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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Der Epstein Komplex

Epstein, Epstein, alles muss Versteck sein! Dieser Kinderspiel-Spruch erfährt dieser Tage immer wieder aufs Neue Prominenz. Ein ganzes Königshaus wird in den Strudel von Unappetitlichkeit (mindestens) und Kriminalität (auch das) gezogen. Die Akten des amerikanischen Sexualstraftäters werden demnächst, so könnte man meinen, gehandelt wie Silber und Gold. Ein Geflecht aus Namen, Fragezeichen, Fehlern, wie „tagesschau.de“ einen Bericht überschreibt. Mehr als drei Millionen Seiten, 2.000 Videos und rund 180.000 Bilder. Details mit Verbindungen in die Welt namhaften Personals werden wie an Börsen gehandelt. Wer sich dafür interessiert, wird von US-Präsident Donald Trump runtergeputzt. Kein Wunder. Auch er scheint wie auch immer betroffen. Und nennt es eine Verschwörung gegen ihn. Auch das Altpräsidentenpaar Clinton geriet ins Gespräch. Und will nun aussagen.

Vermeintliche Mitspieler, ein schwer zu durchdringendes Dickicht. Opfer: Werden mangels sorgfältiger Schwärzungen vorgeführt, als seien sie es, die „wanted“ sind. Was der Epstein-Komplex deutlich macht: Dass es die Politik aus schlechten Gründen nicht interessiert, Licht in das Dunkel zu bringen. Und dass es die Justiz schwer damit hat – und es ihr bewusst schwer gemacht wird. Der Fall nimmt immer gigantischere Ausmaße an. Und zeigt, neben seinen an sich ans Kriminelle reichenden Ingredenzien, dass er Kreise ohne Ende zieht und sich Menschen aller Couleur darin bewegen. Europäische Königshäuser eingeschlossen. Mit Mühe wird versucht, Komplizenschaft mit gespielter Scham zu überdecken. Prinz Andrew, seine Ex-Frau Sarah Ferguson, die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit. Je adliger, desto schmutziger.

Vielleicht wäre das ein Anlass, mal darüber nachzudenken, inwieweit man dem Adel (neben fragwürdigen Politikern, Tech-Bros und anderer Prominenz) künftig noch Platz im öffentlichen Raum gewähren will. Zum Beispiel, in dem man ihn in präsidialer Atmosphäre auch in Berlin empfängt. Oder Krönungs-Zeremonien im öffentlich-rechtlichen Fernsehen überträgt. Man könnte einwenden, dass das einer Art Sippenhaft entspräche. Schaut man freilich darauf, welche Namen alles im Zusammenhang mit der Epstein-Causa auftauchen, dann darf man der internationalen ehrenwerten Gesellschaft schon zumuten, in Demut am besten von sich aus den diskreten Rückzug aus Scheinwerferlichtern anzutreten. Bis ein Mindestmaß an Aufklärung erledigt ist, darüber, was aus ihrer Mitte heraus an Unsäglichem geschehen ist.

Dass sich die Öffentlichkeit zu vermutlich nicht wenigen Teilen voyeuristisch am Fall Epstein, oder besser an den Fällen Epstein labt, muss nicht bedeuten, dass man dieser Art von Interessen nach- oder gar Futter gibt. Und damit quasi auch noch Glanz auf allerübelste Verquickungen richtet. Schlimm genug, dass die politische Berichterstattung nicht um das widerwärtige Handeln aller möglichen Diktatoren, Autokraten, fragwürdiger Regierungschefs und damit verbundene Krisen und Kriegen herumkommt. Wenn es dem Ziel der Erklärung, des Verstehens, der Aufdeckung von Politik dient: Gut so. Wenn es hilft, die Öffentlichkeit zu demokratisieren und ihr ihr demokratisches Gewicht bewusst zu machen: Noch besser. Sie braucht auch etwa angesichts ihrer sozialpolitischen Opfer epsteinsche Krokodilstränen nicht.

Was sie braucht – auch hinsichtlich dessen, was in Sachsen Sex kriminell ist und in dessen Umfeld herausgewaschen werden soll – ist medialer Ehrgeiz, die Verlogenheiten in Politik, Wirtschaft, Monarchien und Zivilleben aufzuspüren und dem Publikum nahe zu bringen. Schlüsse kann die Öffentlichkeit dann selbst ziehen. Was sie nicht braucht: Auffangbecken für tränenrührige bis aggressive Entschuldigungsarien. Der Epstein-Komplex bietet einmal mehr – wenn Dinge auch nicht ungeschehen gemacht werden können – die Chance, sich ungeschminkt einer Szenerie zu widmen, die selbst im schlimmsten Kino über bürgerliche Dekadenz mit krimineller Tuchfühlung nicht schlimmer dargestellt werden könnte. Die Realität übertrifft auch hier die quasi Fantasie. Man muss sie im Grunde gar nicht bemühen. Die echte Welt ist die Leinwand für das vermeintlich Unvorstellbare.



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