Haltet die Fresse! stand auf einem proisraelischen Transparent. Vor dem Kino Babylon in Berlin. Weil drinnen die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese zu Gast war. Haltet die Fresse! ist quasi die vornehme Formulierung derer, denen es um den Kampf gegen antisemitischen Terror und den Hass auf Israel geht. Man kann sich fragen, ob das der angemessene Tonfall war am Tag, an dem die Knesset, also das israelische Parlament, die Todesstrafe exklusiv für Terroristen beschließt. Was, darin sind sich die Kommentatoren des Votums einig, de facto ausschließlich Palästinenser betrifft. Voraussetzung: Der Terror muss auf die Vernichtung des Staates Israel hinauslaufen. Dann freilich ist der Tod Pflicht. Nur ein Einspruch kann dies verhindern. Berlin, Paris, Rom, London: Von überall waren Proteste gegen das Gesetz gekommen. Ein erheblicher zivilisatorischen Rückschritt, ließ der Europarat verlauten. Das freilich ficht den rechtsextremen Polizeiminister Itamar Ben-Gvir, dessen Partei Otzma Jehudit den Antrag einbrachte, nicht an.
Im Babylon zu Berlin war die Entscheidung der Knesset kein Thema. Die Ereignisse überschnitten sich. Ein Film war zu sehen. „Disunited Nations – Die UNO und der Nahe Osten“. Von dem französischen Filmemacher Christophe Cotteret. In Zusammenarbeit mit dem deutsch-französischen Sender ARTE. Da konnte man sehen, wie – nicht nur in Gaza, sondern vielerorts auf der Welt – die „Todesstrafe“ Realität ist. Ohne dass die Vereinten Nationen eingeschritten sind (oder einschreiten konnten?). Bosnien, Ruanda, Myanmar. Tausende wurden in Konflikten getötet, gegen Menschen- und Völkerrecht, wie viele sagten, als es geschehen war. Und nun, da UN-Vertreter*innen Lehren daraus ziehen und die Tötung zigtausender Menschen in Gaza verurteilen, ein Aufschrei. Weil es in Gaza „lediglich“ darum gegangen sei, dem Hamas-Terror Einhalt zu gebieten. Frauen, Kinder, Alte. Alle dem Terror verhaftet? Woher dieser Hass, den sie selbst anklagen, hätte man das spärliche Häuflein Transparente-Träger vor dem Babylon fragen können.
Woher dieser Hass etwa auch auf Francesca Albanese? Sie habe sich mehrfach eindeutig antisemitisch geäußert. Werfen ihr jene vor, die sie am Liebsten aus der Welt sähen. Nicht physisch. Aber als Juristin, die von den UN bestellt wurde, um sich anzuschauen, was im Nahen Osten passiert. Es unter rechtlichen Aspekten zu bewerten und darüber zu reportieren. Das tut sie. Im Film sachlich und in erschreckenden Details. Wer die Bilder im Film sieht, wird, außer er/sie sieht in den Opfern in Gaza, die gezeigt werden, wie Israels Regierung allesamt Terroristen, und in der kompletten Zerstörung des Lebensraums der Palästinenser*innen ebenfalls „nur“ etwas, woran die Palästinenser*innen selbst schuld sind, nicht aus dem Schrecken herausfinden. Es fällt einem schwer, angesichts der Bilder die Contenance zu bewahren. Und der israelischen Regierung nicht Haltet die Fresse! entgegenzuschleudern. An diesem Abend aber wurde daran appelliert genau das zu tun: die Contenance zu bewahren, auch in der Sprache. Das Publikum folgte dem Appell.
Ich will hier nicht darüber befinden, an welchem Punkt geübte Israelkritik in Antisemitismus überspringt. Die Meinungen darüber gehen auch und vielleicht gerade in der jüdischen Community weit auseinander; auch wenn das viele dort nicht wahrhaben wollen. Weil sie sich mit Ihresgleichen auseinandersetzen müssten. Und mit Haltet die Fresse! vermutlich nicht sehr weit kämen. Einer, der sich immer wieder Kritik aus den eigenen religiös-politischen Kreisen stellen muss, ist Maron Mendel, der mit einer Muslimin verheiratet und im jüdisch-arabischen Verständigungsprojekt Givat Haviva engagiert ist. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat sich quasi einem Dauer-Clinch mit dem Brückenbauer Meron Mendel in Sachen Kritik an der israelischen Regierung und Antisemitismus verschrieben. Und dagegen gewettert, dass Mendel und seiner Frau Anfang 2025 die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen wurde. Für interreligiöse Verständigung. Dem Gegenteil von Haltet die Fresse!
Nun darf man sicher sein, dass Israels Regierung und die Mehrheit des israelischen Parlaments mit ihrer Todesstrafen-Entscheidung nicht dafür gesorgt haben, dass Kritiker der Politik von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und seinen rechten Mitstreitern Ruhe halten. Der – nach dem Morden und der Zerstörung in Gaza und zunehmender Landnahme im Westjordanland – weitere Zivilisationsbruch dürfte das Erschrecken über das, was Kampf gegen den Terror genannt wird, eher vergrößern. Zusammen mit dem Iran-Krieg und seinen Folgen scheint ein Lichterlohbrennen des Nahen Ostens das mehr oder weniger erklärte Ziel der israelischen Staatsmacht. Ob das auf Dauer im Sinne der Israelis ist? Fraglich. Im Sinne von Jüdinnen und Juden, die Verständigung mit den Palästinenser*innen suchen, sicherlich nicht. Sie dürften auch kaum Transparente gut finden, auf denen wie vor dem Kino Babylon in Berlin Haltet die Fresse! steht. Denn zivilisiert klingt das nicht. Wenn, dann doch eher schon wie der beängstigende Gegenpol zu Terror.

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