Die Öffnung der Epstein-Akten hat diverse Auswirkungen. Welche und welchen Charakters sie sind, dieser Frage geht Velten Schäfer im „Freitag“ nach. In zwei Strängen. Zum Einen, so konstatiert er, sei vor dem Hintergrund dessen, was öffentlich wurde und wird, ein Versagen des Rechtsstaats zu konstatieren. Weil er Hinweisen, die auf mögliche kriminelle Dimensionen hindeuteten, nicht mit der in einem demokratischen Rechtsstaat notwendigen Konsequenz nachging. Zum Anderen würde durch die Files auch in „progressiven Kreisen“ die Nachfrage geschürt, „routinemäßig“ Ermittlungsakten zu öffnen. Mit der Folge, dass sich „Hobbyermittler, Skandal-Rechercheur:innen“ und Aktivisten durch die „Schmutzlawine“ graben. Und den Weg für Spekulationen, Verstrickungs-Rankings und Verschwörungserzählungen freimachen. Sich selbst teils durch Fakes befeuernd.
Das Lager auch linker Veröffentlichungsbefürworter sei, so Schäfer sinngemäß, dem des Trump-Lagers nicht unähnlich. Das ehedem darauf erpicht gewesen sei, alles durch den politischen Gegner vermeintlich sorgsam Versteckte an die Oberflüche zu befördern. Um daraus fragwürdige eigene Narrative der Bloßstellung zu stricken. Mittlerweile sei ein „Putinismus“ entstanden. Eine „verunsicherte liberale Öffentlichkeit“, die dazu neige, „hinter bösartigen oder unerklärlichen Erscheinungen den Moskauer Gottseibeiuns zu erblicken“. Was hin bis zu den Stromattacken einer zweifelhaften „Vulkangruppe“ in Berlin reiche. Und zu auf Portalen transportierten kruden Geschichten, wonach „der Russe“ selbst über Wettermanipulationen Angst verbreiten könne. Fazit: Die Epstein-Files öffnen Vielen ein Tor zur Hölle. In der allenthalben mysteriöse Feuer populistischen Ansinnens brennen.
Die Mahnung, die – allerdings auch mit unzähligen Schwärzungen – veröffentlichten Epstein-Files nicht dafür herzunehmen, über darin auftauchende Namen mitsamt dazugehörigen Personen einer Art Rattenrennen zuzuführen, ist ernst zu nehmen. Was bedeutet dies aber grundsätzlich für derartige Leaks? „Weder vom Stammtisch noch Journalismus kann man erwarten, mit einem Datensatz dieser Art sinnvoll, gar verantwortlich umzugehen“, so Schäfer. Das ist einigermaßen pauschal formuliert. Und diskreditiert jene Journalisten, denen Leaks und häufig auf Druck einsehbare Akten Anlass zu weiteren seriösen Recherchen, Analysen und Beiträgen waren und sind. Die Snowden-Enthüllungen sind eines der Beispiele dafür. Sie belegten die Überwachung von Millionen Bürger:innen und Mitgliedern von Regierungen. Bis hin zu Angela Merkel.
Velten Schäfer fragt: „Musste man wirklich wissen, dass sich Frankreichs Kulturpolitik-Legende Jack Lang von Epstein aushalten ließ oder welche peinlichen Nachrichten ihm Noam Chomsky oder Prinzessin Mette Marit schickten, um zu verstehen, wie Elite funktioniert?“ Aber natürlich, kann nur die eine richtige Antwort sein, wenn man der Elite nicht nur abstrakt ihre Verlogenheit vorführen will. Sondern wenn es darum geht, der Elite Belege unter die Nase zu halten, sie zu konfrontieren und der Öffentlichkeit immer wieder bewusst zu machen, von wem sie an der Nase rumgeführt wird. Dass der ein oder andere Name verzichtbar ist, geschenkt. Dass aber einflussreiche Persönlichkeiten, auch und gerade der Linken, Wasser predigen und Wein in Gesellschaft solche Leute wie Epstein saufen, kann nicht oft genug vor Augen geführt werden. Als Lern- und als nötiges aufklärerisches Lehrstück.
In einem Beitrag von „FAZ“-Autor Alexander Jürgs werden die Ressentiments von Velten Schäfer in verschärfter Form geteilt. Auch Jürgs weist auf ein weitreichendes Verschwörungs-Potenzial hin, das die Veröffentlichung der Epstein-Akten biete. Der Fall, so Jürgs, werde Verschwörungstheoretikern „Nahrung geben wie nie zuvor“. Das Vertrauen in die Eliten werde in schneller Geschwindigkeit schwinden. Auch integren Staaten und ihren Politikern werde zunehmend weniger geglaubt. Die Folge: Vermehrter Hass und wachsendes Misstrauen. Wasser auf die Mühlen der Rechten, dieser Schluss drängt sich einem gerade zu auf. Der Dreck werde zur „Flutwelle“ gegen alles, was insbesondere den krudesten Kritikern der Demokratie am Establishments missfällt. Und trage gravierend und gezielt zu einer fortwährenden Destabilisierung von Demokratie bei.
Was dagegen helfen könnte? Jürgs: „Echte Aufklärung“. Konklusio: „Das ernsthafte Bemühen, den Fall Epstein zu durchleuchten, seine Mitwisser und Mittäter zu entlarven. Wenn unabhängige Ermittler deutlich herausarbeiten könnten, wer tatsächlich in das System des Sexualstraftäters involviert war, wer von ihm profitierte, wer von ihm erpresst wurde, dann könnte sich zeigen, was den Fall trotz seiner Monstrosität dennoch von Verschwörungsmythen wie dem QAnon-Kult oder den Ideen eines Maximilian Eder unterscheidet“. Jürgs Empfehlung: „weniger Elitismus. Weniger Abgehobenheit, weniger Pracht und Inszenierung. Wer als Politiker oder Unternehmer erreichen will, dass Gerüchte und der ungerechtfertigte Glauben an Verschwörungen sich weniger stark ausbreiten, muss zu mehr Transparenz bereit sein. Bürgernähe sollte er als Bereicherung, nicht als lästige Pflicht sehen. So kann er der Vorstellung, Gemauschel und Kumpanei bestimmten die Politik und die Wirtschaft, besser entgegentreten“.
Das gilt freilich nicht nur für Politiker und Unternehmer. Wenn auch für sie in besonderem Maße. Weil sie im Wesentlichen die politischen, wirtschaftlichen gesellschaftlichen Geschicke lenken. In der westlichen Welt, aber auch in Staaten außerhalb der westlich-kapitalistischen Hemisphäre. Es gilt auch für jene hyperprominenten Persönlichkeiten, die als kulturelle Botschafter linker Haltungen und Visionen unterwegs sind. Und diese, wie sich zeigt, an den reich gedeckten Tischen anderer Eliten zu verraten bereit sind. Das zu erkennen und öffentlich zu machen, bedarf keiner Lügen, Mythen und Verschwörungen. Es macht keinen Sinn, sich aus Angst vor Missbrauch Wahrheiten über linke Apologeten zu verkneifen. Wahrheiten gehören ja zentral zum Instrumentenkasten der Linken. Es gibt nur gute Gründe, ihn auch immer mal wieder für Reparaturen am eigenen Betrieb zu öffnen.

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