Der Rauch über der Auseinandersetzung um die gescheiterte Inthronisierung von Thilo Mischke als Moderator des ARD-Kulturmagazins titel, thesen, temperamente ist verflogen. Bis auf wenige flatterige Ausläufer. Und alles ist gesagt. Aus allen Richtungen.
Die Fürs und Widers den Kandidaten, der ARD und ihrer glücklosen Hierarchen sind erörtert. Samt moralischem Widerstand gegen Mischke und dem Widerstand gegen den Widerstand.
Fiel Mischke einer links-typischen Hetzjagd zum Opfer, wie jemand meinte. Oder wurde er zu recht zu Fall gebracht und die TV-Hochkultur gerettet?
Wem stehen endgültige Urteile zu?
Was mehr umtreibt, ist im Verlauf des Streits weniger die Person, um die es hier zu allererst ging. Als vielmehr das, was sich dahinter auftat und auftut.
Wer genau gelesen hat und liest, wird gewahr, dass sich im Zuge des Streits darüber, wer künftig die Kultur-Sendung im Ersten moderiert, vor allem ein Streit über die deutsche Debattenkultur Bahn gebrochen hat.
Die ARD-Programmdirektorin Christine Strobl etwa rieb sich an hitzigen Gefechtstönen, die eine Diskussion am Ende nicht mehr möglich gemacht und nurmehr den Rückzug als Ausweg aus der schwierigen Situation gelassen hätten.
Der FAZ-Autor Michael Hanfeld, sah in der Kritik an Mischke zuerst eine Art Wollust, den Mann abzusägen. Und bescheinigte darob einen Besorgnis erregenden Zustand der deutschen Debattenkultur.
Eine für sich gesehen krude Vorstellung davon, was – unabhängig vom betroffenen Objekt – wie debattiert wird oder zu debattieren ist. Offenbart sich darin doch, dass nicht die Debattenkultur in Deutschland leidet, sondern die Fähigkeit oder der Willen, überhaupt Debatten zu führen. Debatten auszutragen und gegebenenfalls auszuhalten.
Der Begriff Debatte entspringt dem französischen débattre; de (se) battre. Also schlagen. Sich mit jemandem in Worten schlagen. Es würde ein simpler Blick ins Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) genügen, um zu erkennen, dass Debatten im Zweifel nicht für Menschen taugen, die einem Streit nicht gewachsen sind.
Debatten können hitzig sein. Sie werden befeuert, entbrennen, sind heftig, kontrovers, intensiv. Sie stoßen an und werden bisweilen erregt und stürmisch geführt. In Debatten wird eingegriffen, sie können breit angelegt sein, werden meist öffentlich ausgetragen – oft in viele Richtungen. Und es gibt im Grunde kein Thema, das vor Debatten sicher ist. Oder sein sollte.
Und es ist keine irgendwo vermerkte Empfehlung erkennbar, dass jeder Beitrag in einer Debatte in sich ausgewogen sein muss. Es treffen also gegebenenfalls extrem unterschiedliche Sichtweisen und Kritik aufeinander; was immer dabei herauskommt.
Wenn also die ARD-Programmdirektorin Strobl davon spricht, dass sie die Wucht und die Dynamik der Debatte in der Causa Mischke beschäftige, und dass man jetzt wieder zu einer normalen Debattenkultur zurückkommen müsse, was meint sie?
Was soll darüber hinaus der Vorwurf des FAZ-Autoren Hanfeld, die Kritiker Mischkes wollten den Mann absägen? Was ihnen ja als Ziel unbenommen sein müsste. Denn natürlich hat jeder Debattenbeitrag – siehe oben – ein Ziel, nämlich den Gegner mit Worten zu schlagen.
Und was soll der Vorwurf, der auch laut wurde, dass nämlich die, die Kritik an der geplanten Besetzung Mischke übten und an seiner Person, sich einseitig äußerten und nicht alle Argumente für und gegen den gescheiterten Mann gewogen haben.
Ist es Sinn eines Debattenbeitrags, alle Gesichtspunkte im Auge zu haben? Oder entsteht nicht aus durchaus einseitigen Standpunkten das, was eine Debatte ausmacht?
Und was ist, wenn dem so ist, den Mischke-Kritikern übel zu nehmen?
Sie haben ja nicht der angegriffenen Seite verboten, sich gegen die in Teilen durchaus vehemente Kritik zur Wehr zu setzen, Gegenargumente ins Feld zu führen. Was auch, wenngleich ziemlich zeitverzögert, geschah.
An der Debatte über die Debatte um den ausgewählten, aber am Ende gescheiterten Moderator Mischke wird deutlich, was derzeit an vielen Debatten deutlich wird. Auch an der über den Antisemitismus in Deutschland.
Man ist nicht gewillt, Debatten den Raum zu geben, den sie eigentlich nicht nur einnehmen können, sondern einnehmen sollten. Einen Raum, in dem widerstreitenden Positionen Luft gegeben wird. Zum Vorteil beider Seiten. Und, wenn man so will, zu ihrem möglichen Nachtteil.
Denn Debatten haben den Sinn, die besten Argumente in Feld zu führen und den Gegner im besten Fall zu überzeugen. Oder mit Worten zu schlagen.
Wenn in der ein oder anderen Debatte die Debatte damit unterdrückt wird, in dem man sich an ihren Inhalten und/oder ihrer Form stösst, dann entspricht das nicht dem Grundprinzip einer Debatte, sondern soll Debatten verhindern.
Das wird in der Antisemitismus-Debatte in Deutschland immer wieder versucht, in dem man eine Debatte erst gar nicht zulässt. Mit der Behauptung, der ein oder andere Standpunkt sei nicht debattenfähig. Weil er nicht einer vermeintlichen Räson entspricht. Von der man behauptet, sie sei das Ergebnis einer bereits geführten Debatte. Also sei eine weitere Debatte nicht nötig. Was in sich ein debattenfähiger Widerspruch ist.
Oder in dem man oberflächlich auf die Zielsetzung einer Debatte verweist oder auf den Ton, in dem Beiträge formuliert werden. Dabei ist sowohl ein Ziel als auch der bisweilen scharfe Ton Debatten durchaus immanent und gänzlich ungeeignet, Debattenbeiträge zu diskreditieren.
Und es ist auch ganz und gar unsouverän, Subjekte in einer Debatte zu marginalisieren und ihnen damit mittelbar das Wort verbieten zu wollen. Wie es auch öffentlich in der Debatte um Thilo Mischke zu lesen war. Im Übrigen kann sich, was auch geschieht, selbst der augenscheinlich Dümmste ins Wortgefecht schlagen. Auch das geben Debatten her.
Es scheint, und das ist die Krux vieler derzeitiger Konflikte, dass sie eben gerade am liebsten nicht ausgetragen werden sollen. Wenn sie dem einen oder anderen zu haarig oder anstrengend oder im Ton nicht genehm sind oder Argumente fehlen.
Das freilich ist die debattenfernste Position, die man einnehmen kann.
Und das ist dann der Punkt, an dem man die Debattenkultur wirklich hinterfragen kann. Nicht um sie zum Normalzustand zurückzuführen, sondern um an ihren Kern zu erinnern.
Dem Austausch unterschiedlicher Positionen – und sei es mit dem Ziel, jemanden aus seinem Amt oder seiner Bestimmung zu fegen – als Politiker, Moderator, Religions- oder Rassen-Apologeten. Dazu ist es gut, dass es Debatten gibt. Wie schwierig diese auch immer scheinen.
Nicht debattieren zu wollen, nur weil einem die jeweils andere Meinung nicht passt oder der Ton zuwider ist, ist der gravierendste Angriff auf eine Debattenkultur.

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