Dass der baden-württembergische Grünen-Kandidat für das Ministerpräsidentenamt, Cem Özdemir, seinen Partei“freund“ Robert Habeck im Wahlkampf nicht im „Ländle“ sehen will, verstehe ich. Wenn ein Grüner wie Özdemir bereits den mittlerweile parteilosen, in den Reihen der Grünen ehedem kaum noch tragbaren Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer als Stimmencatcher anheuert, dann kann es um die angestrebte Nachfolge von MP Winfried Kretschmann nicht sonderlich gut bestellt sein. Und es wäre natürlich fatal, einen deutlich Prominenteren als ihn, Özdemir, neben sich stehen zu haben. Einen, der nach einer mehr oder weniger erfolgreichen, aber doch tapferen Ministerzeit in der Berliner Ampel-Regierung entspannt durch die Welt tingelt, sich politisches Gehör verschafft, Säle füllt – und bei aller Streitbarkeit einen integren Eindruck macht und hinterlässt. Statt dessen also Palmer, Markenzeichen politisch maximal flexibel. Etwa mit Blick auf das, was dem CDU-Kontrahenten Manuel Hagel vielleicht Stimmen abluchsen könnte: Ein dezidiert unnachgiebiger, um nicht zu sagen ziemlich rechtskonservativer Migrationskurs.
Medien wähnen, dass Özdemir womöglich deshalb nicht Wahlkampfhilfe von Habeck haben möchte, weil dieser zu sehr Sinnbild der gescheiterten Ampel sei – und das dunkel abfärben könnte. Das ist eine fast schon freundliche Lesart. Andere fürchten, dass es Özdemir nicht ertragen würde, neben Habeck noch blasser und konturenloser auszuschauen, als dies eh schon der Fall ist. Özdemir müht sich ab, den mehrere Prozentpunkte betragenden Rückstand auf den CDU-Mann Hagel noch irgendwie aufzuholen. Dass Palmer, dessen Schwingungen nach rechts bei den Grünen immer weniger, bei den Migrationshardlinern aber immer mehr Ansehen verschafften, die Trauung bei Özdemirs Hochzeit zelebrierte, zeigt, wie nah sich die Beiden offenbar persönlich stehen. Gerüchte, Palmer könnte, wenn Özdemir Chef der Landesregierung würde, einen Ministerposten ergattern, lässt auf politische Nähe Beider schließen. Özdemirs Haltung in Sachen Migration ist das berüchtige „Ja, aber“. Integration gut ausgebildeter Migranten „ja“. Das übergwichtige „Aber“: Ordnung, Sicherheit, Abschiebung von Straftätern, so das Kind türkischer Gastarbeiter. Label: Pragmatisch.
Viele Gedanken auf einen Ministerposten braucht, so sei orakelt, Palmer nicht zu verschwenden. Es ist nicht davon auszugehen, dass der Vorsprung von Manuel Hagel noch gekegelt werden kann. Ein Video, dass öffentlich wurde und den CDU-Kandidaten, damals Landtagsabgeordneter und „General“ der Landes-CDU, über eine Schülerin schwelgen lässt („Ich werd’s nie vergessen, die erste Frage, sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen.“), dürfte dem Özdemir-Gegner kaum schaden. Derlei Ausfälle gehören, man erinnere sich nur an den ehemaligen FDP-Fraktionchef Rainer Brüderle und seine als sexistische Anmache geltenden Anwandlungen, in deutsch-südwest zum guten Ton. Da die Schwelgerei von Hagel schon ein Paar Jahre her ist und er dafür von seiner Frau, mit der er drei Kinder hat, nach eigener Aussage „den Kopf gewaschen“ bekam, denkt wahrscheinlich nicht nur er, was soll’s. War, wie er anscheinend reumütig sagt, eben „Mist“. Passiert, so zu lesen, beim Stammtisch-Gespräch in einer Ulmer Kneipe. Und wo Stammtisch drauf steht, ist, dumm vielleicht, mögen Hagels Anhänger denken, eben Stammtisch drin. Aber ein Killer-Eklat?
Robert Habeck, den Özdemir partout nicht an seiner Seite haben will, wird im Berliner „Tagesspiegel“ als „Brückenbauer“, als der er am Anfang der gescheiterten Ampel unter Kanzler a.D. Olf Scholz (SPD) galt, beschrieben. Der dann aber eine polarisierende Figur geworden sei. Inzwischen ist Habeck vor allem eine menschelnde Figur der Grünen. Die es schafft, sich nicht, noch nicht jedenfalls, wieder vom Politikbetrieb verschlingen zu lassen. Anders als Annalena Baerbock, der es gelingt, sich in ihrer nur kurzen Amtszeit als UN-Plenumschefin, in allerlei Interviews unter anderem durch Unwissenheit auszuzeichnen. Und: Selbst wenn der Untergang der Ampel noch nachklingt: Habeck ist längst wieder ein Sympathieträger. Dem es zu Gute kommt, dass er nicht im Provinziellen versinkt. Die Gefahr allerdings droht Özdemir, wenn er mit Palmer auf Sieg spielt. Palmer und sein von Kritikern als ziemlich rassistisch gebrandmarktes Portfolio würde eventuell eher zu Hagel passen als zu Özdemir. Wenn sich Özdemir da nicht mal einen eigentlichen Feind zum Freund gemacht hat. Beide kennen sich angeblich sehr, sehr gut. Das allerdings haben schon Viele voneinander gedacht.

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