ArtsAndSocials

Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Babylonisches GewirrUm Albanese

Es gibt ein Kino in Berlin-Mitte, das heißt Babylon. Dieses Kino gerät immer wieder in den Fokus von allerlei Debatten. Jetzt wieder. Angesichts der Doku Disunited Nations – Die UNO und der Nahe Osten with Guests. Vor allem wegen Letzterem beziehungsweise Letzterer schlagen um die Tage, an denen der Film gezeigt wird, die Wogen hoch. Denn Gästin ist Francesca Albanese. Die umstrittene UN-Sonderberichterstatterin für die Palästinensergebiete. Die durch ihre Positionierungen, die nicht wenige Kritiker für offen antisemitisch halten, ins Feuer laufender Nahost-Debatten geraten ist. Und dieses, so darf man annehmen, gewollt hat. Um der Situation in Gaza Willen, die sie für katastrophal hält. Und vermutlich auch, weil sie mit Begriffen wie „Genozid“ durchaus provokatorisch die Verantwortung der israelischen Regierung für diese Situation in die Mitte der währenden Auseinandersetzungen rücken will. Da reicht seit Längerem schon ein kleiner Funke, um Geistesbrände auszulösen. Das gelingt auch Francesca Albanese, wo immer sie spricht.

Gewohnt reflexhaft sind etwa die Jüdische Allgemeine und Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, zur Stelle. Die JA nennt Albanese ein „Sprachrohr der Hamas“, so in einem Beitrag im Freitag nachzulesen. Prosor spricht fast noch zurückhaltend von einem „Skandal“. Das kennt man. Und ist in sofern eher ein bisschen langweilig. Wäre da nicht die Geschichte des Baylon, die die Freitag-Autorin ausbreitet. Darin findet sich ein ziemlich breit gezogenes Selbstverständnis der Kino-Macher. Das unter anderem, wie es im Freitag heißt, auch Auftritte von Protagonisten der Querdenker-Szene umfasst. Von da aus lässt sich, natürlich, die Einladung Albaneses nochmal eindrücklicher in Frage stellen. Man kann sie ohne den Aufwand, der ohnehin um sie betrieben wird, vermeintlich leichter in die Extremisten-Ecke stellen. Und das Babylon, so man will, gleich mit. Es reihen sich Aufforderungen aneinander, die Veranstaltung abzusagen. Nur, wer das tut, erweise sich als wahrer Verfechter anti-antisemitischer Haltung. Oder Staatsräson?

Auch im Freitag wird Albanese in einem Ton, der auch ein Bisschen Verständnis für ihre Kritiker durchblicken lässt, bedeutet, dass Albanese selbst zu ihrem Außenbild beitrage („Israel-Hasserin“, „Terror-Sympathisantin“, „Bilderbuch-Antisemitin“). „Provokation gehört zu ihren bevorzugten Stilmitteln“, heißt es. „Fast durchgängig und zuweilen inflationär spricht die Italienerin in maximal aufgeladenen Begriffen.“ Wie „‚Apartheid“, „Genozid“, „ethnische Säuberungen“. Die UN-Frau bewege sich damit „zuverlässig in den oberen moralischen Dezibelbereichen“. Das Babylon wiederum verweise darauf, dass sich „viele Deutsche“ eine kritischere Haltung der Bundesregierung gegenüber Israels Gaza-Politik wünschten, nahe am Völkerrecht; was differenzierter klinge, als die „mediale Empörung“ über Albanese glaubend mache. Irgendwo zwischen Allem, sollte man meinen, könnte ein Debattenweg gefunden werden. Aber auch im Kino Babylon!? Die Hoffnung, heißt es in derlei schwierig scheinenden Fällen, stirbt ja zuletzt.

Das Babylon werde bislang mit 540.000 Euro jährlich vom Berliner Senat gefördert. Vor diesem Hintergrund fordere, so im Freitag weiter zu lesen, die Organisation „Gegen jeden Antisemitismus“, die Veranstaltung mit Albanese abzusagen. Wen die Autorin genau meint, weiß man nicht. Denn dieses Motto tragen viele einschlägige Initiativen. Wie dem auch sei: Die staatliche Förderung, so darf man wähnen, könnte wieder mal ein Anlass für Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sein, reinzugrätschen. Das ist ja derzeit sein scheinbar einziges wirkliches leidenschaftliches Ansinnen: Wo immer es geht, ganz oben auf der Empörungswelle zu surfen. Noch reagiere der Senat „verhalten“, heißt es im Freitag. Man gehe auf „deutliche Distanz“, werde der Senat im Tagesspiegel zitiert. Es wäre freilich nicht das erste Mal, dass Veranstaltungen mit Albanese abgesagt werden. Und dann wäre ja noch der finanzielle Hebel. Man könnte – a la „Berlinale“ und „Buchhandlungspreis“ – also den nächsten Elefanten durch den kulturellen Porzellanladen treiben.

Was bei Allem unter die Räder zu geraten droht, ist die unverändert verheerende Lage in Gaza. Und dass man angesichts der fragwürdigen Angriffe der USA und Israels auf den Iran und der Gegenwehr des Mullah-Regimes in der Region kaum noch etwas über die Situation in Gaza hört oder liest. Das ist, so könnte man durchaus feststellen, das schlimmste an der Empörung gegenüber Francesca Albanese. Was immer man von ihrem streitbaren Framing gegenüber Israel hält: Sie hält zumindest den Blick auf Gaza und das Ungeheuerliche, dem die Menschen dort ausgesetzt sind, wach. Das allein ist viel wert – und lässt sich durch den Unmut über die UN-Sonderberichterstatterin nicht kleinreden. Gerade weil es danach aussieht, als würde Israels Regierung im Nahen Osten weiter ziellos Krieg führen. Und sich für Menschen und Demokratie auch im Iran nicht wirklich interessieren. Dessen gewahr kann es bei allem Stimmgewirr dieser Tage gar nicht genug Babylon geben. Dem Mythos zum Trotz, dies diene ausschließlich dem Untergang.



Hinterlasse einen Kommentar