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Wer Rettet Iran?

Weg mit den Mullahs! Das kann man den Abertausenden, die dieser Tage im Iran gegen das Gewaltregime in Teheran auf die Straße gehen nur wünschen. Wenn allerdings der Obermufti aus den USA seine Hände im Spiel haben sollte, ist Vorsicht geboten. Denn es riecht nach Öl. Und wenn es nach Öl riecht, dann versteht US-Präsident Trump keinen demokratischen Spaß. Im Zweifel tönt er ein bisschen rum, um sich dann, wie in Venezuela, doch lieber mit Seinesgleichen an einen Tisch zu setzen. Also mit Menschen, die vom Wesen her eher sind wie er. Und nicht mit Menschen, denen es um Freiheit und alles, was dazu gehört, geht. Also: Finger weg von Trump und: Trump, Finger weg vom Iran. Das Gleiche gälte besser auch für die Nachkommen des Ende der 1970er gestürzten Reza Schah Pahlavi. Auch unter seiner Herrschaft war Leben im Iran voller Angst. Wenn die Opposition will, dass nicht erneut ein Brutalist den anderen ablöst, dann ist sie gut bedient, die Sache selbst zu regeln.

Nur wer ist diese Opposition? Es fällt schwer, über den Iran zu schreiben, wenn man das Land und seine Menschen nicht wirklich kennt. Die Politik nur aus den Medien. Fast. Ich hatte mal einen Freund, der kam aus dem Iran. Er ergriff während des Iran-Irak-Kriegs die Flucht. Das erste Mal gelang es ihm nicht. Als er zurück musste, warteten schwere Drangsalierungen auf ihn. Beim zweiten Mal schaffte er es. Seine Familie blieb zurück. Er litt unter der Trennung. Fasste in Deutschland Fuß. Seine Seele eher nicht. Ich habe den Kontakt zu ihm verloren. Wäre er optimistisch? In welche Richtung? Selbst Kenner der iranischen Politik sind sich nicht sicher, wohin die Reise geht. Noch ist die Opposition auf den Straßen Berichten zufolge divers. Händler und Kaufleuten möchten vor allem, dass die Wirtschaft funktioniert. Andere sind konservativ zurückhaltend. Studenten und Frauen wollen einen radikalen Wandel. Vom Dispora-Iran gehen, wie zu lesen ist, bislang auch keine klaren Signale aus.

Die in Berlin lebende Journalistin Maryam Mardani hat dem „Tagesspiegel“ ein Interview gegeben. Darin macht sie deutlich, dass die iranische Diaspora „in einem Dilemma“ stecke. Vor allem in der ausländischen Berichterstattung entstehe der Eindruck, so sagt sie, als sei der Schah-Sohn „die einzige Hoffnung auf Rettung und der alleinige Vertreter des iranischen Volkes“. Dass die iranische Opposition freilich sehr „vielstimmig und vielfältig“ sei, gehe „bedauerlicherweise“ unter. Große Teil der Oppostion, so Mardani, fänden kaum Gehör. Feministinnen, Linke, Liberale, die LGBTQ+-Community und andere, die sich ohne wenn und aber zur Demokratie bekennen. Draußen, in der Welt, gebe es eine Schlagseite zu Monarchisten. Das aber sei das Gegenteil von dem, was die meisten wollten. Es wäre, so sinngemäß, fatal, wenn am Ende ein Diktator geht und ein anderer kommt. Und Hoffnungen auf eine Entwicklung hin zu Demokratie sich wie vor mehr als 40 Jahren erneut zerschlagen würden.

Der Politikwissenschaftler Ali Fathollah-Nejad sieht im Iran „ein Regime, das im Sterben liegt“. Derzeit aber sterben die, die sich auflehnen. Tausende Tote soll es bei den Protesten dieser Tage schon gegeben haben. Quellen sprechen von bis zu 20.000 Toten. Der Draht der Menschen nach draußen wird vom Regime immer wieder gekappt. Selbst das Telefonieren ist zeitweise schwierig bis gar unmöglich. Der Kontakt von Iranerinnen und Iranern, die im Ausland leben, zu ihren Angehörigen im Iran, ist freilich der nahezu einzige Weg, belastbare Informationen zu bekommen. Insofern scheint es verständlich, sich an jeden Strohhalm des Widerstands gegen die Mullah-Herrschaft zu klammern, die längst nicht besiegt ist. Auch wenn der Strohhalm Trump heißen sollte. Doch er mag Verbindungen zum Regime haben – von der Opposition, die er im Minutentakt aufruft, mit Protesten nicht locker zu lassen, hat er keinen blassen Schimmer. Er operiert im selbstgessprühten Nebel seiner Großkotzigkeit.

„Hilfe ist auf dem Weg“, so Trump. Das klingt wie eine Drohung. Was meint er damit? Das weiß er, vermutlich, wie immer, selbst nicht. Will er militärisch eingreifen? Oder einen bürokratischen Abgang der Mullahs? Trump forderte die Protestierenden auf, die Institutionen zu übernehmen. Und die Namen der „Mörder und Täter“ zu sichern. Die würden dann „einen großen Preis“ zahlen. Als wäre ein Machtwechsel via Notizzettel zu haben. Klar, wenn man Trump heißt, wird morgens ein Spickzettel angefertigt und nachmittags sind die Schaltstellen der bisher Herrschenden gekapert. In Venezuela reichte das gerade Mal für die Festnahme des bisherigen Präsidenten – in den Schaltstellen sitzen allerdings weiter dessen Kumpan:innen. Anderswo, wo Trump mit lautem Getöse aufräumen wollte, hat sich ebenfalls so gut wie nichts getan. Schaut man sich die Hinterhältigkeiten an, die mit seinen Vorstößen verbunden sind, dann kann man nur hoffen, dass zumindest auf ihn nicht gehört wird.

Inzwischen ist Trump, für den Augenblick, etwas leiser geworden. Wohl, weil Staaten in der Region ihn aufgefordert haben, nicht im gewohnten Wildwest-Stil einzugreifen. Wie zu lesen ist, soll auch Israels Ministerpräsident Netanyahu gebeten habe, Pläne der USA für einen etwaigen Militärschlag gegen den Iran aufzuschieben. Solange die Herrschaftsperspektive im Iran weiter undurchsichtig ist, sind den Anrainern die Risiken einer iranischen Gegenwehr zu groß. Die Region ist ein Pulverfass. Die Machthaber in Teheran stehen zwar mit dem Rücken zur Wand. Doch gerade das erscheint als eine Position, die sie veranlassen könnte, mehr denn je um sich zu schlagen. Auch nach außen bleibt das Regime eine Gefahr. Niemand ist sich sicher, ob der Widerstand im Iran dieses Mal so kraftvoll sein wird, das System zu kippen. Und nirgendwo zeichnet sich ab, was danach kommen könnte. Eine demokratische Führungsfigur, auf die man sich solidarisch stützen könnte, scheint nicht in Sicht zu sein.

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