ArtsAndSocials

Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Spahn Auf 100

Mir war bislang nicht klar, warum man, außer man hat was mit der Medizinindustrie am Laufen, in der Corona-Zeit beim Maskenkauf so gigantisch über den Zappen hauen konnte, wie es unter dem damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn passiert ist. Mit den neuesten Äußerungen des heutigen Unionsfraktionsvorsitzenden gewinne ich mehr Durchblick. Der Mann hatte 5,7 Milliarden Masken geordert, damit sich die Menschen in Deutschland die Dinger nicht nur vor Mund und Nasen binden, sondern auch vor die Augen. Denn das, was Spahn jetzt zum Rentenalter raus haut, geknüpft an weitere Lebenserwartungen von Frau und Mann, hat mit nachlesbarem Zahlenwerk nicht viel, um nicht zu sagen: rein gar nichts, zu tun. 100 Jahre alt würden die Menschen perspektivisch werden, so Spahn. Weswegen man nicht darauf pochen könne, dass man künftig mit einem Alter in Rente kann, wie heute der Fall. Die Renten-Debatte rauscht voll ins Nirwana.

Die Lebenserwartung für Frauen und Männer lag 2022/24 bei 83,2 beziehungsweise 78,5 Jahren ( das Statistische Bundesamt). Die Lebenserwartung sei damit doppelt so hoch wie vor 150 Jahren. Gründe lägen unter anderem bei gesunkener Säuglingssterblichkeit. Aber auch bei medizinischen Fortschritten, Hygiene, Ernährung, Wohnsituation. Die Steigerung habe sich allerdings verlangsamt. Im Zuge der Corona-Pandemie gab es sogar einen Rückgang. Bis 2050, so Schätzungen, könnte die Lebenserwartung auf 84 Jahren für Männer und 88 für Frauen wachsen. Allerdings dürften dann, so liegt es nahe, medizinische Leistungen nicht abgebaut werden, worauf derzeitige Vorschläge hinauslaufen, sondern die Menschen müssten weiter nach besten Maßstäben medizinisch versorgt werden. Welche Einflüsse andere Lebensindikatoren haben, ist nicht absehbar.

Spahn redet, wie so oft, von Dingen, von denen er keine Ahnung hat. Nur um Dinge auf die Spur zu bringen, von denen er ebenfalls keine Ahnung hat. Etwa, wie lange Menschen über das jetzige Rentenalter hinaus arbeiten sollten (oder könnten). Es gibt ausreichend Stimmen bei CDU und CSU, die Menschen höheren Alters am Liebsten den Lebenshahn abdrehen möchten. In dem ihnen teurere Medikamente verweigert werden. Zuletzt hatte der christdemokratische Gesundheitspolitiker Hendrik Streeck derartige Gedanken in Umlauf gebracht. Schon sehr viel früher war der damalige Junge-Union-Chef Philipp Mißfelder mit Ideen dieser Art aufgefallen. Würden ihre Vorstellungen Wirklichkeit: Das mit den 100 Jahren Lebenszeit, auf die Menschen angeblich zusteuern, könnte sich Spahn als Rentenreform-Argument sparen. Aber vielleicht hat er ja einen unerschütterlichen Glauben an Wunder.

Jens Spahn kann offenbar ebenso Masken-Milliarden verschleudern, wie er Lebenserwartungsfantasien weckt. Das Eine wie das Andere wird schön geredet, bis es so klingen möge, als würden beruhigende Narrative tatsächlich die Realitäten abbilden. Weil Spahns Fantasie „100“, die beim besten Willen durch nichts belegt werden kann, so wunderbar in sein Konzept „späteres Renteneintrittsalter“ passt, geht er davon aus, dass sich auch die Renten-Kommission im Paket damit befasst. Wenn die Lebenserwartung weiter steige, werde auch das Renteneintrittsalter weiter steigen. Dieses Mantra mag Jens Spahn noch eine ganze Legislaturpaeriode vor sich her tragen. Es wird nicht tragfähiger. Da der Ausgangspunkt dummes Gerede ohne festen Boden ist, ist auch, was darauf baut, politisches Geschwätz. Und nicht geeignet, die Rente im Blüm’schen Sinne „sicher“ zu machen.

Erschreckend ist, dass sich die Grünen in politischer Selbstsuggestion den Spahn-Fantasien anschließen können. So wird auch dort einer Anhebung des Renteneintrittsalters das Wort geredet. „Notfalls“, heißt es, was schon für sich besagt, dass darin nicht mehr als ein „last exit“ steckt. Auch Grünen-Chef Felix Banaszak sprach laut Medienberichten davon, dass die Lebenerwartung „absehbar weiter steigen werde“. Und dass man deswegen darüber nachdenken sollte, ob nicht ein Teil dieser „gewonnenen Lebenszeit“ im Erwerbsleben „verbracht“ werden sollte. Mehr „Reha und Gesundheitsschutz“, aber auch „eine Einschränkung von Frühverrentungen“, konstatiert Banaszak. Das liegt im Kern nicht weit von Spahn entfernt. Und passt zu dem, was bei den Grünen zu beobachten ist. Sich bei der Union als Bündnispartner anzubiedern. Und sei’s auf Kosten gesellschaftspolitischer Wahrheiten.

Es bleibt die Hoffnung, dass sich die Rentenkommission nicht in derartige Denkblasen verrennt. Die am Ende durch eine Realität, die weit von Spahns Lebenserwartungsträumen entfernt liegt, zerplatzen. Eher aber ist zu befürchten, dass auch dort nicht in sich schlüssige Pläne geformt werden. Die von hätte, könnte, sollte ausgehen – um den Menschen im Land Lebensmehrarbeit aufzudrücken. Ob das überhaupt gelänge, wo Unternehmen doch allenthalben auf ältere und teure Arbeitnehmer pfeifen, ist fraglich. In Deutschland ist die Prozentzahl der Langzeitarbeitslosen jenseits der 60 in den vergangenen 15 Jahren kontinuierlich gestiegen. Als Grund werden Qualifikationsdefizite, mehr Krankschreibungen und hohe Lohnkosten genannt. Die Lage dürfte nicht nur für einen Wiedereinstieg ins Arbeitsleben, sondern auch für dessen Verlängerung eher aussichtslos bleiben.



Hinterlasse einen Kommentar