hoheit darüber gerungen hatte, abgibt. Mithin also gar von drei Formaten zumindest zeitweise Abschied nimmt, die das Erste prägen. Die BILD nahm die Entscheidung zum Anlass, herauszustellen, dass mit dem vorläufigen Aus der Krimi-Produktion auch die bekannten Ermittlerteams aus Dresden und Magdeburg vor einer langen Pause stehen. Drei der Kommissar*innen gebürtige Dresdner*innen. Das macht die Sache noch heikler.
Der MDR verweist in der Rechtfertigung seiner Entscheidung vor allem auch auf die Gebührendiskussion. Wäre die aus unserer Sicht rechtmäßige moderate Anhebung des Rundfunkbeitrags seit 1. Januar 2025 so umgesetzt worden, wie von der KEF empfohlen, müssten wir diesen nun einschneidenden Weg nicht gehen, erklärte MDR-Intendant Ralf Ludwig. Doch die Realität lassen keine andere Wahl. Das klingt ein Bisschen wie: Weil sich die Politik im Sinne einer über Beiträge motzenden Öffentlichkeit gegen eine angemessene Finanzierung stelle, zeige der ÖRR jetzt mal, was aus einer solchen Haltung werden kann. Das liest sich nirgendwo so und entspringt hier bloß meiner durch nichts belegten Fantasie. Jedenfalls tuen sich der MDR und die ARD mit solchen Programmschritten keinen wirklichen Gefallen.
Ich stecke zu wenig in Programm-Strukturen, um belastbar sagen zu können, wo der MDR besser gespart hätte, ohne auf ARD-Flaggschiffe seines Angebots mit besten Einschaltquoten zuzugreifen. Vielleicht ist es so, dass er das Regionale nicht antasten und wenn schon, eher überregional bluten wollte. Um der Kundschaft im Osten zu zeigen, wie sehr man den Menschen dort verbunden ist. Dann bleibt freilich immer noch das Manko, sich im Zweifel nicht überregional behaupten zu wollen. Und damit wertvolle bundesweite Bedeutung abzugeben. Auch das kann am Selbstbewusstsein Ost nagen. Immerhin geht es hier um die wichtigsten und sichtbarsten TV-Produktionen aus der MDR-Heimat Leipzig, wie es bei Deutschlandradio Kultur heisst. Dass hier strategisch nicht klug gehandelt wird, zeigen auch andere Pläne.
Nach denen wird aus Spargründen die Axt nicht allein an herausragende überregionale Serien und TV-Formate angelegt, sondern auch an Bereiche, die eng mit der Zukunft öffentlich-rechtlichen Journalismus‘ verknüpft sind: An Podcasts und Social-Media-Angebote. 300 Stellen sollen auf dem Spiel stehen. Gerade auf diesen Feldern allerdings entscheidet sich in besonderem Maße, wie lebens- und überlebensfähig sich die ÖRR aufstellen. Wer Social-Media, was immer man davon halten mag, um, wie zu lesen, 30 Prozent kürzen will, hat, so scheint es, die leuchtenden medialen Signale nicht erkannt. Und leistet ungewollt dem AfD-Programm in Sachsen-Anhalt Vorschub. Dort ist wird unter dem Stichwort Medien klar und unmissverständlich die Abwicklung der ÖRR in jetziger Form an die blau-braune Wand gemalt.
In den Chor derer, die jeden Anlass nehmen, um den ÖRR an den Karren zu fahren, stimmt, wie nicht anders zu erwarten, angesichts der MDR-Vorhaben gern wieder die Phalanx aus Union und FAZ ein. Und dort immer wieder gern Michael Hanfeld. Der im Unterton fast schadenfroh dem MDR zuposaunt: Über seine Verhältnisse gelebt! Die Union in Sachsen-Anhalt sieht sich im Wahlkampf mit der AfD angespornt, die Begrenzung der Gehälter von ÖRR-Spitzenleuten und die Honorare für Stars und Moderatoren („utopische Höhen“) zu fordern. Am Besten, es gebe statt ZDF und ARD nur noch einen Sender, so ein Vorstoß zusammen mit der CDU in Sachsen. Gnade soll es nur im Regionalen geben, den Dritten der ARD. Wegen der Meinungsvielfalt. Man kann sich sehr gut vorstellen, was darunter zu verstehen ist.
Natürlich ist es so, dass bei den ÖRR gespart werden muss. Sie könnten etwa bei den AT-Auszahlungen an die Intendat*innen ran. Schauen, was die, in der Tat – da kann man Kritiker*innen Recht geben – oft üppig personell gepolsterten Verwaltungen hergeben. Und ob auf Dritten-Kanälen computergesteuert parallel vor sich hingedudelt werden muss. Selbst dann, wenn regionale Nachrichtenfenster zwischendrin geöffnet werden. Nur: An quotenstrotzenden (und entgegen allen Unkenrufen gut gemachten) Krimi-Formaten zu kratzen und digitale Zukunftsfelder auszutrocknen bringt nichts. Außer man will einem Trutsch-Publikum gefallen, von dem es reichlich gibt. Aber: Wie lange noch? Soll mehr Heimatverbundenheit her? Die AfD hat dafür in ihrem Programm schon einen Slogan: Entpolitisierung der Medienanstalt.
Was vermutlich nicht mehr geht wie es früher ging: Die ÖRR im Besitzstandsmodus weiterzubetreiben. Da braucht man bloß auf die Printmedien zu schauen, die sich in den 90er Jahren verhoben haben, um anschließend an der Insolvenz entlangzutrudeln. Viele veschwanden nur deswegen nicht aus dem Blätterwald und konnten später an die digitale Welt andocken, weil größere Verlage als Retter in der Not anrückten. Da die ÖRR keine Profitmaschinen sind, wäre da freilich niemand in Sicht. Nur der vereinte Willen der Politik (nicht der Partei-Politik) und demokratischen Engagements kann den Sinn bewahren, den einst die Alliierten in den öffentlichen Medien sahen: Nämlich sie nach der Nazi-Herrschaft als demokratiefördernden Raum zu installieren. In dem Ideologie draußen bleiben sollte. Nicht wahr, Sie AfD?
Dass die rechtsextreme Partei, die die ÖRR für grünversifft hält, aber vom Verfassungsschutz in Sachen freiheitliche-demokratische Grundordnung nicht wirklich gut benotet wird, den MDR in ein verfassungskonformes Grundangebot überführen möchte, klingt wie ein bitterer Witz. Und unterstellt, dass die AfD besser als der MDR weiß, was das ist: Verfassungskonform. Gerade vor diesem Hintergrund sollten die ÖRR und damit auch der MDR nicht kopflos die Aushängeschilder des Programms abmontieren. Und Zukunftsstränge beschneiden. Es ist meist schwer, verlorene Qualität später wiederzugewinnen. Und es besteht die Gefahr, dass immer weniger übrig bleibt, was es an Schützenswertem zu verteidigen gäbe. Derlei Handeln könnte in gewisser Weise vorauseilend die Aushöhlung der ÖRR zumindest mitbewirken.
Insofern ist den ÖRR, nicht nur dem MDR, zu wünschen, künftig etwas mehr konstruktive Fantasie zu entwickeln, wenn nach Spar-Potenzialen Ausschau gehalten wird. In jedem Fall sollte man nicht an dem rütteln, was insbesondere die Qualität öffentlich-rechtlicher Angebote ausmacht: Serien wie Tatort und Polizeiruf etwa, Podcasts und Social-Media-Aktivitäten. Wenn, wie SWR-Intendant Kai Gniffke sagt, die ARD-Sender Anwalt der Wirklichkeit – nicht der Schwachen sein sollen. Dann sollten Sender wie der MDR unbedingt die Wirklichkeit erkennen. Sonst wird er über kurz oder lang an einer Anwaltschaft nicht vorbeikommen, die sich der eigenen Schwäche zu erwehren hat. Das muss nicht sein, auch wenn es mehr als fragwürdige Kreise gibt, die fröhlich dabei zuschauen würden, wenn die ÖRR fleißig an den eigenen Ästen sägen.

Hinterlasse einen Kommentar