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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Straucheln Der Ikonen

Mit Krisen, Kriegen und „Affären“ einher geht immer wieder, und man hat das Gefühl immer häufiger, das Straucheln der Ikonen. Insbesondere auf der Linken rollen im bildliche Sinne die Köpfe. Emran Feroz hat im „Freitag“ seine Enttäuschung über die Verbindungen des ehemals geschätzten Noam Chomsky zur fragwürdigen Welt des Jeffrey Epstein ausgebreitet. Und beschrieben, wie eng die Tuchfühlungen zwischen beiden Männern gewesen war oder sein mochte. Die, so wollte man meinen, doch rein gar nichts miteinander gemein haben. Die Ikonie, die Linke Linken häufig zugespielt haben und zuspielen, um Angebetete und sich selbst zu erhöhen, bricht im Takt öffentlicher Besichtigungen und Enthüllungen zusammen, wie das sprichwörtlichen Kartenhaus. Wie Sisyphos scheint man verdammt, den schöngeredeten Fels stets aufs Neue auf den Gipfel der Bewunderung zurückzurollen.

Epstein, dessen ehemalige Freundin Karyna Shuliak, der rechte Politberater Steve Bannon. Emran Feroz lässt Revue passieren, wer sich da im Umfeld mehr oder weniger physisch die Hände reichte. Und mittenmang Chomsky. Würde man weiter forschen, würden sich sicher noch mehr Menschen finden, denen Chomsky zum Erschrecken seiner linken Sympathisanten nahe stand. Die Akten, die aktuell erst geöffnet worden sind, werden, da darf man sicher sein, nicht nur Feroz‘ Glauben an vermeintlich integre Vorbilder in elend tiefe Abgründe reißen. Wer zum übertriebenen, vor allem aber distanzlosen Anhimmeln neigt, darf sich nicht wundern, wenn er eines Tages in der Hölle landet. Dass Lehren daraus gezogen werden könnten, dafür gab und gibt es stets ausreichend Anlässe. Allein es scheint schwer, es wirklich zu tun.

Die Geschichte ist voll linker Trübsal. International wie vor den Türen zu Hause. Freiheitskämpfer in Lateinamerika entpuppten sich als miese frauenfeindliche Machos und Verräter an der gerechten Sache. Wer einst Mao hinterherlief, musste sich alsbald mit brutaler KP-Diktatur in Peking auseinandersetzen. Kommunisten konnten der UdSSR und ihren Anhängseln nur huldigen, in dem sie Demokratieideale über Bord warfen. Die Blockfreiheit des Balkan konnte nur gutheißen, wer Titos Herrschaft politischer Gängelei harmlospredigte. Der Terror europäischer Separatisten mündete in der Einsicht, dass Gewalt auf Dauer die Sympathie derer kostete, für deren Sache man vorgab einzutreten. Radikalität und Klassenkampf entpuppten sich schnell zum Hort innere Machtkämpfe, getragen von autoritären Zügen.

Eigentlich müsste einem der vielfältige Hang zum Personenkult gehörig auf den Geist gehen. Wem der linke Personenkult nicht auf die Sprünge hilft, schon deswegen, weil ihn Rechte bis zum Anschlag ausleben. Stattdessen wird dieser Personenkult mehr denn je gepflegt. Eine linke Gallionsfigur ist dafür Beispiel. Wer ihrer Seite auf Facebook folgt, muss denken, dass Die Linke nur aus ihr und der Kraft ihres demonstrativen Kampfgestus besteht. So viel kann niemand an aufmüpfig guter Laune ausstrahlen, ohne dass dies nicht auf den zweiten Blick trügerisch wirkt. Gewiss soll Klassenkampf Spaß machen. Und vor allem aus der „neue(n) Lust auf links“ (Titel des Buches von „taz“-Autor Daniel Bax) dürfte sich die Mitgliederzahl der Linkspartei rasch verdoppelt haben. Da kann man nur hoffen, dass nicht Frust auf Lust folgt.

Auffallend ist, dass im Strom rechter Gesinnung die Ikonie weniger Schiffbruch zu erleiden scheint als in der Flut linker Bewegungen. Hat man von einer rechten Ikone gehört, die ihre Anhängerschaft plötzlich durch Linkswendung enttäuscht? Trüge Björn Höcke morgen den Stutzbart von Alois Schicklgruber, ihm wäre der Kotau seiner Anhänger vergleichbar sicher. Unendliche Gemeinden und Gemeinschaften würden sich im Bannstrahl seines Geistes sonnen. Und brauchten sich nicht zu fürchten. Der Mann meint, was er sagt, und tut, was er denkt. Für alle Zeit. Verlässlich wie das Räderwerk der Nazis. Weit links davon ist Verlässlichkeit weniger haltbar. Wieviele Vorbeter und Angebetete fanden sich plötzlich in „Feindesland“ wieder. K-Gruppen-Ikonen tauschten nur Kürzel aus. Ihre Anhänger rieben sich zerknirscht die Augen.

Eingeräumt sei, dass sich nicht alle und damit alles, auf die/das hier abstrakt angesprochen wird, im Ikonen-Status befanden (und befinden). Manche genießen „nur“ mehr Ansehen als andere. Taugen und sollen dazu taugen, Bindungen herzustellen. Das Enttäuschungspotenzial ist freilich durchaus kompatibel. Und die Möglichkeiten, dass, wer heute aufs Ruhmes-Schild des ein oder anderen Lagers gehoben wird, morgen vielleicht in einer Akte auftaucht, die das Vorbild auf eine triste Miniatur zusammenschnurren lässt, ähneln sich. Worum es hier geht, ist, sich bewusst zu machen, dass man auch ohne Ikonen und Ikonie zur Formulierung und bestenfalls Verwirklichung seiner Ideen und Ideale auskommen kann. Und sich damit Enttäuschungen, wie sie Emran Feroz gegenüber Chomsky empfindet, erspart.

Wie aber umgehen mit einer angenommenen Notwendigkeit, dass jede Bewegung ihre charismatische Führungsfigur haben muss? Sind linke Bewegungen in der Wucht von Präsenz, Tragweite und Durchsetzungskraft vorstellbar, ohne Figuren wie: Martin Luther King, Nelson Mandela, Ortega, Gandhi, dem Dalai Lama und wie sie alle heißen? Manche waren und sind aus linker Sicht makellos geblieben. Manchen haften Widersprüche an, die aber nicht grundsätzlich an ihrem Übezeugungsstatus rütteln. Man konnte (und kann) über Schwächen hinwegsehen, ohne sich im Staub wälzen zu müssen. Andere wiederum haben sich von dem, wofür sie ihren Anhängern standen, allmählich oder plötzlich verabschiedet. Etliche, ohne die Karten offen zu legen. Man kam ihnen auf die Schliche. Wie jetzt dem Engagement Chomskys?

Wer nicht völlig verblendet war, der hätte der Vielseitigkeit Chomsky schon früh und nicht jetzt erst im Zusammenhang mit den Epstein-Files Fragezeichen anheften können. Denn so sehr sich Chomsky als linke Schlüsselfigur über US-Grenzen hinaus einen Namen machte und sich für Freiheitsrechte einsetzte, so sehr brach das Bild schon angesichts seiner Verharmlosung der Verbrechen der Roten Khmer in Kambodscha. Auch mit der kruden Kritik am Jugoslawien-Krieg machte er sich unter Linken nicht nur Freunde. Endgültig fragwürdig wurde Chomskys Wandlungsfähigkeit in der so genannten „Faurisson-Kontroverse“, in der er die Redefreiheit des französischen Literaturprofessors und Neonazis Robert Faurisson, einem Holocaust-Leugner, Antisemiten und Rassisten, grundsätzlich und uneingeschränkt hochhielt.

Es braucht also nicht immer des letzten „Beweises“ mangelnder Integrität, um die Sinnhaftigkeit von Ikonie, auch und gerade, wenn sie links aufwallt, mit Zweifeln zu begegnen. Zwischen Respekt vor der Haltung linker Bewegungs-Figuren, unausgeprochener politischer und moralischer Autorität, und dem Punkt, an dem derlei Autorität in heilige Unanfechtbarkeit mündet, sollte unterschieden werden können. Die Momente, die den Verdacht hegen, mit Unanfechtbarkeitsritualen könnten Brüche und Widersprüche, die vorhanden sind oder später auftauchen, versteckt oder glattgebügelt werden, können erkannt und benannt werden. Wo Ikonen stehen, sind meist schon Risse in Sockeln zu entdecken. Und Götterdämmerungen nicht weit. Im Epstein-Komplex wimmelt es von Niedertrachtshinweisen.

Passage zu Chomsky, seiner Haltung zur Roten Khmer, zum Jugoslawien-Krieg und in der Faurisson-Kontroverse geht inhaltlich auf Informationen bei Wikipedia zurück (der Autor)



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