Es war nur ein kurzes journalistisches Zwischenspiel als Chefredakteur der rechtslastigen und zugleich ostlastig sein möchtenden Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ). Dorian Baganz, ehedem „Freitag“-Redakteur, hat die Kommandobrücke des Kreml-freundlichen Dampfers von Verleger Holger Friedrich verlassen. Die Gründe bewegen sich (noch) im Ungefähren. „Bei dieser Entscheidung spielten unterschiedliche Vorstellungen über die inhaltliche Ausrichtung ebenso eine Rolle wie Fragen der persönlichen Zusammenarbeit.“ Das klingt ein Bisschen nach Läuterung. Auch wenn einem das Wort Läuterung nur schwer über die Lippen kommt. Denn wer weiß wie Friedrich tickt, das sich anbahnende Personal-Tableau sah, die Berliner Zeitung aufmerksam im Auge und Geiste hat, der hätte nicht nur ahnen können, sondern wissen müssen, worauf er sich, bei allem Ehrgeiz, da „journalistisch“ einlässt.
In einem Video, nachzusehen unter anderem bei LinkedIn, schwadroniert Dorian Baganz noch, ein Projekt wie die OAZ werde „ja, unbedingt“ gebraucht. „Im Moment“ würden den Institutionen in Deutschland „die Felle davon schwimmen“. Nur noch 13 Prozent Menschen, so Baganz, würden nach eigenem Bekunden den politischen Parteien wirklich vertrauen. Nur „jeder Zehnte“ sähe seine Lebensrealität in den Medien abgebildet. Als „Journalist“ könne er dafür sorgen, dass „die Leute“ zumindest wieder „Vertrauen in die Medien“ erlangen. Und das genau wolle man mit der OAZ erreichen. Er, Baganz, habe ein Buch gelesen, in dem der Autor die deutsche Debattenlandschaft als „Flickenteppich“ beschreibe. Aus „Tabuzonen“. Egal „ob bei Corona oder dem Ukraine-Krieg“, hätten Viele den Eindruck, dass ihre Meinung nicht mehr widergespiegelt werde. Genau das wolle man ändern.
„Wir wollen die Debatte enttabuisieren“, sagt Baganz in überzeugtem Ton weiter. „Wir wollen die Debattenräume erweitern“. Und „wir hoffen, dass Sie uns ab Februar ihr Vertrauen schenken“. Nun könnte es sein, dass – nicht zuletzt angesichts der an die 40 Prozent AfD-wählwilliger Menschen in Deutschland Ost – die OAZ als ein tatsächlich meinungserweiterndes Medium wahrgenommen und resonanzt wird. Nur wird Dorian Baganz eben nicht mehr an Bord sein, der die OAZ in seinem Video vor wenigen Wochen noch als unverzichtbar werdendes Medium in die Medienlandschaft hineingeschleimt hat. Welche „unterschiedlichen Vorstellungen“ bei seinem Entschluss mitspielten, die OAZ zu verlassen? Schon beim „Freitag“ erwies sich Baganz als jemand, der einen durchaus umstrittenen journalistisch-inhaltlichen Drall pflegte. Hm, da rätselt der Auto hier, was ihn wohl zum Abschied bewogen haben mag.
Ich habe versucht, dem näher auf die Spur zu kommen. Vielleicht habe ich nicht ausreichend recherchiert. Aber ich habe nichts gefunden, was über die kurze Mitteilung von Baganz hinausginge. Wenn es etwas in dieser Richtung geben sollte, bitte ich mein übersehendes Versagen zu entschuldigen. Vielleicht aber ist es ja eine gewisse Scham, sich – bei aller inhaltlichen Konvergenz, die es zu geben schien – doch nicht völlig über die von Holger Friedrich gewünschte Tragweite des Projekt Halle, wie Verlegers Berliner Zeitungs-Geschwisterchen auch hieß, bewusst gewesen (oder bewusst gewesen sein wollend) zu sein. In dem anderes Personal, wie Florian Warweg, ausgestattet mit einer Friedrich-liken Vita, rumschwirrte, das allemal hätte als eindeutiges Alarmzeichen gelten können. Dass Friedrich Baganz zum Abschied wohlwollende Worte widmete, darf als einigermaßen vergiftetes Zertfikat gelten.
Kurze Abschiedsmitteilungen von Seiten des Gehenden und des Verlassenen sind nicht unüblich in der Branche. Sie sind gewissermaßen das Höchstmaß an Anstand, um der Chance halber, einen neuen Job (der Gehende) zu finden, und sich nicht selbst zu desavouieren (der Verlassene). Wer der OAZ seinen Rücken kehrt, könnte andererseits, je mehr er Läuterung deutlich geltend macht, die Chancen zu einem seriösen Medium zu wechseln, erhöhen. Mag sein, dass sich Baganz hier noch ein paar Minuten des Nachdenkens gönnt. Ich wünsche – nur mal so – dem „Freitag“ jedenfalls, dass er nicht etwa schwach wird, und Baganz Rückkehr-Asyl gewährt. Mehr Russlandfreundlichkeit braucht der „Freitag“ eh nicht, mehr BSW- und Ost-Nachsicht auch nicht. Da wäre Baganz verzichtbare Liebesmüh. Was Baganz‘ schnelles Aus bei der OAZ betrifft, kann ich nur, sorry!, sagen: Strafe muss sein!

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