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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Deoptimierung Statt Smashen

Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet am Internationalen Frauentag drauf kam, mir über ein Terrorregime Gedanken zu machen, das immer wieder vergessen zu werden droht: Die Optimierung. Oder doch, ich weiß es schon. Weil dieses Terrorregime Frauen quält – und sie, sorry, auch Männer und Andere genderumfassend heimsucht. Nicht der Mensch als Mensch zählt. Sondern das, was er aus sich macht. Was er aus sich & Anderen herausholt. Kein Tag vergeht, an dem der Mensch nicht aufgefordert wird, „alles zu geben“. Und sei es sein Herz für Herzlose. Leben ist Kampf, pflegte meine Frau Mama zu sagen. Ostpreußin vom Schlage einer Gräfin Dönhoff. Tapferes Opfer von eisigen Wintern bis -40°. Und einer Winter-Flucht, die ihr die Folgen der Nazi-Herrschaft aufbürdete. Um in ein Leben einzufädeln, das ihr (und unserer Familie) bescheidenen Nachkriegswohlstand sicherte.

In diesem bescheidenen Wohlstand wuchs ich auf. Und nahm alles mit, was mir auf dem Weg durchs (bisherige) Leben begegnete. Das war, wenn ich es bisweilen Revue passieren lasse, doch ziemlich reichhaltig. An Musik, Sport, Liebe. Lernen. Politischer Hingabe. Beruflichem Engagement. Gesundheit etc. Ich kann also nicht klagen. Wenn es halbwegs so bliebe, verspricht mir eine neue Studie, über die „Der Spiegel“ berichtet, dann könnte ich noch was reißen. Die Studie besagt freilich, dass nicht nur das, was mir ohnehin empfohlen wird – gesundes Essen, viel Bewegung inkl Krafttraining, soziale Kontakte – dabei hilft, sondern eine positive Einstellung zum Alter an sich. Also ein gepflegter Glaube daran, dass Alter(n) kein Grund zum Verzagen ist. Eher zum Jubeln. Think positive, so der universelle Appell – quasi bis zum allerletzten Atemzug. Da ist sie wieder, die Optimierungs-Drangsal!

Ich könnte mich angesichts meiner Blutwerte und mehr oder weniger üblicher Zipperlein einfach aufs Sofa legen, Jazz hören, an einem Glas Wein nippen und dazu Zitronen-marinierte Oliven essen, wie ich sie neuerdings auf meinen Geschmacksknospen zu wundervoller Blüte bringe. Schaue ich aber, dumme Angewohnheit, aufs Handy, in der Hoffnung, irgendwer könnte mir unerwartet Wichtiges mitteilen wollen, und lande ich auf einem der, ebenso dumm, stets paraten Social-Media-Portale, werde ich von einem Tsunami „neuer“ Optimierungs-Tipps überflutet. Dabei ist der einer bloß positiven Einstellung zum Alter(n), ohne dass auch nur eine Hantel gehoben werden muss, einer der harmloseren. Jetzt las ich darüber, dass sich, etwa in den USA, Männer mit Hämmerchen ihre Gesichtsknochen zertrümmern. Ziel, u.a.: Ein kantigeres Gesicht, markantere Außenwirkung.

Bone smashing nennt sich laut einem ebenfalls „Spiegel“-Bericht diese Untergruppe von Looksmaxxing. Darin steckt das Superlativ des Softmaxxing (sanft, etwa Zungentraining) und das SuperSuperlativ des Hardmaxxing (bspw. Kiefer-OPs) genannten Selbstoptimierungs-Kults. Wobei das Lächerliche und das Autoritäre, welches hinter dem, was eher ein Maximierungs- denn ein Optimierungs-Prozedere ist, einander nicht ausschließen, so zu lesen. Sondern sich geradezu gegenseitig befeuern. Dass dieser Optimierungs-Hype der Männerwelt entspringt, mit toxischem Frauenhass einhergeht, auf Dominanz zielt (Mogging), dass die Sprache, die in dieser Szene gesprochen wird, Menschen gegenüber herablassend ist, versteht sich von selbst. Insofern lässt sich, wie der „Spiegel“ sinngemäß schreibt, die Brücke zu rechter Politik und ihren Protagonisten quasi automatisch schlagen.

Denken Sie jetzt auch, was ich denke? Schaut man in die Welt, dann scheint es so, als gäbe es Staatsmänner und Terroristen (ebenfalls Männer), die Softmaxxing, Hardmaxxing und Bone smashing einfach überspringen. Und gleich zum Israelsmashing, Iransmashing, Gazasmashing oder Ukrainesmashing übergehen. Also Menschenrechts– und Völkerrechtssmashing betreiben. Sie haben es aus ihrer Sicht nicht nötig, in den Spiegel zu schauen, um sich des bis dato erreichten Stands der Selbstoptimierung zu vergewissern. Sie sehen sich durchoptimiert und schauen, was sich sonst noch so aus toxisch-männlicher, toxisch-extremistischer und staatstoxischer Perspektive machen lässt. Gesten und Sprache nehmen sie aus der Maxxingwelt mit. Frauenhass und Dominanz eh. Inklusive eines herablassenden Menschenbildes. Was andere denken, interessiert sie, so wird stets offenbar, nicht.

Nun, ich schweife vielleicht ein bisschen ab. Jedenfalls nehmen Hang und Drang zur Optimierung zu. Und deren Auswüchse durchaus auch. Mir stellt sich deswegen verstärkt die Frage, was es überhaupt mit der Optimierung auf sich hat. Wenn sie mich jeden Tag aus der Social-Media-Welt mit ihren unendlichen Werbeketten drangsaliert. Und ob ich ihr, die weit in Felder hineinreicht, die mir 1. fremd und 2. zuwider sind, folgen soll. Ich werde ein bisschen was tun, damit ich, ok, mit positiverem Blick aufs Alter(n) vor allem Mensch sein und bleiben kann. Und zusehen, dass ich aus mir nicht etwas mache, was ich nicht bin. Bestenfalls werde ich, wenn nötig, auch soziale Kontakte meiden üben, die mir nicht guttun. Dafür umso mehr Liebe und lieben Menschen die Tür öffnen, die mich nehmen, wie ich bin. Am Liebsten ohne Optimierung. Ich finde mich, ehrlich gesagt, so, wie ich bin, einigermaßen optimal. Mich darüber hinaus zu optimieren, wäre mir zu anstrengend.

Ich wäre (und bin) allerdings froh, wenn ich die Fähigkeit ausbauen könnte, Studien, die mir nahebringen wollen, wie ich 100 werde, zu umschiffen. Was nützen mir die 100, wenn andere vor lauter Optimierung erst sich, dann ihr Drumherum und schließlich die Welt zerlegen. Sollten diese Herrschaften weiter den Optimierungsdrang haben, Anderen maxximal mit ihren mehr oder weniger gesmashten Gesichtern auf den Wecker zu gehen, und ich mir das ziemlich machtlos weiter mit anschauen muss, würde ich vielleicht sogar vorziehen, mich zu deoptimieren, ausgeprochen ungesund zu leben, die Hanteln beiseite zu legen und mich in der hintersten Ecke der Wohnung zu verkriechen. Bis dahin allerdings werde ich noch ein bisschen den Lebens-Spruch meiner Frau Mama optimieren: Leben ist Kampf. Und, ihr Smasher, glaubt ja nicht, dass ich soooo schnell hinschmeiße!



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