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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Wer Feat. DieOAZ?

Eigentlich hat der Freitag eine Menge guter Autoren. Warum er in seiner jüngsten Ausgabe wieder auf Marlen Hobrack und Christian Baron kommt, die sich neuerdings als Schreiberin und Schreiber bei der Ostdeutschen Allgmeinen Zeitung zeigen, muss man nicht, kann man aber hinterfragen. Denn die beiden sind gewissermaßen straight auf OAZ-Linie. Danach wird der Osten der Republik auf Gedeih und Verderb schöngekämmt. Und alle Kritik, die es vor allem am großen Zuspruch für die AfD in Ostdeutschland gibt, wird in den Westen zurückgespült. Das geschieht, weil es anders nicht zu gehen scheint, am Besten unter Verklärung vermeintlicher Realitäten Ost. Und durch mit Verve zu vollziehendem Fingerzeig auf die blinden Wessis. Es wird der vermeintliche Spieß also einfach umgedreht. Was bei Christian Baron in der Parole gipfelt, er wolle kein Wessi mehr sein. Und weil das nicht reicht, feiert er die Errungenschaften der DDR. Dass das dem OAZ-Verleger Holger Friedrich gefällt, ist ja klar.

Offenbar scheint die Geschichte vom Bauern-, vor allem vom Arbeiterstaat bei Einigen derart romantische Gefühle zu wecken, dass sie, mal angenommen, es gibt den blinden Wessi, ihm wenigstens das abgewinnen können: Beide Augen zu schließen. Darüber hinaus könnten auch Gründe der Biografie, die Baron in Romane gegossen hat, eine Rolle spielen. Wem sich das Arbeiterleben in der Familie derart eingebrannt hat, wie es der Autor beschreibt, dem könnte ein Trauma erwachsen sein, das sich insbesondere in rückwärtigem Ulbricht-Honecker-Schmus spiegelt. Ein Freund von mir nennt das Proletariats-Nostalgie-Reflex. Und es stellt sich die Frage, ob Baron, der in seinem Beitrag über den sozioökonomischen Abstieg seiner Heimatstadt Kaiserslautern und den damit beschriebenen Aufstieg der AfD, der manche in der Region zum Früher war alles besser verleite, nicht seinerseits eine Ost-Retropie pflegt. Dazu würden auch die OAZ-Agenda passen: Russland gut! Und Marlen Hobracks Story vom Sonderfall Westen.

Der, so lässt Marlen Hobrack sinngemäß wissen, quasi in einer Art Selbstverklärung der Mittelklasse bestand. Die glaubte, ihre Verhältnisse trotz wachsenden sozialpolitischen Drucks retten zu können, sich mit der demokratischen Norm verwechselte und deswegen vor den politischen Extremen in Acht nahm. Und nun überrascht mit ansehen müsse, wie die AfD auch im Westen eifrig Stimmen sammelt. Da sitzen sie nun, die Wessis und ihre Altparteien, und dürfen den politischen Kladeradatsch ihrer sozialfeindlichen Ignoranz betrachten. Mitsamt dem Verlust an Traditionen, Gemeinschaften, Vereinen. Nein, insinuiert Hobrack, nicht die Ossis sind besonders, die scheinbar im Schatten einer totalitären Nachkriegstradition und im Strudel von Sozialabbau, ich ergänze: AfD wählen. Sondern die Wessis seien in ihrer langen Gutgläubigkeit der eigentlich bedauernswerte Sonderfall. Während der Osten eher repräsentativ stehe für die antidemokratischen Entwicklungen in Europa und den USA. Also irgendwie normal sei.

Traurige Wahrheit, nennt das Marlen Hobrack. Der Ostdeutsche halt in guter unguter Gesellschaft. Allerdings brauche er sich genau deswegen von Menschen in Westdeutschland nicht eben vorwerfen lassen: Der Ossi, so is‘ er halt. Rechts, ungebildet, weinerlich. Der, wenn er sozioökonomische Datensätze ins Spiel bringe, gerne niedergebügelt werde mit dem Nichtargument, wonach Nazis eben Nazis wählen. Autorin Hobrack wirft den Altparteien zu Recht vor, mit ihrer Sozialpolitik der AfD Nährboden zu geben. Aber stimmt es, dass sie sich – statt bessere Politik zu machen – an der Demokratie (versündigen), weil sie am Ende versuchen, die AfD wahltaktisch auszumanövrieren? Und was heißt das nun wieder, im Klartext? Dass, wenn man miese Politik macht, man schlucken müsse, dass die AfD genau darauf ihr Süppchen kocht? Wenn das der Preis wäre, würde selbst die dümmste Sozialpolitik zu teuer bezahlt. Als gäbe es Die Linke Alternative nicht. Die im Übrigen bei Marlen Hobrack nicht einmal vorkommt.

Interessant wird es dann auch, wenn Marlen Hobrack aus ihrer Sicht eine Lösung sozialpolitischer Probleme anreißt: Deutschland krankt daran, dass Gerechtigkeitsdebatten stets nur höhere Steuern adressieren. Steuerdebatten demobilisieren aber nicht nur jene, denen es ökonomisch gut geht, sondern auch jene, die das Versprechen vom Aufstieg gerne noch einlösen würden. Der Fokus müsste vielmehr auf der Senkung der Sozialabgaben liegen, von denen untere Einkommensgruppen überproportional betroffen sind. Das kommt so gut wie der AfD-Linie gleich. Wie auch Hobracks Vorschlag für einen radikalen Bürokratieabbau. Rührt man Hobrack mit Barons Anti-Wessi-Gefühlen zusammen, kommt man bei dem raus, was über den Daumen gepeilt die unverkennbare Schlagseite der OAZ ausmacht. Und nur den blinden Wessi zu der Bemerkung veranlassen kann, dass der Freitag Beiträge druckt, da sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und das bisweilen, wie jetzt gerade, im Doppel-Pack.



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