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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Botschafter Der OAZ

Ist es der Versuch, dem ehemaligen „Freitag“-Mann Dorian Baganz eine Art überbrückenden Heiligenschein zu verpassen? Jedenfalls hat der nicht ganz unbekannte Medien-Mensch Jürgen Kuttner, geboren 1958 in der DDR, seine Chance genutzt, und der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“, zu der Baganz als Chefredakteur gewechselt ist, im „Freitag“ einen einigermaßen lobhundelnden Beitrag gewidmet. Zumindest räumt Kuttner, als „Triggerwarnung“, anfangs ein, als jemand mit Ost-DNA, zu sprechen. Der aber nicht zu jenen gehöre, „die Ostler als die besseren Menschen begreifen oder als wehleidige Opfer“. Um Zeilen danach darüber zu sinnieren, dass man „als Ostler“ noch immer die Erfahrung machen müsse, stigmatisiert zu werden. Ignoranz, Desinteresse, ethnologischer Blick, Opfer eines „brachialen Elitetauschs“ und „westdeutscher Karriereinteressen“. Das ist der Sound, den OAZ-Verleger Holger Friedrich („Berliner Zeitung“) schätzt.

Um das, was daran wahr ist, in seine eigene mediale Agenda umzuwidmen. Der, so Kuttner, „mit ostdeutschem Furor“ an seine neue Erfindung geht. Dafür teils „überschießend“ mit „hasserfüllten Reaktionen“ konfrontiert werde. Allein das lässt „mich mit ihm (Friedrich) symphatisieren“, schreibt Kuttner bescheiden im „Freitag“. Immerhin, wird weiter gelobhymnet, stellten die „Berliner Zeitung“ und die OAZ den Versuch dar, „den historischen und biografischen Erfahrungen eines Fünftels der deutschen Bevölkerung, Ausdruck zu verleihen“. In einer Medienlandschaft, die sich laut Kuttner in einer „Konsensmitte versammelt“ habe, sei es „für mich erfrischend, mit Texten konfrontiert zu werden, die woanders nicht zu lesen sind“. Er, Kuttner, schwanke bei Lektüre der „Berliner Zeitung“ immer „zwischen Zustimmung, Widerspruch, Neugier und Kopfschütteln“. Was wolle man mehr? Alles andere sei doch, so sinngemäß, langweilig.

Noch irgendwie eine linke Kurve ansteuernd, zitiert Jürgen Kuttner am Ende seines Beitrag Heiner Müller/Alexander Kluge, von denen der Rat stamme: „Macht mehr Fehler und macht sie schneller! Woraus wollt ihr sonst etwas lernen?“ Der Spruch ist auf dem Portal von Alexander Kluge zu finden. Dort verweist Kluge darauf, dass sich Müller zum Ende seines Lebens unter anderem mit dem Buch „Postheroisches Management/Ein Vakuum“ von Dirk Baecker beschäftigt habe. Darin stehe eben dies: „‚Macht mehr Fehler. Macht sie schneller. Woraus wollt ihr sonst lernen?‘ Das…gefiel Heiner Müller. Er sah in den Organisationsproblemen moderner Konzerne neuartige Rohstoffe für das Epische Theater“. Nun könnte der Spruch nach Kuttners Worten auch Rohstoff bieten für den OAZ-Journalismus. Das rasante Tempo, in dem Friedrich sein Projekt auf die Schiene gebracht hat, scheint Kuttner jedenfalls stark zu beeindrucken. Tempo als Qualitätssiegel, hypermodern.

Dorian Baganz führt die redaktionellen Geschäfte der OAZ. Im „Freitag“ tat er sich als Autor hervor, dem man einen verlässlichen Hang zum Lager Jener nachsagen darf, die vergleichsweise russlandfreundlich daherkommen (wie etwa der Ex-Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat), jedenfalls keiner dezidierten Russland-Kritik anhingen. Mit dem BSW ging Baganz dementsprechend eher wohlwollend um. Ein Interview mit der Autorin Gabriele Gysi, die darin, ich sage mal: ein einigermaßen entspanntes Verhältnis zur AfD offenbarte, machte nicht den Eindruck, als seien Baganz die Positionen Gysis ausgesprochen unangenehm. Alles herausragende Referenzen für das Anheuern beim OAZ-Verleger Friedrich. Und ins Friedrich-Portfolio passend, in das auch andere Redaktionsmitglieder gehören, die bislang nicht gerade dadurch aufgefallen sind, dass ihnen eine besondere Resilienz gegenüber fragwürdigen Haltungen attestiert worden wäre.

Beispielsweise Florian Warweg, der dem Kreml derart zugeneigt scheint, dass er keine Probleme hatte bei „RT DE“ (ehedem Russia Today) zu arbeiten. Dem Portal, das von Moskau gesteuerte Programme politisch transkribierte und 2022 seinen Betrieb einstellen musste, weil die EU verbot, im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg der plumpen Putin-Propaganda in Europa Vorschub zu leisten. Acht Jahre lang war Warweg „RT“ zu Diensten, so „Wikipadia“. Teils als online-Chef. Anschließend wechselte er zu den „Nachdenkseiten“. Die ebenfalls als Sprachrohr Russlands gelten. Anfangs noch für ein interessantes „Alternativmedium“ gehalten, entpuppte es sich alsbald als Anti-„System“-Medium mit nicht zu übersehender Schlagseite nach rechts, wie Kritiker befanden. Und, was die Russlandfreundlichkeit anbelangt, durchaus auch als „Propagandainstrument“ des BSW, so der Politikwissenschaftler Markus Linden ehedem in einem „taz“-Interview.

Welchen ideologischen Flankenschutzes sich die OAZ bedient, zeigt auch, dass Thomas Fasbender mit im Boot ist. In Sylt und Hamburg aufgewachsen, als Philosoph promoviert, entdeckte er nach einem Zeitungsvolontariat seine Liebe zu Moskau. War laut „wikipedia“ unter anderem in Russland für einen Energiekonzern unterwegs, kehrte dann später wieder nach Deutschland zurück. Tauchte schon mal im neu-rechten Zentralorgan „Junge Freiheit“ auf. Oder war, laut „Deutsche Welle“, für das „Dialogue of Civilizations Research Institute“ (DOC) des Putin-Vertrauten Wladimir Jakunin im Geschirr. Arbeitete, wie Warweg, für „RT DE“ („Fasbenders Woche“). Ab 2023 darf er sich tonangebend Leiter des Ressorts Geopolitik der „Berliner Zeitung“ von OAZ-Verleger Friedrich nennen. Und führt nun, nach einem Zwischenspiel bei einer mehr als umstrittenen „Weltbühne“-Nachfolgerin, so zu lesen, das Debatten-Ressort des neuen Friedrich-Kindes.

In der Redaktion auch Marlen Hobrack, die im „Freitag“ (dort Dauergast) der Autorin Jana Hensel widersprach, die anlässlich ihres Buchs „Es war einmal ein Land“ eben dort befragt wurde. Hensel hatte sich („Der Osten kippt“,) zu ihrem „Schockerlebnis“ über das viele AfD-Blau auf der politischen Landkarte Ost zur Bundestagswahl 2025 erklärt. Und den „Abschied eines Teils der Ostdeutschen von der Demokratie“ konstatiert. Hobrack meinte, angesichts der politischen Gemengelage, wonach „die anti-demokratische Stärke der AfD“ in Wahrheit „die Schwäche der Parteiendemokratie“ offenbare, sei vielleicht „ein Durchgang durch den Nullpunkt“ (CDU/AfD-Bündnis) vonnöten, um zu einer funktionierenden Demokratie zurückzukehren. Die AfD als Augenöffner? Um neoliberale Politik wieder auf den Pfad der Tugend zu bewegen? Kühne These. Und nur die erweiterte Form der Behauptung, allem voran die sozialpolitischen Verhältnisse seien Ursache breiter Rechtsdrift.

Als Beleg eines nur schaufesternhaft dahergplauderten freiheitlich-demokratischen Anspruchs der OAZ könnte auch dienen, dass das Podcast-Format „sachlich richtig“ des „Tagesschau inside“-Autors Alexander Teske jetzt unter dem Dach der OAZ Unterschlupf gefunden hat. Übrigens auch jemand, der für den „Freitag“ erkennbar zweifelhafte Beiträge schreiben darf und dort schon mal als „solider Journalist“ zitiert wird. Teske, dessen „Sachbuch“ eine Ansammlung bekannt schlichter Denunziationen gegen den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) und Mitarbeiter:innen (Tenor: alle links-grün versifft) ist, ist zusammen mit Podcastkollegin Annekatrin Mücke nicht ohne Grund auch Mitinitiator eines Manifests für einen „neuen“ ÖRR. Der Podcast ist ein posaunenhaftes Portal für allerlei rechtslastige Geister und Geisteshaltungen. Dass Jasemin Kosubek, die Warweg kennt und für „RT DE“ moderierte, dort reinschaut, wundert nicht.

Holger Friedrich erweckt mit dem Start der OAZ den Eindruck, als ginge es ihm vor allem darum, den Menschen ist Ostdeutschland eine besonderen, bislang vernachlässigte Stimme zu geben. In einer Medienlandschaft Ost, die, was ja stimmt, noch immer wesentlich von Verlagen West bestellt wird. In seiner Kolumne in „Medien 360G“ des Mitteldeutschen Rundfunks, Titel „Das Prinzip Zweifel“, attestiert Ralf Heimann denn Friedrich eine Art guten Willen, den Ostdeutschen und ihrer Sicht auf das Land eine spiegelende, originäre Plattform zu geben. Er vermerkt allerdings auch, dass sich das vermeintliche Bemühen darum bei genauem Hinschauen zu etwas wie journalistischer Angriffsprosa gegen „das Sytem“ wandelt. Zu dem „die Medien“ zählen. Aus dem gegensätzlichen Paar Bevormundung/Freiheit wird ein Narrativ der Infragestellung der liberal-demokratischen Ordnung geschmiedet, lässt sich zusammenfassen, was Kritiker zu all dem sagen.

Schaut man sich das Personal an, das die „Geschicke“ der OAZ lenken oder begleiten soll: Es wäre dem „Freitag“ möglich gewesen, etwas Tiefgründigeres zum Start zusammentragen zu lassen, als das, was Jürgen Kuttner darüber befindet. Gerade wenn einem ein differenziertes Bild zu Ostdeutschland und einem Medium, das für sich in Anspruch nimmt, den Menschen dort aus der Seele zu sprechen, wichtig ist. Bei „Medien 360G“ wird vorgemacht, wie es ginge. Statt dessen lässt man quasi einen Dampfplauderer zu einem nicht ganz unbedeutenden medialen Projekt zu Wort kommen. Soll das flotte Provokation sein? Oder gar ein flatternder Schutzmantel um etwa ein AfD-Chef-Tino-Chrupalla-Porträt in Stil und Inhalt einer Yellow-Homestory? Dann ist das zu hundert Prozent gelungen. Erklärte, wie „epd“ berichtet, nicht Dorian Baganz, die AfD werde von der OAZ behandelt wie jede andere Partei? Jürgen Kuttner mag sowas ja erfrischend finden…



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