Ach Gottchen, Springfeld! Gib mich ein Taschentuch. Wann immer es irgendwo in Westdeutschland Landtagswahlen gibt, Jakob Springfeld, Botschafter der freien antifaschistischen „Jugend“ Ost ist zur Stelle. Ahhh, so der Autor grad wieder im Freitag: Seht her, fast 20 Prozent für die AfD! Und da wollt ihr aus dem Westen uns „Ossis“, nur weil es bei uns schon fast 40 Prozent sind, sagen, wo’s langgeht? Na warte. Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt. Noch sei Wittenberg weit weg von Stuttgart. Aber hat nicht auch Ministerpräsident Kurt Biedenkopf Anfang der 2000er Jahre orakelt, Sachsen sei „immun gegen Rechtsextremismus“? Achtung, Achtung, Springfeld im Freitag an „alle Westdeutschen“: Seid nicht gewiss und bleibt wachsam. Denn die AfD folge im Westen dem ostdeutschen Trend, „nur zeitverzögert“. Kein Grund, sich im Westen zurückzulehnen – und zu schweigen, so Springfeld.
Schweigen Alle im Westen angesichts des wachsenden Zuspruchs für die AfD? Höre ich nachts Stimmen, die es gar nicht gibt? Zum wiederholten Male gibt Springfeld die aus eigener Sicht nicht neue Erkenntnis wieder, wonach in Deutschland West AfD-Erfolge „immer wieder kleingeredet, kaschiert oder übergangen“ werden. Um empört auf den Osten zu zeigen. Was er, Springfeld, schon nach den NRW-Kommunalwahlen im Freitag beschrieben habe, ebenso in seinem Buch „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert“. „Alle über einen Kamm scheren“, das sei „nicht nur ungerecht gegenüber Ostdeutschen, die sich antifaschistisch organisieren“. Sondern auch für Westdeutsche, die von Diskriminierung und Rechtsruck betroffen seien, „abscheulich“. Weil ja alle „mit mindestens ähnlichen Problemen“ zu kämpfen hätten. Hat Springfeld Ost vielleicht keine Ahnung, was im Westen passiert?
Oder will es dies möglicherweise gar nicht – Ahnung haben. Jakob Springfeld beackert ein Feld, das viele Autoren, Politiker, auch manch engagierte Kämpfer gegen rechts beackern. Auf dem immer mehr Unkraut emporschießt, das, da hat er Recht, auch im Westen politisch in die Höhe zu wachsen beginnt. Und, auch da hat er Recht: Niemand sollte meinen, auf seinem Feld würde es so viel besser aussehen als auf den Nachbarfeldern. Rechtspopulismus oder gar -extremismus weht durchs ganze Land und infiltriert unsere Demokratie. Wie Springfeld darauf kommt, dass viele im Westen das nicht wahrhaben wollen und deswegen den Osten Deutschlands schlechter reden, I don’t know. Als andauernde Mahnung freilich taugen die 40 Prozent für die AfD im Osten allemal. Und wer denn nach einer tauglichen Parole gegen rechts sucht, hier wäre eine: Arsch hoch gegen die Weidel-Partei!
Das gilt – natürlich! – für ganz Deutschland. Statt dessen fällt es, sorry, wenn auch ich mich wiederhole, auf, dass es im Osten der Republik eine Neigung gibt, das Narrativ von der schlimmen Dominanz westlicher Eliten, am besten des kompletten „Systems“, das die AfD mantrahaft vor sich herträgt, im politisch gegnerischen Lager umzumodeln. In eine ebenfalls verschwörungshafte Erzählung, wonach der heldenhafte Kampf gegen rechts im Osten von „Wessis“ diskreditiert wird, in dem man nur noch mit dem Finger auf den großen Zuspruch für die rechte Partei zeigt. Doch freilich ist der Zuspruch groß. Allerdings ebenso, wie die Hoffnung, es möge im Osten wie im Westen, also gemeinsam gelingen, die AfD auf ein Maß zu schrumpfen, das antidemokratischen Kräften im Land angemessen ist: Nämlich null! Stattdessen schleicht sich ein Jammerton in die Debatte. Das wiederum sieht die AfD gern.
Es gibt einen zunehmenden Hang in Ostdeutschland, sich vor den politisch heiklen Entwicklungen in Abwege zu flüchten. Entweder so, wie es Jakob Springfeld tut, der, wenn er schon eine Stigmatisierung durch Weststimmen mit Blick auf die AfD-Anhängerschaft wähnt, alles dafür geben könnte, das antifaschistische Engagement in den Fokus seines Schreibens zu rücken. Statt ein ewig gleiches Klagelied darüber zu singen, wie sehr man sich im Osten unverstanden und in die Ecke gedrängt fühlt. Oder wie es Autoren a la Lukas Rietzschel offensiv versuchen, die, so die FAZ über seine Gastworte bei CarenMiosga, im Auftreten der AfD „zuerst einmal auch eine demokratische Dynamik erkennen“ wollen, die Menschen ins „demokratische System“ hineinziehe. Die FAZ zieht in dieser Hinsicht eine Parallele zu Jörg Baberowski und seiner These von der potenziell „belebenden Kraft“ des Populismus.
Achtung, Achtung, an alle Ostdeutschen, Westdeutschen, Gesamtdeutschen, auf dem Land und in den Städten: Versuchen wir, uns nicht auf Abwege zu begeben oder locken zu lassen! Ist das ein Angebot, Jakob Springfeld? Ich würde mich freuen, von dem Autor, gerne auch im Freitag, auf gar keinen Fall in der „Ossi-Postille“ (Ex-Bundespräsident Joachim Gauck) Ostdeutsche Allgemeine Zeitung, demnächst etwas in der Richtung „Kampf gegen rechts – ein gesamtdeutsches Projekt“ zu lesen. Mir geht die Ost-West-/ West-Ost-Nummer ziemlich auf den Keks. Und neben der AfD (sowieso) alles, was damit zusammenhängt, diese rechte Partei vor lauter politischer Tümelei bewusst oder aus Versehen mit einer auch nur irgendwie gearteten Belebung der Demokratie in Zusammenhang zu bringen. 40, 20, Null. Wäre wunderbar, man könnte sich auf diesen Dreisatz verständigen.

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