Ich gestehe, dass ich selten, aber doch hin und wieder mit dem Gedanken spiele, meine Siebträger-Kaffee-Maschine über Bord zu schmeißen. Das Aufwärmen am Morgen, das laute Mahlen der Bohnen in der Mühle, das kräftige Festdrücken des Kaffee-Pulvers mit dem Tamper, das Putzen der Dampfdüsen, das Kontrollieren der Dichtungsringe, das Achten auf Kalkprobleme, das regelmäßige Leeren der Abtropfschale…all das verlangt einige Geduld. Und mit ihr grundsätzliche Bereitschaft, die Maschine zu behandeln wie ein Familienmitglied. Das kann man immerhin noch aus der Reserve locken. Aber wenn du mal sauer auf die Maschine bist, sie anmuffelst: Null Reaktion. Bella Italia wiegt schwer wie ihr stoisches Dasein auf der Küchenablage. Sie ist, wie sie ist. Eigenwillig wie das Land, in dem sie geboren wurde. Und oft ein bisschen überdreht. Aufbrausend, wenn du sie zwingst, die Milch aufzuschäumen.
Wenn ich allerdings lese, dass die „LAP-Coffee“-Gruppe in Berlin sich darüber beschwert, dass jetzt „Cotti Coffee“ aus Peking die Metropole aufmischen will, dann werde ich zum militanten Robusta. Es ist Zumutung genug, dass sich deutsche Billigkaffeekocher mit Schwerpunkt Effizienz, Expansion, Dumping auf dem neoliberalen Koffein-Markt tummeln. Und alles, was sich abseits davon erstklassig bewegt, niederpreisen mögen. Dass jetzt freilich ein Coffee-Shopist den Kaffee-Generika-Bro aus Chinas Papp- und Plastikbecher-Welt disst, ist blanker Kapital-Zynismus. Schlimm genug, dass mittlerweile in jeder Koffein-Großkantine auf Nachfrage Sirup aller Geschmacksrichtungen über den Kaffee gesuppt wird. In Italien stünde darauf die Höchststrafe: ein Abend mit Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Oder ein Life-Balance-Weekend mit rechten Lega-Kumpeln von Matteo Salvini.
Nun scheint es, als könnte es zu einem heißgebrühten Clan-Krieg der Kaffee-Paten kommen. Das allerdings würde mir ausdrücklich koffein-geputschte Standing Ovations abringen. Ich sehe schon, wie sich „LAP“ und „Cotti“ das Leben zur Hölle machen. Und digitales bis physikalisches Hauen und Stechen beginnt. Und sich beide Seiten gegenseitig im Ringen um Vorherrschaft pulverisieren. Wie die „taz“ nahelegt, könnten dazu „Eventisierung“ und „Cross-Marketing“ auf maximale Temperatur gebracht werden. Inklusive tik-getokten „Comunity-Buildings“. Um, wie sinngemäß geschrieben steht, den „Impuls“ Jugendlicher, zu allem zu greifen, was den italienisch-klassischen Kaffee-Konsum versaut, ins, der Autor, gegenseitige aggressive Digicoffee-Bashing zu treiben. Ich wette ein Jahr lang „Mango Kokos Latte“ darauf, dass die Bewegung „LapCoffeeScheiße“ dann flugs einpacken könnte.
Dass die Chinesen ausgerechnet „Cotti“ heißen, ist in Berlin natürlich lustig. Zwar „Cotti“ mit „C“ und nicht mit K. Allerdings, so meint die „taz“, würde, anders als „LAP“, „Cotti“ eher nicht so sehr auf die „gentrifizierten Kieze“ setzen, sondern auf „stark frequentierte Lagen und Verkehrsknotenpunkte“. Nun gehört der Kotti, respektive die Gegend um das Kottbusser Tor, ich würde sagen, schon zu den vielbesuchten Gegenden Berlins. Wie dem auch sei. Früher wären China-Ketten nicht mal von Mitte bis Springer vorgedrungen. Selbst eingefleischte Maoisten hätten „Ton, Steine, Scherben“ aufgelegt und die Kaffee-Tassen wären geflogen. Heute hat „LAP“ in SO36 schon mal den Fuß in die Tür gestellt. Man darf gespannt sein, wie das Völkchen knausriger Touristen und die geldknappe Kreuzberger Hinterlassenschaft reagieren. Oder ob dann „CottiCoffeeScheiße“ in der Oranienstraße skandiert wird.
Während ich dies schreibe, brummelt meine liebe Siebträger vor sich hin. In der Wohnküche entfaltet sich ein wunderbares Kesseltreiben. Noch vom Kaffee am Morgen liegen Schwaden überm Laptop. Nicht zu verwechseln mit LAPtop. Ich schwöre beim Lieblingsitaliener um ein paar Ecken Bella Italia die ewige Treue. Ich habe mal in einer Espresso-Fibel gelesen, dass man mindestens an 1000 Espresso üben muss, bis einem der erste so richtig gelingt. Das ist eine gute Weile her. Inzwischen fühle ich mich in Glücksmomenten wie ein Barista. Auf chinesisch lautsprachlich kāfēishī. Ohne kulturelle Aneignung: 咖啡师. Das Wort allerdings kann „Cotti“ getrost vergessen. Auch weit über 1.000 Versuche hinaus. Die Amerikaner haben schon mit dem „americano“ probiert, die Hegemonie der Espresso-Kultur zu brechen. Herausgekommen ist Donald Trump. Eine schlimmere Plörre habe ich nie getrunken.

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