Die Debatte darüber, ob Film politisch ist oder zu sein hat oder nicht, nimmt diffuse bis skurrile Formen an. Es sei nochmal, auch wenn es weh tut, an den alten Sponti-Spruch erinnert, wonach das Private politisch ist – der im Übrigen der feministischen Bewegung entstammt. Zu erklären, wie es Wim Wenders auf der „Berlinale“ tat, „…wir müssen uns aus der Politik raushalten, wir sind das Gegenstück zur Politik“ („…we have to stay out of politics – we are the counterpart of politics“) ist nicht bloß im Sinne des Sponti-Spruchs Blödsinn. Es wird, wenn möglicherweise auch nur unglücklich formuliert, von Wenders, dessen Arbeit ich überaus schätze, so getan, als bewege sich Kultur, mithin auch „der Film“, nur eine Sekunde lang außerhalb von Politik. Egal, ob man sich als „Gegenstück“ zu etwa staatlicher Politik versteht, oder sich mit Kultur sonst irgendwie in irdischen Räumen bewegt: Man steckt mitten in politischen Zusammenhängen. Selbst wenn man krampfhaft versuchen würde, „unpolitisch“ zu sein, wäre dies ein politisches Statement.
Es ist nicht die Weigerung des Jury-Präsidenten Wenders, sich zu Gaza zu äußern oder gar zu positionieren, die Unmut schüren muss. Es ist die im Moment der Pressekonferenz irrwitzige Volte, qua Unpolitischmachung des Films einer Debatte über aktuelle Fragen der Politik entgehen zu wollen. Niemand muss, auch wenn er noch so insistierend gefragt wird, zu irgendeinem Krieg, irgendeiner Krise, irgendeinem Konflikt ad hoc Sinnhaftes sagen. Auch wenn das in diesen Zeiten nicht schaden könnte. Aber zu behaupten, seine Defensive rühre aus der gewählt klugen Einsicht, dass sich der Film aus der Politik herauszuhalten habe, weil er ihr „Gegenstück“ sei, bewegt sich abseits intellektueller Kompetenz. Zumal dann, wenn man weiß, wie politisch die „Berlinale“ seit jeher war und ist. Wie politisch die Filme sind, die dort gezeigt wurden und werden. Nicht, indem sie stets plakativ aktuelle Themen aufgreifen; das brauchen sie nicht. Sondern schon allein, weil in ihnen ausnahmslos Haltung erkennbar wird. Und sei es „nur“ eine menschliche.
Wer es ernst meint mit Haltung zeigen, bewegt sich in der Debatte um das Für und Wider der Wenders-Äußerungen zwischen abwiegelnden Reaktionen der „Berlinale“-Leitung und dem „offenen Brief“, den Kunstschaffende an das Festival richteten. Unterschrieben unter anderen von Tilda Swinton und Javier Bardem. Mit der Aufforderung, man möge der „moralischen Pflicht nachkommen“ und klar „Ablehnung von Israels Genozid“ an den Palästinenser:innen erklären. Ich halte nichts von dieser Form des Bekenntnis-Zwangs. Interessanter ist, was Barbara Schweizerhof im „Freitag“ vermutet. Dass der Brief, wenn auch „vage“, an die deutsche Bundesregierung gerichtet sei. Die die „Berlinale“ mit ihrer „Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH“ ausrichtet. Das wiederum hätte man konkret so adressieren können. So aber hatte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer keine Mühe, dem Jury-Präsidenten Wenders beizuspringen. Und konnte seine harmlose Mär von der freien Entfaltung der Filmschaffenden dieser Welt loswerden.
Weimer wurde seine ganze staatstragende Suada los, wonach natürlich keine Zensur ausgeübt werde. Das Festival, so Weimer, sei „ein Ort, wo wirklich die Meinungen aufeinanderprallen, wo offen diskutiert wird. Es ist das politischste Festival überhaupt“ – bis hierher ein klarer Widerspruch zu den Worten von Wenders. Weshalb Weimer anfügte: „Aber ich finde, zur Meinungsfreiheit gehört auch, dass man auch mal nichts sagen kann. Und das muss man den Künstlern auch überlassen.“ Was freilich den Kern der Wenders-Aussage nicht wirklich aufgriff. Denn nichts zu sagen, hätten Kritiker, die den offenen Brief der Kunstschaffenden nicht unterstützen, vermutlich noch irgendwie goutiert. Es war aber eben die Floskel, die insinuiert, der Film bewege sich als „Gegenstück“ quasi außerhalb des Feldes der Politik, die auch die indische Autorin Arundhati Roy aufbrachte, weshalb sie ihre Teilnahme im Festival absagte. Das wiederum ist verständlich. Aber wie es so ist: Polarisierungen rauschen an Genauigkeiten vorbei.
Insofern kann man den flammenden Streit um den „Berlinale“-Auftakt, so denke ich, unter ferner liefen herunterdrehen. Wim Wenders Bemerkungen zum Politischsein oder Nichtspolitischsein des Films, wenn man will, unter „schlechte Tagesform“ abhaken. Denn niemand, der klar bei Verstand ist, würde einen solchen Unsinn bewusst wiederholen. Den offenen Brief der Kunstschaffenden als „same procedure as last time“ zur Kenntnis nehmen. Wiewohl er, wenn an den deutschen Staat adressiert, berechtigtes Gewicht hat. Und sich, wie es Barbara Schweizerhof tut, dem zuwenden, was das „Berlinale“-Programm allemal an politischem Film zu bieten hat. Wenn politisch sein nicht bedeutet, in jedem Fall biblisch anmutende Protestszenen wie die in „1900“ von Bertolucci einzubauen zu müssen. Ein Bild daraus hing früher fast über jedem WG-Küchentisch, als Mutmacher. Mut machen freilich wäre gegenwärtig durchaus hilfreich. Im Wim-Wenders-Style den Stecker aus schwelenden Diskursen zu ziehen, ist, so darf man sagen, der schlechteste Weg.

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