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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Der Tatort Reiniger

Zwei Echtekerle-Punkte kann man machen, wenn man dem analogen und digital abrufbaren Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen mal so richtig mutig ans Bein pinkeln will. Erstens die Tagesschau niedermachen. Zweitens den Tatort. Letzteres hat jetzt im Freitag der Autor Carlos Hanke Barajas in Angriff genommen. Unter der Überschrift 56 Jahre sind genug: Es ist Zeit, den Tatort abzuschaffen. Unter dem ging’s nicht. Und warum soll der Tatort auf der Müllkippe landen? Zuviel Mord und Totschlag. Zu viel Polizei. Auch viel zu viele sympathische Kommissar*innen. Zu viele Zuschauer, die sich mit der Staatsgewalt identifizieren (können sollen). Zuviel Gutes (die Ermittler) gegen das Böse (die Täter). Zu wenig Beachtung von Verbliebenen und Opfern. Zu wenig Kreativität. Zu wenig unrealistisches, überraschendes Element. Zu wenig Magie.

So sieht es der Autor. Der konstatiert, dass im Tatort 1.) nur ein minimaler Prozentsatz aller statistisch erfassten Delikte Thema seien, die auch in anderen Medien unverhältnismäßig gepuscht würden. Dass – 2.) durch die quasi Übergewichtung das Sicherheitsempfinden in der Gesellschaft gemindert und – 3.) eine Faszination für das Verbotene bedient werde. Im Übrigen: Wo blieben statt Polizeikommissaren Mitte-Fünfzig, die genervt Kaffee trinken und blöde in die Kamera menscheln, die wahren Helden im TV: etwa der Feuerwehr, aus Krankenhäusern, wo tauchen Serien mit systemrelevanten Berufen wie Krankenpflger*innen in der Hauptrolle auf? Barajas‘ Wunsch: Vielleicht ja mal für ein paar Jahre oder Jahrzehnteetwas ganz anderes: Eine wöchentliche Familiensaga als Lagerfeuer der Nation zum Beispiel.

Ach herrje. Das kommt davon, wenn man einfach nur mal provokant vom Leder ziehen will. Und sich dafür eine prominente, vielleicht sogar am Besten die prominenteste Serie im deutschen Fernsehen, dazu noch in der ARD, sucht: Den Sonntagabendkrimi, der in der Tat auch nach mehr als 55 Jahren noch sagenhafte Einschaltquoten hat. So viele wie vermutlich Telenovelas etwa in Kolumbien, wo Barajas, wie er betont, herkommt. Der sich über Phänomene in Deutschland wundert und sie noch nicht so ganz versteht. Was mich nun ehrlich angesichts des Millionenpublikums wundert, dass sich in Lateinamerika nicht wöchentlich, sondern täglich emotionstriefende Schmonzetten reinzieht und dabei eine Faszination für Mixturen aus Liebe, Intrigen, Korruption, Standesdünkel und andere mehr oder weniger appetitlichen Zutaten empfindet.

Auch davon gibt es allerlei mehr oder weniger Tiefschürfendes im deutschen Fernsehen zu sehen. Und geht es um Lagerfeuerromantik, Deutschland müsste TV-mäßig längst in Flammen stehen. Was Barajas von sich gibt, klingt einigermaßen wild und leider auch kenntnislos zusammengerührt. In dem er etwa behauptet, dass Zuschauer in den bislang 1332 Tatort-Folgen den mehr oder weniger selben Plot zu sehen bekämen, was sie aber offenbar nicht langweile. Vermutlich, weil die Behauptung nicht stimmt. Das Zulesende wird auch nicht klüger, wenn er in seinen Beitrag einstreut, die Zuseher würden wohl gern zur eigenen Unterhaltung in die Stiefel des Staates schlüpfen. Derartiges, pardon, Gelaber gäbe dem Tatort ein Gewicht, das er nicht hat. Vielleicht sind die Zuschauer einfach nur scharf auf den nächsten Fall.

Ich bin froh, dass Maxi Leinkauf, kaum war Barajas‘ Beitrag zu lesen, den Tatort und das Tatort-Erlebnis ebenfalls im Freitag wieder vom Kopf auf die Füße stellte. Und der Krimi-Serie, die ja neben vielen anderen Serien tatsächlich bestenfalls „nur“ spannende Unterhaltung bieten soll (was ihr mal mehr, mal weniger gelingt) eigene Erfahrungen hinzugestellt hat. Fazit: Man weiß, was man kriegt. Aber das muss nichts Schlechtes sein. So ein bisschen Stabilität im Alltag. Da geht es ihr nicht anders als mir mit Blick auf gute literarische Krimi-Klassiker. Auch dort wimmelt es von Kommissaren und Detektiven, rauchend, Kaffee schlürfend, saufend, menschelnd, bisweilen neben der Spur, inkl. Staatsgewalt. Wie im Tatort. Mag sein, dass mit manchen der Bashing-Spaß durchgeht. Ich bin nach einem Tatort-Sonntag um 21:45 Uhr völlig entspannt.



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