ArtsAndSocials

Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Don’t BeSocial, Kids?

Bisweilen verrät die Platzierung von Beiträgen, wie es um ihre Autoren steht. Und die, die die Autoren zu Wort kommen lassen. Die Medien. In der „Freitag“-Ausgabe 9/26 etwa geht es um Kinder und „Social Media“. Und um die Frage eines Verbots. Während auf der Aufmacher-Seite der digitalen Zeitung (auch im Handel) Marlen Hobrack verkünden darf, warum sie für ein Verbot ist – „Die Konservativen haben Recht“. Garniert mit anschließender Selbstverwunderung über einen, in dieser Debatte, Sinnesklick: „Ein Satz, von dem ich nicht dachte, dass ich ihn jemals tippen würde.“ Erscheint unter Kleingedrucktem (also unter dem Beitrag, in deutlich kleinerer Schrift) der Hinweis: „Den Text einer 13jährigen Schülerin zum Thema finden Sie auf Seite 17“ (!). Das sagt nicht Alles. Aber doch soviel: Die, um die es geht, werden nicht als gleichberechtigt wahrgenommen. Das ist denn schon einer der wesentlichen Punkte, auf die die Kritiker eines „Social Media“-Verbots für Kinder hinweisen. Dass nämlich die Verbotsbefürworter im Kostüm des Kinder-Schutzes daherkommen, aber die UN-Kinderrechtskonvention ignorieren. Wonach Kinder nicht nur ein Recht auf Wohlergehen haben, sondern auch ein Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit.

Weil nicht nur besorgte Eltern, sondern auch Mädchen und Jungen (siehe Text der Schülerin) wissen, wie schwer es ist, das „Social Media“-Netz so zu ergründen, zu erkennen und zu nutzen, dass dies keinen Schaden zufügt; von Sucht, Sexualverbrechen, über zerstörerischen Hass bis hin zu Todesdrohungen und Suizid. Und wie schwer es ist, sich in der Komplexität zurechtzufinden, zumal sie weithin fremdgesteuert ist. Sind Konservative, Sozialdemokraten und Grüne im Land auf die ja ach so naheliegende Idee gekommen, der Obhut für Kinder in gewissem Alter Genüge zu tun, in dem man sie einfach von „Social Media“ fernhält. Man tritt, wie Alexandra Hilpert in der „taz“ sinngemäß schreibt, das Recht von Kindern auf Meinungs- und Informationsfreiheit mit dem Hinweis auf das Gebot des Wohlergehens einfach „in die Tonne“. Eltern, die dem kritisch gegenüberstehen, entgegnet Marlen Hobrack im „Freitag“ mit dem Hinweis , sie verhielten sich „wie US-amerikanische Waffennarren, die beteuern, dass nicht die Waffen Menschen töten, sondern die Menschen“. Es sei alles eine Frage des Nutzungsverhaltens. Das ist schlicht gedacht. Aber ist es nicht gleich schlicht gedacht, Kindern den „Social Media“-Hahn einfach zuzudrehen?

Auf Anhieb möchte man meinen, klar: Wenn es nicht möglich ist, die Kinder das, was man Medienkompetenz nennt, erlernen zu lassen, wenn man keine Mittel findet, die „Social Media“-Welt so zu regulieren, dass sie eben keinen Schaden, sondern insgesamt vor allem sozialen Nutzen bringt, dann sperrt man ihnen den Laden einfach zu. Ida Rentsch, die auf einem Außenplätzchen in der „Freitag“-Kultur auf den Dreispalter von Marlen Hobrack in einer Spalte ihre Meinung dazu sagen darf, schreibt: „Meine Eltern sagen mir immer, das Internet sei gefährlich, und sie tun so, als ob mir nicht bewusst wäre, was dort geschieht. Ich weiß schon, dass Social Media süchtig machen kann.“ Sie finde es „gruselig“, dass Apps benutzt würden, um Menschen runterzumachen oder zu beleidigen, Hate-Accounts erstellt werden. Doch in der Schule lernen, „wie wir uns sicher im Internet bewegen“? Fehlanzeige. Sie nutze „Social Media“, etwa um mit Freunden Kontakt zu halten. Treffen vereinbaren. Bild von den Hausaufgaben. In der Schule würde mit iPads, Smartboards, Computern gearbeitet. Die Problemlösung sollte „nicht immer bei den Kindern anfangen“, so die 13jährige Ida Rentsch.

Das könnte besser neben dem Artikel von Marlen Hobrack stehen. Die ja im Klartext sagt: „Social Media“ gefährlich, Kinder blöd, Eltern blöd, Verbot her! Aber klingt Ida Rentsch danach, als wüsste sie nicht, was in den „sozialen Netzwerken“ schlimmenfalls blühen kann? Als würde sie die Schwierigkeiten, Fallstricke und Rätsel, wie damit umgehen, nicht verstehen? Das ist die eine Frage, die zu stellen wäre. Eine andere Frage wäre die, die sich auch bei den von Hobrack ins Feld geführten Waffennarren aufdrängt. Zunächst: Der Vergleich hinkt, und nicht erst beim zweiten Nachdenken. Denn Eltern/Waffennarren könnten ein „Paar“ sein. Wie Waffen und „Social Media“ genutzt werden, auch. Was auf beiden Seiten ausgeklammert wird: Dass hinter Waffen und „Social Media“ eine Industrie steckt, der die Folgen ihres Schaffens völlig egal ist, die Geld machen will. Und die sich jeder Regulierung, die sie betrifft, unter Androhung ökonomischer Gewalt zu entziehen versucht. Ihre Lobbyisten, und das sollte Hobrack, wenn sie die Waffennummer anspricht, wissen, rennen in den USA, aber nicht nur dort, politischen Entscheidern die Bude ein. Parole: Null Regeln. Wer strikt regulieren könnte, macht sich vor Angst in die Hosen.

Nun wäre es mir völlig wurscht, ob morgen die Kleinwaffenindustrie via Verbot abschmiert. Eigentlich ist mir auch die Zukunft der Milliardäre an sich egal, die die „Social Media“-Welt steuern und an ihr Unsummen verdienen. Doch diese Welt hat Welten erschaffen, in denen sich mittlerweile Millionen Menschen bewegen. Nicht nur solche, die fragwürdigen und verbrecherischen Nutzen daraus ziehen; mit schwerwiegenden Folgen auch für Kinder. Die Netze so auszulegen, dass sie das, was Ida Rentsch für gut hält, einfangen, und den Rest im Zweifel ins Meer der Erwachsenen spülen, ist der Weg, den es zu finden gilt. Die Welt etwa der Waffen, des Alkohols und der Drogen gleichzusetzen mit der Welt sozialer Netzwerke ist purer Formalismus. Waffenverbote, Alkoholverbote und Drogenverbote berauben Kinder nicht wichtiger sozialer Verbindungen. Soweit man Koma-Saufen und bekifftes Messerstechen nicht für soziale Lehrstücke hält. Umgekehrt gegen Drogenkompetenz=Medienkompetenz zu polemisieren, ist derart weit weg von den medialen Realitäten, dass sich so etwas tatsächlich nur jemand wie Marlen Hobrack ausdenken kann, die einen Narren am Verbots-Narrativ der Ratlosen gefressen hat.

Gegen ein generelles Verbot: Deutsches Kinderhilfswerk, UNICEF, Save the Children, der Deutsche Bundesjugendring, Deutscher Lehrerverband, die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz, die Landesanstalt für Kommunikation, der Bundesdatenschutzbeauftragte und viele andere. Sie stehen nicht im Verdacht, Kinder ins Verderben treiben oder laufen lassen zu wollen. Halten es aber für geeigneter, auf Lern- und Lehrveranwortung, Sicherheitsvorkehrungen für „Social Media“, risikobasierte Regeln usw zu setzen. Strikte Einschränkungen ja, die aber Kinder nicht komplett ausschließen. Sondern an der digitalen sozialen Welt teilhaben lassen. Die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg: Eine Pro-Contra-Sammlung habe ergeben, dass „erhebliche Bedenken gegen vermeintlich einfache Lösungsvorschläge“ bestünden. Verbotslösungen gehören sicher dazu. Bei denen man sich um den Rest nicht mehr kümmern muss. Das allerdings läuft auf das heraus, was Marlen Hobrack Eltern vorwirft: Dass sie sich nicht um „Social Media“ scheren. Und darum, ob ihre Kinder Schaden nehmen. Ein Verbot würde solche Einstellungen schützen, nicht aber die Rechte derer, um die es Marlen Hobrack offenbar geht: die der Kinder.



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