Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz, mutmaßlich verübt von einem Kampfgeschwader namens „Vulkangruppe“, lässt nicht nur die Bevölkerung frieren. Was schlimm genug ist. Denn nichts daran ist revolutionär, wenn Menschen in Not geraten, gar das Leben mancher auf dem Spiel steht. Insofern können sich die Akteure ihre linksradikalen Attitüden gern sonst wohin schmieren. Und wenn sie in die Nähe von „Terror“ gerückt werden: Mir wurscht. Der Anschlag freilich setzt eine Debatte frei, in der es an Polemiken nicht mangelt. Ebenso wenig wie an kraftvollen Analysen, wonach mit der Stromsabotage das Herz der Arbeiterklasse getroffen werde. Weil der Angriff auf eine „imperiale Lebensweise“ verkleistere, dass, wenn man schon den Kern falscher Energie- und Klimapolitik treffen wolle, dann auch jene ins Visier nehmen müsse, die ihn bilden: Das Kapital mitsamt seinen „klimaschädlichen Produktionsweisen“. Stattdessen werde der kleine Mann zum Mehrfachopfer.
Und das nicht nur in Berlin, wie ein Jonas Thiel im „Jacobin“ schreibt. Eines der Bekennerschreiben, das in Umlauf ist, offenbare, so Thiel, „eine Sprache, die niemandem unvertraut sein kann, der in den letzten Jahren mit den radikalen Teilen der Deutschen Klimabewegung zu tun hatte“. Was dem Autor stinkt: Dass hier wie dort vor allem auch die Ignoranz der Menschen angeprangert werde. „Absatz um Absatz“ gehe es in dem Bekennerschreiben darum, „wie sehr wir heute an unseren Bildschirmen kleben und wie Menschen im Globalen Süden den Preis für unsere ‚Gier nach Energie‘ bezahlen“. Die Reue der Bekenner, ein Desaster wie in Berlin nicht wirklich gewollt zu haben, würde nur schwach verstellen, dass man „die primären Ursachen für die Klimazerstörung gerade in Konsum und Lebensstilen“ sehe. Die „Vulkangruppe“, so Thiel, sei das „Kind der Klimabewegung“ wie „die RAF das Kind der gescheiterten 68er Bewegung war“. Eine Art politisch-tektonische Verschiebung.
Wer „Jacobin“ kennt, weiß, dass sich das Medium dem Kampf der Arbeiterklasse verschrieben hat. Danach kann nicht sein, was aus Sicht hehrer Marxisten nicht sein darf. Es ist also nicht verwunderlich, wenn Thiel schreibt, dass es „schlicht nicht der Fall“ sei, „dass Konsum Emissionen verursacht“. Die entstünden „fast ausschließlich im Produktionsprozess“. Verbrenner, Fliegerei, Transport, Haushalte – alle sind Geiseln der Produktionsverhältnisse, denen die Produkte entstammen. Angebot-Nachfrage, Nachfrage-Angebot, hat nichts damit zu tun. Selten ist der Mensch bei allem, was Produktionsverhältnisse tatsächlich ausmachen, derart gut weggekommen. Wer etwa klimaschädliche Produktionsweisen abschaffen wolle, der müsse die „kapitalistische Klasse“ mehr bashen. Es brauche „die Bewegung arbeitender Menschen“ und die „Macht der Gewerkschaften“ um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu stoppen. Nur da ist grad nicht viel zu sehen, oder bin ich blind?
Diese Bewegung müsse, schwadroniert Thiel weiter, versprechen, „dass das Leben. besser wird“. Sauberen, günstigen Strom „als öffentliches Gut“ versprechen. Sabotageaktionen, die von“False-Flag“-Operationen kaum zu unterscheiden seien, so Thiel in Anspielung auf Mutmaßungen, der Russe könnte hinter der „Vulkangruppe“ stecken, trügen nichts zur Lösung bei. Da hat er, dem Autoren im „Freitag“ wohl gern menschenfreundlich beispringen würden, recht. Doch in Sachen Bewegung arbeitender Menschen und Gewerkschaftsmacht dürfte es auch künftig nur schwerlich besser werden. Womit ich bei einem Lieblingsthema bin. Den Menschen, die in Erwägung ihrer Schwäche weniger das Gute (also wenigstens eine saubere Mitte), sondern die Rechte (ergo die AfD) wählen. Sind das die Menschen, die Thiel mit wehrhafter Arbeiterklasse meint? Bislang scheint es nicht so, als würde sich die gewünschte revolutionäre Kraft in eine Richtung entfalten, die man als Marxist ernsthaft gutheißen kann.
Werfen wir dementsprechend gern mal einen Blick auf die Bundestagswahl 2025. Danach waren von den 21 Prozent AfD-Wählern 38 Prozent Arbeiter, 34 Prozent Arbeitslose. Bei der Linkspartei waren es 8 Prozent Arbeiter, 13 Prozent Arbeitslose. Bei den Grünen waren es 5 Prozent Arbeiter, bei der SPD 12 Prozent. Hinter der AfD konnte die Union auf die meisten Wähler aus der Arbeiterschicht zählen (22 Prozent). Ich sehe daher plastisch, wie sich die Arbeiterinnen und Arbeiter, von denen Thiel spricht, im Sinne progressiven gesellschaftlichen Wandels gegen die auflehnen, die die Produktionsmitteln in ihren Händen konzentrieren. AfD- und Union-Wähler:innen, die kapitalistische Produktionsweisen aus den Angeln heben? Träum weiter, Genosse. Die „Vulkangruppe“ (welche auch immer) trifft mit ihren dummen Aktionen die Falschen, völlig unbenommen. Aber es sind deswegen nicht zugleich die Menschen, mit denen man morgen in die richtige Richtung marschieren könnte.
Das schaffen ja noch nicht mal „Freitag“-Autoren. Katharina Körting und Sebastian Puschner, immerhin Chefredakteurs-Vize, lassen sich in einer Glosse über jene aus, die weiterhin Zweifel am Bekennerschreiben einer „Vulkangruppe“ haben. Und durchaus für denkbar halten, was das genannte Duo so aufspießt: „Das Böse sitzt im Osten“. Womit der Russe gemeint sei. Vermutlich, so zynisch Körting/Puschner, sei der Russe auch am Tennis spielenden Berliner Regierenden Bürgermeister Kai Wegner schuld. Nun, so ganz sicher waren und sind sich deutsche Sicherheitsbehörden nicht, was sie von Allem halten sollen. Was K/P wiederum nicht hindert, hier Schwurbler am Werk zu sehen, die zu Corona-Zeiten nichts vom Schwurbeln hielten. Unterschwellig wird in der Glosse offenbar, dass durch den „Freitag“ nicht erst seit dem Ukraine-Konflikt Wodka-Schwaden ziehen. Der Umkehrschluss zum bösen Russen ist jedenfalls nicht derart zweifelsohne der gute Russe.

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