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Dichter und Neonazi

Man könnte es perfide nennen. Oder vernünftig. Durchdacht, aber doch falsch. Falsch im Sinne fadenscheiniger Vorbehalte. Die Debatte um das Interview, das Juli Zeh kürzlich der „taz“ gegeben hat, lässt in einem das Gefühl wachsen, dass es zunehmend Ressentiments gegenüber jenen gibt, die wie auch immer geartete Brandmauern gegen rechts festigen wollen. Ressentiments mit dem Argument, dass derartige Mauern Parteien wie die AfD und ihre Anhänger eher stärken würden (gähn). Oder mit dem Argument, dass man grundsätzlich mit Rechten oder jenen, die nach rechts driften, reden müsse; statt sie zu verurteilen. Oder mit dem Argument, dass nicht alle, die rechtslastig wirken, rechts sind. Weshalb man sie Richtung „Mitte“ holen müsse. Oder mit dem Argument, dass Systemkritik nicht nur Spielball der Rechten sei. Sich Kritik von rechts auch links finde. Weshalb eine eingehendere Auseinandersetzung um unsere Haltung etwa zum Staat irgendwie angebracht sei.

Durch die Diskussionen zieht sich meistens weniger Klarheit, als gewollte oder meinetwegen auch weniger gewollte Unklarheit. Die als politischer Überblick daherkommt. Oft weitgehend garniert mit vermeintlich wissenschaftlichen Attitüden. So hat kürzlich der Kulturpolitologe und Publizist Thomas Wagner in einem Beitrag für den „Freitag“ weit ausgeholt. Um eine „Gemengelage“ zu konstatieren, die, sinngemäß, das dezidiert rechte Milieu (etwa die AfD) mit „rechtslibertären und wirtschaftliberalen“ Milieus verschwimmen lasse. Als Beispiel führte er die Buchmesse „Seitenwechsel“ der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen in Halle an. Wo sich besagte Kreise ein „harmonisches Stelldichein“ gegeben hätten. Die Buchmesse, „in den Augen vieler eine machtvolle Geste des Widerstands“. Gegen, so ließ Wagner durchblicken, das „Kulturestablishment“. Diese Leute „nun als ‚Faschisten‘ oder ‚Nazis‘ zu beschimpfen“, wie Linke das täten, sei „sachlich falsch und politisch kontraproduktiv“.

Das Wort „Widerstand“ ist denn auch der Begriff, um den sich der Wagner-Artikel rankt. Bereits 2017 schrieb Volkmar Wölk auf dem Portal „der rechte rand“ über Wagner. Schon damals war das Thema „Reden mit Rechten“, das „zur Zeit“, also vor neun Jahren, viele fordern würden, auch Thomas Wagner. Der habe in der „Berliner Zeitung“ für eine solche Debatte mit Rechten plädiert, weil es auch dort Leute gäbe, „die sozialistisch orientiert und die linke Strategien und marxistische Literatur studieren“. Als Beispiel habe Wagner etwa den neurechten Antaios-Verlagslektor Benedikt Kaiser angeführt. Der sage, die Linke habe sich „von ihren Kernthemen verabschiedet“. Sie habe die soziale Frage zu Gunsten einer „kulturellen Identitätspolitik“ aufgegeben. In dem sie sich vor allem um Minderheitenrechte kümmere und dabei „die Nöte der abhängigen Beschäftigten“ aus den Augen verliere. Wagner konnte, so Wölk damals, der Kaiser-Rhetorik resp. „Analyse“ durchaus etwas abgewinnen.

Vielleicht ist die Linke nicht hell genug resp vom Milieu der kleinen Leute zu weit entfernt und die Rechte im Umkehrschluss diskurstauglich? Wagners Denkserpentinen lassen einen schwindeln. Da ist das rechte Medium „Junge Freiheit“, das sich mit Kritik an diversen Auswüchsen des Nazi-Regimes für eine jetzzeitige Komplizenschaft mit der Union herausputze – und deshalb vom rechtsextremistischen Höcke-Flügel „kritisch beäugt“ werde. Ein Kleinverleger Götz Kubitschek, der „mit einigem Geschick die Rhetorik der aktionistischen Kunstavantgarde von den Futuristen bis zur Situationistischen Internationale mit Versatzstücken linker und rechter Widerstandstheorie“ verschmelze. Ein „Identitärer“ Martin Sellner, der durchaus „Anschluss an ein ideologisch gar nicht eindeutig rechts geprägtes bürgerliches Milieu“ gefunden habe. Da sind Uwe Steimle, der Autor Tellkamp und Gloria von Thurn und Taxis. Die nur, weil sie bei der Messe „Seitenwechsel“ Gäste waren, Faschisten sein sollen?

Man kann nur staunen, welche vertrackten Rechts-Links-Berührungsnarrative Wagner schmiedet, um am Ende das Miteinander-reden hoffähig zu machen. Krönung dieses Versuchs ist sein an zwei Personen festgemachtes Unterfangen. „Der Dichter und der Neonazi“ – so der Titel des Buchs, das dem ehedem regen Austausch zwischen Erich Fried, dem jüdischen Lyriker und Antifaschisten, und dem Neonazi Michael Kühnen nachgeht. Aber was besagt dieser Austausch? Für Wagner steht er symbolhaft. Immer wieder, so Wagner in Statements, haben vor allem Rechte aus linker Bewegung Inspiration gewonnen. Prominente Linke seien nach rechts abgebogen. Ergo, ich verkürze, gebe es ausreichend Anlass, sich abseits falscher Frontstellungen und diesseits von Begriffen wie „Widerstand“ ins Gespräch zu begeben. Um was zu bewirken? Da bleibt Thomas Wagner nebulös. Vielleicht, so dünkt es einem, soll Annäherung radikale Positionen abspalten? Oder in erträgliche Positionen umlenken?

Es ist auffällig, wie sich mit dem Erstarken der AfD, die nichts weniger als unsere Demokratie und grundgesetzlich verbriefte Menschenfreundlichkeit torpediert, eine Phalanx im Sinne von Wagner in Medien Bahn bricht. Auch in linken Medien. Ist es die gefühlte Ohnmacht gegenüber einem Europa, dass sich nach rechts öffnet? Ist es eine Sehnsucht danach, sich irgendwie anstrengenden politischen Kämpfen entziehen zu können? Nur weil sie, früh begonnen, bislang gescheitert sind? Wir Linken haben einmal gehofft, die Gesellschaft progressiv verändern zu können. Abseits des Terrors der RAF und anderer kontraproduktiver Gewaltstrategien. Es gab eine Phase, parallel zu Willy Brandts Entspannungspolitik, in der es möglich schien, das Blatt eines konservativen, spießigen Deutschland zu wenden. Gegen Atomkraft. Gegen die Nachrüstungspolitik. Gegen die NPD. Waren wir zu arglos, statt am Ball zu bleiben? Haben wir geglaubt, das Schlimme ein für alle Mal hinter uns zu haben?

Bestenfalls kann man Polittheoretikern unterstellen, ihre Verzweiflung durch krude Argumentationen untermauern zu wollen. Andere sind, statt als Linke mit Rechten zu reden, gleich ins rechte Lager übergelaufen. Hoffnungsvolle Bewegungsbündnisse wie in Frankreich haben sich im Kampf gegen rechts selbst pulverisiert. Fragte man sich, welche linken Bewegungen einem auf Anhieb einfallen, die in Europa von Relevanz sind, neigt man dazu, zu passen. Nelli Tügel hat im „Freitag“ einen Bericht vom jüngsten Linken-Treffen abgeliefert, der einen freuen kann (weil Die Linke wieder in rosigem Zustand ist) oder aber schaudern lässt, weil die Zeilen erkennen lassen, wie verkrustet und verkrampft man denkt, in den eigenen Reihen diskutieren und zugleich dem politischen Gegner Paroli bieten zu können. Da passt der Ausfallschritt eines Thomas Wagner prächtig ins Bild. Wenn man die Rechten nicht vom Hof jagen kann, macht man sie eben hoffähig. Widerstand? Von wegen! Das ist Kapitulation.

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