Der „Freitag“ ist mir eigentlich als Medium kluger Analyse bekannt. Weshalb ich immer gerne darin gelesen habe und lese. In letzter Zeit freilich habe ich den Eindruck, dass Autoren dort einen Streichelzoo einrichten. Für ostdeutsche rechte Gemüter. Vor allem in Gestalt derer, die, wenn heute Wahlen wären, rechts ihr Kreuz machen würden. Also bei der AfD. Fast manisch wird auf die zunehmend prekären Verhältnisse verwiesen, in denen die potenziellen Wähler:innen lebten. Weswegen ihr Unmut, bisweilen auch ihre Wut, auf „die da oben“ irgendwie nachvollziehbar sei. Zumindest ihren Hang zu braun-politischer Farbgebung erkläre. Dies durchaus mit einem gewissen Hass auf das „System“, die Demokratie gern auch. Und freundlichem Verhältnis zu Diktatur-Szenarien und Destruktion der Gesellschaft. Wie in einem jüngsten „Freitag“-Beitrag von David Muschenich zu lesen ist. Der auf der sinngemäßen Frage beruht: Wie stehen die Menschen in Sachsen-Anhalt zu einem Umsturz?
Gedacht war die Frage eigentlich, so im Teaser, um das Verhältnis der Bürger:innen zum „Linksextremismus“ auszuloten. Heraus kam eine gewisse Neigung zum Aufstand. Allerdings einem anderen, der allemal das Fürchten lehrt. Ein Drittel der im so genannten „Sachsen-Anhalt-Monitor“ Befragten meinte, um die Lebensverhältnisse zu ändern, brauche man eine Revolution. Zwar gaben, wie es heißt, 87 % an, „für die Demokratie als Staatsform“ zu sein. Doch im Detail verschwimmt die Liebe zur Verfassung. 84 % derer, die sich selbst rechts verorten (wieviele das sind, wird nicht gesagt) sind einer Diktatur nicht abgeneigt. Ein Führer, eine Partei. Man kann zwischen den Zeilen erkennen, dass es sich hier um AfD-Anhänger handelt. Die AfD liegt in Sachsen-Anhalt derzeit bei etwa 40 Prozent. Was heißt, ein Drittel der Wähler will ans Eingemachte der Demokratie. Wie der Autor auf den Satz kommt, „Sachsen-Anhalt…ist kein Bundesland voller Rechtsextremisten“, schleierhaft. Aber gemach.
Denn natürlich kommen die Zahlen und Antworten nicht ohne Erklärungen daher. Die allerdings sind an Krudität nicht zu übertreffen. Da wird etwa der Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz geschildert. Der zum Gedenken an den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt angereist kam. Und dem beträchtliche Wut entgegen geschleudert worden sei. Auch wegen 2015, Flüchtlings“strom“. Dabei sei Merz da gar nicht an der Regierung gewesen. Egal, die Menschen toben. Dann der Autoren-Satz: „Was Merz nicht versteht, wenn er versucht, mit migrationsfeindlicher Politik AfD-Wähler:innen von sich zu überzeugen: Die haben nicht unbedingt ein Problem mit Migrant:innen. Sie haben eins mit dem bestehenden System.“ Als könne man das eine von dem anderen trennen. Meint David Muschenich das wirklich ernst, was er da in journalistischer Kühnheit von sich gibt? Oder ist es vielleicht gar nicht kühn, sondern reiht sich nur in die grassierende Schönfärberei ein?
In dem Beitrag geht es denn munter in dieser Richtung weiter. Da wird etwa eine „Auswertung“ der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zur Bundestagswahl 2025 (wie lange ist das jetzt her?) ins Spiel gebracht. Mit dem alten Hut, wonach vor allem Menschen die AfD gewählt haben, „die sich von der Gesellschaft benachteiligt fühlten“. Nun, diese Diagnose ist ja nun nicht wirklich mehr erkenntnisgewinnend. Und sie bleibt, wie gegenwärtig so oft, irgendwo dort stecken, wo es interessant werden könnte. Etwa derart, warum die Menschen in ihrer Not rechts und nicht links wählen. So kommt am Ende nackt und beschämend der Satz, dass sich in Allem alles in allem zeige, wie sehr sich die AfD (hier) in Sachsen-Anhalt normalisiert habe. Während die sonst etablierten Parteien Federn ließen. Ein letzter ernüchternder Satz, dass sich stramm rechtes Gedankengut in den Köpfen von derzeit 40 % der Wähler:innen normalisiert hat, kommt dem Autor nicht in den Sinn. Warum auch?
In dem Maße, wie die AfD an Zustimmung gewinnt, und ja: besonders im Osten der Republik, wird eine regelrechte mediale Verharmlosungsindustrie angekurbelt. Simon Strauß, Juli Zeh & Co können nicht irren. Landauf, landab wird eine Welle des Verständnisses mit einem Ozean volksgemeinschaftlicher Sehnsüchte zusammen gespült. Strauß und Zeh entdecken sie gern auf dem Land. Aber auch in manchen größeren Städten weht der Wind rechter Heilsbotschaften. Last Exit: Auch im Westen Deutschlands sei die AfD auf dem Weg nach oben, trotz ihrer Radikalisierung. Punkt eins: nicht trotz, sondern weil. Punkt zwei: Das macht die rechte Angelegenheit im Osten wahrlich nicht besser. Geradezu verzweifelt sucht eine Ausfluchtsgemeinde nach Gründen, warum vielleicht und trotz 40 % Alles nicht so schlimm sein brauchen täte. Doch, es ist schlimm, und es ist wahrlich keine Weidel-/Höcke-Ära nötig, um das endlich zu begreifen. Statt weiter solche Artikel zu schreiben.

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