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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


WM-Boykott Ja Nein

Der Ball ist rund. So banal dies das Leder beschreibt, das vor allem Profis gewinnheischend umspielen, so wenig banal erscheint die Debatte um die Frage: Sind US-Präsident Donald Trump und seine autoritäre Herrschaft Grund, die Fußball-Weltmeisterschaft zu boykottieren? Man könnte derlei Diskussionen abwiegeln, indem man darauf verweist, dass jegliche Boykott-Diskussionen, die auf der Welt geführt werden, um Möchtegern- oder Wirklich-Diktatoren zu zeigen, wie politisch ekelerregend man sie findet, eher auf Unverständnis und Ablehnung stoßen. Weil damit auch immer wieder jene getroffen würden, die nichts für das eine oder andere Machtgehabe können. Andererseits wiegt, so lässt sich argumentieren, die Gefahr der seelischen Belastung „Unschuldiger“ weitaus weniger schwer, als sich zum Anhängsel sportbegeisterter Autokraten zu machen und ihnen die Weltbühne zu gönnen, in der sie sich sonnen. Und man darf sicher sein, dass jemand wie Trump das tun wird.

Man könnte auch aus, beispielsweise: Sicht auf/der Fußballer meinen, dass es unfair wäre, sie zum Spielball der Politik zu machen. Wo sie doch nur ein bisschen kicken und am Ende eine Trophäe in den Händen halten möchten. Nun, so ganz unpolitisch kommen die Sportsfreunde nicht daher. Der Bundesligist Schalke 04 hat immerhin im Gegenzug für Millionen-Hilfe mit Gazprom geworben. Von 2007 bis 2022. Insgesamt eine Ära, die der Ukraine-Solidarität zum Vorwurf reicht, schon damals habe man das verbrecherische Potenzial von Präsident Putin verharmlost statt Zeichen dagegen zu setzen. Wenn also Schalke einen aufstrebenden Kriegsverbrecher bewarb und Vereinsbosse nicht völlig politisch verblödet sind, dann kann der Fußball allenthalben nicht hinter vermeintlich unpolitischen Turnieren Schutz suchen. Insbesondere nicht, wenn Trump die WM zur Selbstbeweihräucherung nutzt. Zusammen Fifa-Präsident Infantino, der dem Völkerrechtmitfüßentreter den Friedenspreis verliehen hat.

Dass man 1980 die Olympischen Spiele in der UdSSR (wegen des Angriffs auf Afghanistan) boykottiert hat und 1984 bei den Spielen in den USA der so genannte „Ostblock“ sich boykottierend revanchierte. Dass es bei den Olympischen Winterspielen in Peking 2022 einen diplomatischen Boykott der USA und Verbündeter wegen Menschenrechtsverletzungen gab: Zeigt, dass der Boykott selbst von Wettbewerben, die ausdrücklich „nur“ Völkerverständigung und Frieden dienen, durchaus (oder deswegen) erklärtes Mittel politischer Stellungnahme ist. Warum sollte dies nicht auch bei einer Weltmeisterschaft angemessen sein, die einiges mit Verständigung, aber noch mehr mit Milliarden-Geschäften zu tun hat. In deren Licht sich aber vor allen ein Präsident spiegelt, der Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte und Völkerrecht in den Dreck zieht? Wenn Boykott an sich also nicht verwerflich scheint, dann auch nicht aus Anlass der Fußball-WM u.a. in den USA – oder?

In jedem Fall geht es in der Debatte um ein Boykott der Fußball-WM quer durch die Parteien einigermaßen kontrovers zu. Und auch nicht ganz Populismus-frei. Das betrifft die Rechte eh, ist dort gesetzt. Aber man darf sich auch schon ein bisschen wundern, dass Die Linke-Vertreter ganz und gar unzweifelhaft einen Boykott der Weltmeisterschaft ablehnen. Dass sie dabei Berührungsnähe mit CSU-Chef Markus Söder nicht scheuen, ist das Eine. Und gäbe schon für sich Anlass zum Nachdenken. Dass freilich der Linken-Fraktions-Co-Chef Pellmann gegen einen Boykott in die Waagschale wirft, dieser würde Trump „politisch wenig jucken“, kann nur in Unkenntnis Trumps verlauten. Sport könne nicht korrigieren, so gibt der „Tagesspiegel“ Pellmann wieder, was Aufgabe der Politik sei. So ziemlich schräg klang das freilich auch schon mit Blick auf die WM in Katar. Ist das Rücksicht auf die Fankurven der umworbenen Arbeiterklasse? Oder gar tiefe politische Überzeugung?

Einwände könnte es auch geben, weil die WM wenigstens nicht von den USA, sondern in Mexiko eröffnet wird, das mit Kanada das dritte Land ist, in dem das Fußballturnier ausgetragen wird. Und wer weiß, vielleicht werden ja die USA noch auf Geheiß ihres unwägbaren Staatschefs abspringen, weil Kanada resp. sein Regierungschef beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos Trump kräftig einen eingeschänkt hat. Dann hätte sich die Boykott-Frage ohnehin erledigt. Trump, so ließ sein Biograf Michael Wolff wissen, würde langsam des Regierens müde. Legt er sich zur WM womöglich schlafen? Was immer auch noch passieren möge: Boykott, ja oder nein, bleibt. Solang der WM nichts Anderes im Wege steht. Und damit die Frage, inwieweit der Sport politisch gewichten sollte. In Katar hat es am Ende zur Hand vorm Mund gereicht. Mal sehen, welche Geste in den USA, wenn nicht Boykott, zum Protest in Szene gesetzt wird. Und welcher Bannstrahl Trumps dann den Fußball treffen könnte.



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