Nachdem der Angriff der USA und Israels auf den Iran eine Stabilisierung des Mullah-Regimes, Angst und Schrecken bei den Menschen im Iran vor neuem Terror und eine militärische Rachewelle des Iran gegen Staaten in der Region gebracht hat, versuchen sich die Angreifer zu rechtfertigen. Die Verurteilung der iranischen Gegenangriffe durch den UN-Sicherheitsrat hilft ihnen. Den Antrag hatten Mitglieder des Golf-Kooperationsrates und Jordaniens eingebracht. Verständlich. Der Adressat resp. die Adressaten sind die falschen. Nur weil es unmöglich scheint, die USA oder Israel in die Schranken zu weisen, versucht man, den Iran anzugehen. Der unterhält fraglos ein barbarisches Regime. Nur: Das Regime bleibt. Ebenso der Terror gegen die Bevölkerung im Iran. Was befürchtet wurde, wird offenbar: Es geht nicht um Demokratie, sondern um Machtstreben und ökonomischen Zugriff.
Fassen wir zusammen, was die USA und Israel mit ihren Angriffen, die von Israels Seite weitergehen, erreicht haben: Das Mullah-Regime sitzt weiter fest im Sattel, nicht nur militärische, auch zivile Strukturen wurden zerstört, eine Welle iranischer Gegenwehr zieht über die Golfstaaten, Iran greift massiv Israel an und macht ihm stärker den je das Existenzrecht streitig, die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft sind immens, ein Einfangen der Folgen dürfte bei anhaltenden Angriffen gegen den Iran schwerlich möglich sein, längerfristige Konsequenzen für ein ohnehin fragiles politisches Welt-Gefüge sind nicht ausgeschlossen, auch die Fronten in anderen Krisen und Kriegen dürften sich verhärten. Bravo Trump! Bravo Netanyahu. Da habt ihr ganze Arbeit geleistet. Und Israel scheint, anders als die USA, die aus Eigeninteresse das Feld räumen dürften, noch lange nicht fertig zu sein mit seiner Operation. Die Büchse der Pandora im Nahen Osten ist weit geöffnet.
„Zugegeben: Die erste Phase dieses Krieges hat Spaß gemacht. Wer freut sich nicht, dass die Verbrecherriege, die den Iran unterjocht hat, zur Dschehenna gefahren ist? Wer freut sich nicht, dass das Folterzentrum in Teheran, in dem Revolutionsgarden Frauen erniedrigt und gequält haben, ein Trümmerhaufen ist? Wessen Herz hüpft nicht mit angesichts der Bilder von tanzenden iranischen Jugendlichen, während im Hintergrund amerikanische und israelische Bomben wie Himmelsgeschenke auf die Erde fallen? Diese jungen Iranerinnen und Iraner haben alles Glück dieser Erde und die Freiheit verdient. Und die Israelis haben verdient, endlich ohne Angst vor einer iranischen Atombombe zu leben, die heute, morgen oder in zehn Jahren Tel Aviv in einen radioaktiven Krater verwandeln könnte.“ So Hannes Stein in der Jüdischen Allgemeinen. Seine zynische Melange ist Sinnbild einer fragwürdigen Haltung.
Besser er hätte mal bei der israelischen Regierung nachgefragt, ob es ihr denn wirklich um befreit tanzende Menschen im Iran geht, deren Befreiung freilich auf sich warten lässt – und beispielsweise den US-Präsidenten nie interessiert hat. Und er hätte nachgefragt, ob es denn wirklich um das Glück und die Freiheit geht, die die Iraner:innen in der Tat verdient haben. Und ob denn tatsächlich mit den Angriffen erreicht werden wird, dass Israelis „endlich ohne Angst vor einer iranischen Atombombe“ leben können. Zunächst einmal nämlich ist weder etwas im Iran in Sicht, was nach einem Machtwechsel klingt. Allenfalls nach einem „Regime Change“, in dem Namen ausgewechselt werden, nicht aber das System. Noch sind die Menschen in Israel auf einem nachhaltigen und belastbaren Weg zu mehr Sicherheit. Im Gegenteil. Der Iran wurde weder bezwungen, noch nur ansatzweise beschwichtigt.
Netanyahus Kalkül, die USA für sein Hegemonialstreben zu gewinnen, geht nicht auf. Nun sollen die Menschen in Israel sehen, wie sie damit klarkommen. Sie haben mehr Sicherheit verdient und bekommen von der rechten Regierung Israels mehr Unsicherheit serviert. Über die Zeit, so ist nachzulesen, hat es diese Regierung soweit gebracht, dass sogar regierungskritische Kräfte auf eine Machtpolitik einschwenken, die eine friedliche Balance in der Region in immer weitere Ferne rückt. Israel ist in seiner Existenz nach wie vor bedroht, nach den Angriffen durch Israel selbst und die USA noch mehr. Hätte es einen Plan gegeben, wie man die Angriffe auf das Regime in Teheran mit verlässlicher Machtübernahme durch oppositionelle Kräfte koppeln könnte, würde die Lage vermutlich anders aussehen. Und die Welt hätte das Gefühl, das es wirklich um mehr Demokratie, Freiheit und Sicherheit geht.
So aber diskreditieren sich die USA und Israel. Auch wenn sie glauben, diese Beschädigung an sich selbst noch tarnen zu können. Mit jedem Tag, an dem mehr Raketen auf die Region fallen, mit jeder iranischen Attacke gegen Israel, mit jeder israelischen Flucht in geschützte Räume in Tel Aviv oder Jerusalem muss klarer werden, wohin ein Krieg führt, der Zerstörung zum Ziel hat, der aber keine konstruktiven Perspektiven bietet. Weder für die Überfallenen, noch für die Überfallenden. Ein Krieg um des Kriegs und eines Besiegen des Feindes Willen, ohne einen tieferen politischen Sinn ist ein sinnloser Krieg. Wie KI-gesteuert wird in der „Jüdischen Allgemeinen“ mit moralischen Argumenten gegen einen angeblich moralgetränkten Aufschrei der christlichen Kirchen gegen den Krieg gehalten. Da reißen offenbar alte Wunden auf. Der dumme Christ hat mal wieder nicht begriffen, worum es geht.
Erst der Krieg, dann die Freiheit der Iraner:innen. Doch wo bleibt sie? Wo bleibt der offensive Schulterschluss Israels mit ihnen über Rhetorik hinaus? Wo ist zu lesen, dass sich Israels Nomenklatura oder Trump mit irgendwem aus dem Iran kurzschließt, um das „Himmelsgeschenk“ der Bomben im Hintergrund feiernder Iraner:innen in ein Himmelsgeschenkt der Demokratie und der Freiheit zu verwandeln? Nirgendwo. Im Geheimen? Trump würde, wenn ihn die iranische Opposition (abseits von Pahlevi) andauernd auf Schultern trüge, nicht müde, Bilder davon zu zeigen. In Israel wären Zeitungen voll von Bildern, auf denen Netanyahu sich mit Oppositionellen des Iran trifft. Es würden, wie es ja sonst auch möglich ist, Brücken gebaut zur Opposition im Land der noch immer wütenden Mullahs. Derartige Brücken waren in der Geschichte vieler anderer Befreiungskriege immer gebaut worden.

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