Es ist, dafür werde ich mich nie und nimmer entschuldigen, mal wieder der Berliner „Tagesspiegel“, der mich herausfordert. Diesmal hat sich, in der Rubrik „Gesellschaft“, die Redaktion ein wahrlich neues Thema vorgenommen. Nämlich „Modeprofis verraten ihre ultimativen Tipps“. Unterzeile: „Ziehen Sie sich wie ein gut gekleideter Opa an“. Das ist nicht, wie man nachsichtig meinen könnte, als Scherz gemeint. Sondern ein ernsthaftes Sortiment an Ratschlägen. Und weil der „Tagesspiegel“ immer am Puls der Zeit ist, staubt es denn aus den Schränken derer, die sich da kurz und bündig auslassen, dass man Hemd und Hosen nicht vor Augen sieht. Ich habe, grob gerechnet, zum letzten Mal in meinen 20ern bei Peek&Cloppenburg nach einem Shetland-Pulli gesucht. Seitdem aber die Kaufhaus-Kette nie mehr (ich Lüge!) betreten. Und werde es, ich schwöre es bei den Schnürsenkeln meiner dreckigen Sneakers, auch nie mehr tun. Schon wegen der Sneakers bin ich im Grunde auch nicht mehr vorzeigbar.
Zu diesem Schluss kommen die (allesamt) Herren, die einem jetzt im „Tagesspiegel“ sagen, was man auf der Straße sehen oder nicht sehen möchte. Als da sind: Korbinian Ludwig Heß, Adam Schatzschneider, Konstantin Spachis, Joe Laschet, Klaus Ritzenhöfer, Bernhard Roetzel und zuguterletzt Ben Bernschneider. Sie alle werden „Experten“ genannt. Und das sind sie fraglos. Ihr Repertoire wimmelt von Bundfalte und Kaschmir, Strick-Polo und „Oxfords“, ledernen Wendegürteln und Chinos, Wollfresko und Flanell, Navy Blazern und atmungsaktivem Leinen. Hier und da fällt auch, ganz zufällig natürlich, ein Markennamen. Und allesamt, ich schwöre es beim Ripp meiner in Kroatien erstandenen Billig-T-shirts, haben nie in meinem Schrank Platz gefunden und werden es nicht tun. Schaue ich die Herren genauer an, würde ich, auch wenn ich dafür ein paar Lebensjahre geschenkt bekäme, nicht mit der Marke „Spießer“ tauschen und lieber an der Alu-Stange eines IKEA-Kleidergestells hängen.
Ich weiß nicht, was Menschen immer wieder veranlasst oder veranlassen sollte, alles Altern ab 40 mit dem Hang zu gediegener Verwahrlosung zu garnieren. Wer von einem nicht Kleider-, aber Wirtschaftsexperten wie Herrn Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung nahegelegt bekommt, mit 70, also in der Regel als Renter nochmal ein soziales Jahr zu absolvieren, was bislang jüngeren Jahrgängen vorbehalten war, warum sollte der aussehen wie Grufti aus den Gängen von Anson’s und Kleider-Konsorten? Es ist schon schlimm genug, aufdringliche Werbung für Sonder-Sparkonten, Reihenhaus-Kredite, Altersvorsorge-Pakete und Sterbegeldversicherungen aushalten zu müssen. Da dann noch, quasi zur Vollendung der eigenen Alltags-Tauglichkeit, Klamotten-Tipps wie die im „Tagesspiegel“ zu lesen, da muss man unweigerlich bei der Marke „Smith & Wesson“ landen. Dem ultimativen Tipp, um all diesem Terror frühzeitig und aus eigenem Antrieb zu entkommen.
Dass ich ernst meine, was ich hier polemisiere, kann dem Werk „Inside Tagesschau“ eines gewissen Alexander Teske entnommen werden. Der hat, wohl gewahr, dass es mit seiner Karriere bei Deutschlands angesehensten TV-Nachrichten nichts werden würde, nach allen bekannten Regeln der dem Öffentlich-Rechtlichen feindlichen Kunst, mal so richtig, will heißen in AfD-Manier, über den Laden ausgepackt. Zu den Opfern seiner in weiten Teilen denunziatorischen und wild-rechten Frust-Entladung gehöre auch ich. „Ein Chef vom Dienst, seit Kurzem im Ruhestand“, der „stets in schwarzem T-shirt und schwarzem Jackett, dunkelblauer Jeans und Wanderschuhen“ aufgetreten sei und – ich zitiere mal sinngemäß – seine linksversiffte Gedankenwelt zum Maßstab der 20-Uhr-Berichterstattung gemacht habe. Insofern, Konvergenz, kommt Teske in seiner offen radikalen Ablehnung auch bestimmter Kleidung den „Tagesspiegel“-Experten vermutlich irgendwie entgegen.
Denn, so darf man den „Experten“ zu nahe treten: Stets ist von dem, was drauf steht, ja auch irgendwas drin. Und wer etwa ausgelatschte Sneakers zu einem gut sitzenden Anzug trägt (mea culpa) oder nicht ein T-shirt, das ordentlich am Hals abschließt (bin Freunde des V-Ausschnitts), oder kurze Hosen zu kurzärmeligen T-shirts (mea culpa, würde ich nie im Traum drüber nachdenken), oder mit Anfang 40 noch Baggy-Jeans und Kapuzenpulli (Erstere trage ich mit fast 70 gerne, auch mal einen Kapuzen-Pullover, wenn der Wind bläst) – der ist von einem gewissen Extremismus zumindest der Nachlässigkeit nicht weit entfernt. Wie Teske, der Wanderschuhe gleichsam als Unterwanderstiefel ausmacht (man erinnere sich an Dieter Süverkrüps Moritat vom Kryptokommunisten), schicken sich die „TS“-Experten an, alle, die Ü40 nicht nicht in ihrem Look segeln, als Krypto-Feinde guten Geschmacks zu betrachten. Die ihre Klamotten allesamt und stets am Liebsten auf links tragen würden.
Wenn das Private tatsächlich immer und nahezu ausnahmslos politisch sein sollte, dann ist es allerdings auch die Mode. Denn sie gehört, bis auf weiteres, zum Privaten. Und zugegeben: Vom Stehkragen-Outfit der Mao-Ära, das auch nach West schwappte, bis hin zum grünen Parka, bei dem häufig ein Anflug revolutionären Geistes mitschwang, ist Mode tatsächlich nicht selten agitprop. Und nicht nur gewesen, auch heute noch. Gewollt oder ungewollt. Neuerdings gewinnt auch die Kufiya, gemeinhin als „Palästinensertuch“ bekannt, ausgesprochene Prominenz. Bei „Wikipedia“ als „modisches Accessoire“ wie als „politisches Statement“ ausgewiesen, gilt es derweil mehr als berüchtigt denn als berühmt. Wer es sich umwirft, sitzt schon halb im Knast. Ich empfehle als Zeichen der Irritierung: Chinos mit Wendegürtel, „Oxfords“ und Navy Blazer, darunter ein Polo-Shirt oder atmunsaktives Leinen – um den Hals aber unbedingt eine Kufjya. Ein bisschen Aufstand wird ja wohl noch sein dürfen!

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