ArtsAndSocials

Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Neuer Grüner Kolonialismus?

Ja, auch ich habe mich auf den ersten Gedanken durchaus verleiten lassen, mich bezüglich der Mercosur-Abstimmung im EU-Parlament auf die Seite grüner (und linker) Kämpfer zu schlagen. Eingeschlossen vieler Umwelt- und Verbraucherverbände. Bis mir gewahr wurde, dass ich zu kurz springen könnte. Denn neben Einwänden, Mercosur sei nichts weiter als ein übler Transmissionsriemen industriestaatlicher Interessen und würde unser Aller schlechteste Seiten befördern, gibt es andere Einwände. Etwa den, ob wir damit, dass wir den Übersee-Partnern im Zweifel erleichterten Handel verwehren, nicht so etwas wie einen grünen Kolonialismus zumuten. Wir, die wir in Europa weit von notwendigen Umweltstandards entfernt sind, wollen jetzt Lateinamerika sagen, wo es umweltpolitisch langzugehen habe, wenn es mit uns Geschäfte machen wolle? Das ist doch einigermaßen dreist.

Es ist eine (nicht ganz unbekannte) linke Selbstherrlichkeit, das, was man im eigenen Beritt nicht erreicht, fremdpolitisch umsetzen zu wollen. Und sei es, dass man mit der rechten Fadenscheinigkeit europäischer Bauern mitläuft. Deren Argwohn über Mercosur aus nichts Anderem gespeist ist, als aus dem Willen, sich seine Scholle und darauf gesäte Umweltfeindlichkeit nicht nehmen zu lassen. In einer Situation, in der die USA Europa einen geharnischten Handelskrieg erklären, um uns gefügig zu machen, ist doppelte und dreifache Vorsicht geboten. Nicht alles, was zunächst linksbündig klingt, ist nach allen Seiten durchdacht. Die Nähte, die da zusammenhalten sollen, sind schludrig genäht. Und platzen, sobald man alles Geschneiderte betrachtet, einigermaßen schnell auf. Bisweilige Kurzsichtigkeit ist längst nicht Alleinstellungsmerkmal kapitalistischen Kalküls.

Natürlich versprechen sich die europäischen Industrie- und Agrarländer Vorteile von Mercosur. Und es sind nicht immer die integersten Vorteile. Aber Vorteile versprechen sich auch die Partnerstaaten. Und es wäre von fragwürdiger Arroganz, wenn wir so täten, als würden wir damit nur das Schlechteste transportieren. In diesem Sinne lässt sich durchaus dem „FAZ“-Autoren folgen, der polemisch vermerkt, dass Partnerschaften „auf Augenhöhe“ unter anderem die Anerkennung implizieren, dass die lateinamerikanischen Player im ein oder anderen Bereich umweltpolitisch weiter sind als wir Europäer. Wenn es also darum geht, auch der Trump’schen Handelsdiktatur mit neuen selbstbewussten Partnerschaften entgegenzutreten, dann dürfen es schon ein bisschen Fairness und Detailbetrachtung statt täuschender, affektiv aufwallender Pauschal-Urteile sein.

Über die Frage der Handlungsfähigkeit, die in der „FAZ“ aufgeworfen wird, lässt sich durchaus spekulieren. Mir reicht die Weltherrschaft, die aus dem Weißen Haus droht, um auch Mercosur nach unterschiedlichen Aspekten abzutasten und zu bewerten. Gerade weil der US-Präsident, siehe Venezuela, die Souveränität insbesondere lateinamerikanischer Staaten in den Dreck zieht, wären Linke und Grünen gut beraten, diesen Ländern ihrerseits Achtung zu verleihen. Zumindest den Menschen, die dort leben. Auch den Umweltschützern. Man könnte ihnen eine Partnerschaft, ein Bündnis agrarpolitischer Vernunft anbieten statt ihnen aufgrund von Positionen, die man nicht einmal vor der eigenen Tür durchsetzen kann, den Stuhl vors Haus zu stellen. Oder man reitet den Protektionismus deutscher und polnischer Bauern. Da sage ich dann nur: Mahlzeit und wohlbekomms!

Die Argumentation, man habe der Umwelt zu Liebe nicht so sehr darauf geachtet, wen man mit seinem juristischen Feinsinn da noch so alles im Boot sitzen habe, steht der Merz-Blöße, es in Sachen Migration im Zweifel auch mit der AfD zu treiben, in nichts nach. Zumal wenn es noch einen Funken Hoffnung gibt, alte linke Vorstellungen von einem fairen Welthandel nicht ein für alle Mal zu begraben. Dass das immer wieder erfordert, sich tatsächlich für fairen Handel stark zu machen, ist eine Binse. Zu der gehört auch, umweltpolitische Bande zu knüpfen. Der grüne und linke Umweltschützer sollte über Grenzen hinweg mehr mit den lateinamerikanischen Bauern, die für lebensverträgliche Produktion arbeiten, gemein haben, als mit bäuerlichem Rechtspopulismus daheim. Mercosur steht dem nicht per se im Wege, wohl aber plumpe rechte Bauernschläue.



Hinterlasse einen Kommentar