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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Kosmetik trifft Geschichte

Kuriositäten, Kosmetik, Geschichte. Man mag gar nicht mehr hinschauen. Wenn versucht wird, mittels Historien-Klitterung und Vergangenheits-Leugnung Wahrheiten zu verdrängen. Und im Versuch, besonders besonnen zu sein, von Sinnen zu handeln. Der Sonderzug nach Pankow ist den Apologeten der political correctness jedenfalls gehörig entgleist. Depperte OberIIIIIIIIIIIs wollten sich mit bunten Federn schmücken. Und haben sich selbst die Hosen runtergezogen. Das ist purer Kolonialismus in der Verkleidung von Anti-Kolonialismus.

Was ist geschehen: Im Trachten danach, nicht zu singen, was nicht sein darf, haben sich Chöre für einen Auftritt im Humboldt-Forum textlich reingewaschen. Die unterlegte Stiftung drängte darauf, im Lindenberg-Song von 1983, in dem U. L. ehedem an den Oberindianer Honecker appellierte, ihn doch aller ideologischer Gefahren für die damalige DDR zum Trotz auftreten zu lassen, das Wort Oberindianer zu eliminieren. Weil in dem Begriff die Gewaltgeschichte der Kolonisierung indigener Bevölkerungsgruppen nachklinge, wie es hieß.

Die Krux, 1.: Scheiß auf das allgemein gültige Urheberrecht. Und, schlimmer, 2.: Der Glaube, wenn man Worte eliminiert, korrigiere man nicht nur semantische Realitäten. Auch, wenn die Stiftung derlei Untersagung befahl: Das Lied mitsamt dem Text gab und gibt es. Wie die Gewaltgeschichte der Kolonialisierung. In dem man Texte unterdrückt, schafft man weder das eine noch das andere aus der Welt. Statt sich dem, was war (und leider noch ist) zu stellen, denkt man, durch kuriose Ausweichmanöver allem zu entkommen. Welch fataler Trugschluss.

Das Ganze müffelt nach einer Art Vergangenheitsbewältigung, wie sie etwa die Bundesregierung mehrfach probiert hat und damit in der Öffentlichkeit gescheitert ist. In dem man zunächst schaut, ob sich Unrecht nicht durch Ignoranz und Ausblendung ungeschehen machen lässt. Und sich dann umschaut, inwiefern Schuld nicht in Unschuldstränen reingewaschen werden kann, wird danach gesucht, sich durch Aus- statt Einlassungen aus der Affäre zu ziehen. Doch genau das macht alles verwerflicher, als es eh schon war und ist.

Will heißen: Texte nicht in ihrem Kontext zu lassen, deutlich zu machen und als das zu entlarven, was sie waren und sind, geht Geschichte aus dem Weg. Das ist nicht das Gegenteil der Rechtfertigung von Kolonialismus, sondern das ist doppelte Gewalt(geschichte). Einmal tritt sie als Teil vergangenen Fauxpas‘ auf, das andere (aktuelle) Mal verkleidet als Leerstelle. Doch wie das so ist: Eine Leerstelle kann, ob man will oder nicht, häufig schwerer wiegen, als das Zitat. Die Auslassung transformiert zur peinlichen Häutung. Und geht nach hinten los.

Die Angelegenheit ist ahistorisch als würde man die Inschriften an Felsen und historischen Gebäuden gegenwärtig weghämmern und damit Historie ungeschehen machen oder einen Widerspruch darstellen wollen. Es ist keine sinnvolle politische Handlung, sondern der unsinnige Versuch, sich durch Ausblendung von Geschichte eine Art künstlerische Absolution zu verschaffen. Statt sich mit Zitaten kritisch und offen auseinanderzusetzen. Wenn schon, wäre es integrer, sich erst gar nicht mit einem Text zu schmücken und unglaubwürdig zu machen.

Das ist der Unterschied zur Kritik, die aus einem Lager kommt, dem es bekanntlich herzlich wurst ist, was Deutschland und die Welt an kolonialen und postkolonialen Übergriffigkeiten verbrochen hat – und mit unserem Land auch gedankenlose Protagonisten aus welchen Bereichen auch immer. Ihnen gehen Indianer & Oberindianer am Allerwertesten vorbei. Wie viele andere Menschen, denen man politisch unverfroren zu Leibe gerückt ist oder rückt. Vergessen wir also Kubicki & Co. Sie waren noch nie ernstzunehmende Gestalten.

Das über die Debatte hinaus mehr als ärgerliche an der Geschichte im Umgang mit Original-Texten, die fragwürdige Worte und Begriffe führen, ist, dass man die Tür für BILD & Konsorten öffnet. Sie warten tagtäglich nur darauf, durch derlei streitbaren Umgang, der ja einen ernstzunehmenden Hintergrund hat, ihre profanen und populistischen Tiraden auf die Öffentlichkeit niederregnen zu lassen. Das aber sollte kein Grund sein, Diskussionen auszuweichen, sondern Grund, dem jeweiligen Ermessen intellektuelle Substanz zu verleihen.



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