So richtig mochte ich es nicht glauben. Stand da als „taz“-Headline tatsächlich „Mamdani für Arme“? Und stand darunter wirklich ein Beitrag von Daniel Bax, der, nicht so lange her, das Linke-Jubel-Buch „Die neue Lust auf links“ geschrieben und auf den Markt politischer Sachliteratur geworfen hatte? Ja, so war es. Ich rief den Beitrag mehrmals auf, um sicher zu sein, dass ich nicht einer medialen Fata Morgana aufgesessen war. War ich nicht. In dem Beitrag wirft Dax nicht unwesentliche Zweifel am Wahlkampfstil des Vorsitzenden der Partei Die Linke, Jan van Aken, auf. Der in Baden-Württemberg, dem Bundesland mit der ersten Landtagswahl in diesem Jahr, in mehreren Sprachen auf Stimmenfang ging. In einem Video, so schreibt Bax, habe sich van Aken via Instagram und TikTok noch einmal an die Wähler:innen gewandt. Darin gestikuliere er in Gebärdensprache für Die Linke.
Schon zuvor habe sich der linke Spitzenmann auf, so Bax, „Italienisch, Türkisch, Griechisch, Arabisch und Bosnisch an seine Social-Media-Followerschaft gewandt. Mal aus einer Haustür oder einer Toreinfahrt um die Ecke kommend, mal auf der Straße stehend, lässig in Jeans, Hemd und mit Strickjacke oder im Kurzmantel gekleidet, sprach er da mit fremder Zunge in die Kamera“. Mit stets gleichlautenden Botschaften. Über viel zu hohe Mieten etwa. Auch andere Parteien hätten schon auf Ausländisch gewahlkämpft. Die AfD beispielsweise, die auf Russisch um die russlanddeutsche Community geworben habe. Linke-Co-Chefin Ines Schwerdtner habe im Berliner Bezirk Lichtenberg ehedem mit einem Plakat auf Vietnamesisch die Trommel gerührt. In dieser Sprache habe auch die AfD dort für sich Werbung gemacht. Was will uns Daniel Bax damit sagen, was Gehör finden soll?
Zum Einen, mag sein, will man aber nicht hoffen, dass es Die Linke in Sachen Sprachenvielfalt so hält wie die Rechte: Populistisch? Und man dies als eine Art Anbiederung an die potenzielle Wählerschaft verstehen könnte? Dass dies die Absicht hinter dem Bax-Beitrag ist, will man nicht einmal insgeheim befürchten. Denn Linke und die AfD, die sonst mit maximalen Ressentiments gegenüber Ausländer:innen ausgestattet ist, zumal solchen, die ehedem als Flüchtlinge nach Deutschland kamen, mit Blick auf Wahlkampf-Performance auch nur ansatzweise in welche Nähe zueinander auch immer zu setzen, wäre nahezu skandalös. Jedenfalls total daneben. Schon deswegen ist es ein bisschen unverständlich, weswegen Bax einen Ausflug in diese Richtung unternimmt. Das wäre auch ganz und gar nicht nötig gewesen, um einen offenbar kritischen Blick auf Jan van Akens Sprachen-Engagement zu werfen.
Bax unterstellt dem Linken-Chef, beim New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani abgekupfert zu haben. Der hatte im erfolgreichen Wahlkampf Videos in Arabisch, Hindi, Bangal, Urdu und Spanisch produziert. Auf „Hollywood-Niveau“, so Bax. Die „Low-Budget-Clips“ des Jan van Aken auf den Wahlmarkt hätten dagegen „dem Standard einer deutschen Vorabendserie: Mamdani für Arme“ entsprochen. Zur Unterfütterung führt der „taz“-Autor den Berliner Sozialwissenschaftler und Politikberater Özgür Özvatan an, der zur Parteienwerbung forscht. Und die Werbespots von van Aken „ambivalent“ finde. Aussprache hölzern, Worte wie auswendig gelernt und die Ansprache paternalistisch, zitiert Bax den Fachmann. Der frage: „Warum setzt die Linke nicht auf Stimmen aus der Community?“ Die Partei habe genug migrantische Menschen in ihren Reihen. Wäre authentischer gewesen.
Dann schweift Bax noch kurz zum Migranten-Kind und grünen Spitzen-Kandidaten Cem Ozdemir ab, der sein Glück allein auf Schwäbisch suche. Um am Ende die nachträgliche Empfehlung auszusprechen, dass es gereicht hätten, wenn sich van Aken eine(n) Muttersprachler:in an die Seite geholt hätte, der/die sein „Sprachführer-Kauderwelsch“ übersetzt hätte. Ähnlich wie es eine Gebärdensprachdolmetscherin getan hat, in dem sie sich nach van Akens Ansprache an Angesprochene wandte: „Habt ihr verstanden?“ Das war’s, was uns Daniel Bax in seinem Beitrag zu sagen hat. Der etliche Spielräume lässt, um sich Gedanken zu machen, was es damit auf sich hat. Bestensfalls kann man den Beitrag als solidarische Kritik verstehen. Schlimmstenfalls ist Bax eine politische Gräte in den Hals gerutscht, die es wegzuschreiben galt. Für mich, der Die Linke nicht in den Himmel hebt, ist das nicht gerade gelungen.
In einem Punkt gebe ich Bax‘ unterschwelligem Vorwurf, van Aken sei mit seiner Sprach-Akrobatik nicht wirklich ein großer Wurf gelungen, recht: Die Clips sind wahrlich auf keinem hohen Niveau. Und wirken, so nehme ich den Ball mal sinngemäß auf, ein bisschen links-schleimerisch. Da liegen Welten zwischen van Aken und Mamdani, den sich ja auch Die Linke in Berlin zum Wahlkampf-Vorbild nimmt. Es darf schon etwas weniger Billig-Reklame sein, wenn es auf linken Stimmenfang geht. Allerdings muss man dann auch mit der Gallionsfigur Heidi Reichinnek ähnlich ins links-solidarische Gebet gehen. Ihre Auftritte wecken, bei mir jedenfalls, auch Schäm-Gefühle. Immer gleich reißt sie die Arme hoch. Lacht gestellt ins Bild. Dazu oft simple Heldinnen-Prosa. Fürs TikTok-Publikum mag das ok sein. Als bild- und sprachliches Dauerfeuer überzeugt das womöglich nicht alle.
Man darf hinterleuchten, ob van Aken die Sprachen, in denen er das Linken-Programm bewirbt, annähernd gelernt hat oder versteht. Wahrscheinlich ist: Nö. Was denn Vielen, die was gegen Die Linke haben, zum genüsslichen Spott gereicht. Etwa einer „Analyse“ in einem YouTube-Beitrag der „Bild“. Die daraus die Zeile strickt: „Van Aken ist der Weidel der Linken“. Daniel Bax ist, dummerweise, auf einem Irrweg, in dem er in seinem Beitrag die AfD einklöppelt. Immerhin kann man van Aken und der Linken ohne Weiteres abnehmen, dass sie den Menschen, deren Sprache man zu sprechen versucht, auf empathische Weise zugeneigt ist oder sein möchte. Während die AfD „Remigration“ erwägt – und ihr Russlanddeutschen-Ranschmiss wohl kaum von Ausländerliebe her rührt. Schaden kann es aber nicht, sich über linksverunglückte Wahlkampfschlenker Gedanken zu machen.

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