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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Eklat, Eklat, Eklat

Eklat, Eklat, Eklat!

Das Wort liegt im deutschen Politfeuilleton auf Halde. Und wartet auf seine großen Momente. Die „Berlinale“ würde einen solchen Moment bringen. Schon das Entree mit dem Warming Up von Wim Wenders ließ dies erahnen. Auf die Frage nach Gaza, befand er: Der Film sollte sich aus der Politik raushalten. Filmemacher rieben sich die Augen. Die Autorin Arundhati Roy sagte ihren Auftritt in Berlin ab. Vorgeplänkel. Der große Moment aber rückte näher. Und kam. Abdallah Alkhatib.
Sein Film: „Chronicles from the Siege“. Bestes Filmdebüt. Auftritt Schluss-Veranstaltung „Berlinale“-Palast. Seine Kufiya. Seine Palästinenserfahne. Seine Worte: „Genozid“, „Gaza“, Deutschland als Partner Israels. Applaus. Buhrufe. Ein Umweltminister, der flüchtet. Dazu „Berlinale“-Chefin Tuttle auf obligatem Gruppenfoto mit Alkhatib-Crew. Ebenso Kufiya, Fahne. Im Palast dann Zurückhaltung. Das sprengte den Deckel auf dem brodelnden Fass von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer.

Schon wurde Tricia Tuttle in vielen Feuilletons angezählt. Eklat, Eklat, Eklat. Sie sei, so die Hoffnung, ihren Job so gut wie los. Geredet hatte zum „Berlinale“-Finale abermals Wim Wenders. Enthusiastisch, wie auf „art-in-berlin“ angemerkt wird. Wenders-Lob für das Kino und dessen Kraft für komplexe Geschichten und Gesichter. Kollektivität. Schönheit. Langlebigkeit. Und: Der Film sei eben (doch) auch politisch. Verbinde Orte und Zeiten. Öffne eine „Architektur des Herzens“.
„Ich bin mir sicher, dass unsere Herzen bei allen Menschen sind, die leiden; sei es wegen Kriegen oder Terror.“ Bemühte sich Tuttle in Wenders‘ Sinn, den Zündstoff aus Gewehren zu nehmen, die Feuilletons und Politik sinnbildlich auf sie gerichtet hatten. Für die wieder mal klar war, dass die „Berlinale“ nichts weiter als purem Antisemitismus Bühne biete und geboten habe. Wer sich nach Staatsräsonien wagt, ein Festival leite, müsse wissen, wann einer wie Weimer quasi Köpfe rollen sieht.

Wolfram Weimer hatte das Festival via Pressemitteilung vom 21. Februar, dem Datum des Palast-Finales, noch ausgiebig gewürdigt. Sie sei, heißt es, „eine Berlinale des Aufbruchs“. Das internationale Filmfest habe seine „kuluturelle Strahlkraft demonstriert“. Und sei seinem „Ruf als offenes, politisches Forum mit besonders großer Bandbreite der Meinungen gerecht geworden“. Und: „Mutige Filme gegen Diktaturen und Autokraten haben sie zu einer Berlinale der Freiheit werden lassen.“
Und weiter im Text: „Mein Dank gilt Tricia Tuttle und Wim Wenders. Sie haben diese Festivalausgabe unter besonderen weltpolitischen Herausforderungen grundliberal und künstlerisch anspruchsvoll gestaltet. Damit haben sie den Charakter der Filmfestspiele als Plattform für künstlerischen Dialog, für kulturelle Vielfalt und für demokratische Werte nachhaltig gefestigt.“ Nun schien es, als würde die Halbwertzeit der Worte im Sekundentakt schrumpfen.

Der Mann konnte ja nicht wissen, dass man für die von ihm beschworene große Bandbreite der Meinungen, für kulturelle und politische Freiheiten und demokratische Werte entsprechend bereit und „gerüstet“ sein muss. Und Entrüstung erlaubt, aber auch nur eine Facette dessen ist, sein sollte und sein darf. Und dass Konsequenzen wie das Feuern einer hoch angesehenen Festival-Leiterin nur beweisen, wie aufrecht man es mit den Worten einer Pressmitteilung meint. Null komma null.
Umso verständlicher war es, dass einige Kommentator:innen, wie etwa jene der „Zeit“, eine sich anbahnende Abberufung Tuttles eine „Katastrophe“ nannten. Andere das Ende der „Berlinale“ sahen und wofür sie steht. Die „Frankfurter Rundschau“ merkte an, dass dies nur hieße, dass Weimer „diesen unabhängigen – und gerade deshalb im demokratischen Sinne staatstragenden – Geist nicht wünscht“. Hätte man jemals anders über Weimer gedacht?

Irritierend waren deshalb Meinungen, die in linksliberalen Medien wie der „taz“ auftauchten. Dort widmete Tim C. Boehme dem „Berlinale“-Wächter Weimer eine kulturpolitische Liebeserklärung. Boehme geißelte eine „Schlagseite“ der „Berlinale“, empfand die Worte von Preisträger Alkhatib, man werde sich an jene, die gegen die Sache der Palästinenser seien, erinnern, als „wenig verhohlene Drohung“. Weimers Absicht, Tuttle zu feuern, sei „ausnahmsweise zuzustimmen“.
Was nur zeigt, wie all das, was Weimer in seiner Presserklärung hochhebt, auch linker Hand obsolet werden kann. Dass damit „BILD“ und „taz“ gemeinsam ihr Mütchen kühlten, wirft einen Blick darauf, wie brüchig das Demokratie- und Freiheitsdenken im Zuge der Israel-Gaza-Debatte geworden ist. Quer durch politische Lager. Besonders am Umgang mit Kultur macht sich freilich fest, wie es um Demokratie und Freiheit bestellt ist. Und wie schnell beides ins Wackeln geraten kann.

Umso hilfreicher war es, dass sich Hunderte Filmschaffende vor einem als sicher geglaubten Abgang Tuttles öffentlich für sie stark gemacht haben. Tom Tykwer etwa. Regisseur Ilker Catak, dessen „Gelber Brief“ den Goldenen Bären gewann, fragte, ob sich die Entscheider der Konsequenzen bewusst seien. „Ich würde nie wieder einen Film der Berlinale geben.“ Das würde auch für viele seiner Kolleg:innen gelten. „Dann kann man die Berlinale gleich beerdigen.“
Das, so könnte man denken, wenn man Wolfram Weimers Verhältnis zur Kultur betrachtet, war seine Absicht. Kultur in Deutschland aus dem Kanon streitbaren wie notwendigen Schaffens herauszuziehen. Und sie, darin wittern viele sein ministerielles Selbstverständnis, im geeignet scheinenden Augenblick auf Regierungslinie zu trimmen. Merz‘ Kultur-Cicero legt nicht ansatzweise Wert auf eine Kultur, die seine Presseerklärung zur „Berlinale“ beim Wort nimmt.

Doch es kam anders, als es sich die geifernde Journaille wünschte. Die Weimer anfeuerte, seinen als sicher geltenden Willen, Tuttle vor die Tür zu stoßen, durchzusetzen. Tuttle bleibt im Amt. Vorerst. In trockenen Tüchern ist das nicht. Aber zumindest findet ein mehr als fragwürdiger Durchmarsch a la „BILD“-Orakelei nicht statt. Was die Hintergründe sind, darüber wird spekuliert. Bis hin zum Szenario, wonach in Wirklichkeit Tricia Tuttle gehen, Weimar sie aber halten will.
Vom schäumenden Feuilleton ist derweil nicht mehr viel zu hören. Und wenn, dann ist man um Schadensbegrenzung bemüht. Um die Begrenzung des eigenen Schadens durch Großmäuligkeit. Und den eines Kulturstaatsministers, in dem man, wie die „FAZ“, alles tut, um einen wie auch immer gearteten Ausgang des Konflikt Tricia Tuttle in die Schuhe zu schieben. „Das Festival hat jetzt nur noch die Wahl zwischen einer abgegangenen und ei­ner angeschlagenen Chefin“.

Es wäre eine bittere, aber am Ende gerechte Ironie der „Berlinale“-Geschichte 2026, wenn das deutsche Feuilleton in vorauseilendem Gehorsam übersehen hätte, dass die vielbeschworene Staatsräson nicht ohne weiteres zum Niedermachen einer Festival-Leiterin reicht. Und dass, wer Tricia Tuttle schon die Koffer packen sah, selbstgerecht übersehen hat, dass das Pochen auf kulturelle Freiheit und demokratische Gepflogenheiten doch noch was bewirken kann.
Auch vom „taz“-Autor Tim C. Boehme ist am Tag nach seiner sänfteartig vor sich hergetragnenen Weimer-Verbrüderungs-Lust nicht zu lesen, dass er meine, sich vielleicht in seiner Verve ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt zu haben. Aber so ist es: Die lautesten Opportunisten werden, wenn es mit der Schleimerei nicht geklappt hat, zu stummen Feiglingen. Das ist, ich mag es gar nicht sagen, schlimmer als „BILD“. Das geht zwar eigentlich nicht. Anscheinend aber irgendwie doch.



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