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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Götterdämmerung On TAZ

Auf Anhieb musste man das nicht unbedingt für einen April-Scherz halten. Als die taz heute titelte: Kulturminister will Bayreuth den Stecker ziehen. Und den Leser*innen sagen mochte, Wolfram Weimar denke wegen der erwiesenermaßen antisemitischen Haltung des Komponisten Richard Wagner darüber nach, die Förderung der Festspiele, zu der jedes Jahr reichlich Prominenz in die bayrische Stadt einrückt, zu streichen. Wagner war schließlich als Antisemit und Kreateur wuchtiger Musik auch für Deutschlands größten Diktator tief im Herzen wie im Jubel nach außen der Reichslieblingsklassiker. Der quasi die völkisch-dramatische Begleitmusik für die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden lieferte. Da kann man, so man es mit der Antisemitismus-Bekämpfung ernst meint, durchaus auf die Idee kommen, den Musiker, der heute vielleicht BDS-Symapathisant wäre, ins Visier kultureller Ächtung zu nehmen. Und damit irgendwie Konsequenz zu zeigen.

Wer Buchhandlungen auf den Index setzt, weil sie vielleicht irgendwelche linksliterarischen Werke im Sortiment haben, die dem Kulturhüter der Nation, vom Verfassungsschutz vage munitioniert, nicht passen. Wer russische Musiker anlässlich der Angriffe Russlands auf die Ukraine nicht auf deutsche Bühnen lässt – sofern sie nicht hoch und heilig geschworen haben, nichts mit dem russischen Diktator Wladimir Putin am Hut zu haben. Der könnte, nicht weit hergeholt, darüber sinnieren, ob es nicht folgerichtig wäre, auch das jährliche Tamtam zu Ehren Richard Wagners einzuäschern. Zumal die Familie Wagner mitsamt ihrem Festspielhaus erheblich ins Nazi-Geflecht verknüpft war – und auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch Altnazis zum Wagner-Freundeskreis zählten. Die Festspiele werden in erheblichem Umfang durch Bund und Land gefördert. Allein für die Sanierung des Festspielhauses hat der Bund bis 2027 über 84 Millionen Euro in den Haushalt eingestellt.

Zugegeben: Bei Wagner kann man musikalisch schwach werden. Wenn man die Augen schließt. Das antisemitische Geschwurbel des Komponisten vergisst. Und nicht gerade Kapellmeister Christian Thielemann den Takt vorgibt. Der wird, streng gescheitelt, von Vielen nicht grundlos als DER Wagner-Dirigent gefeiert. Nicht nur, weil er dessen mystisch-schweren Klänge zur Entfaltung bringt. Und insofern als Vertreter einer idealen grundtraditionellen Wagner-Interpretation gilt. Sondern weil er sich auch sonst wertetragend konservativ, manche meinen gar rechts gibt. Zum Beleg dient Letzteren etwa der sogenannte Führer-Skandal. In dem sich Thielemann geweigert haben soll, in der Lohengrin-Titelpartie das Orginalwort „Führerdurch Schützer zu ersetzen. Was man einerseits als Hang zu Werktreue interpretieren, aber auch als fragwürdig restaurative Neigung werten kann. In Verkleidung einer Gegnerschaft zu gänzlich unerlaubter Verfremdung.

Damit zurück zu Weimer, Bayreuth und dem 1. April. Hin und wieder verbirgt sich im Scherz ja bittere Wahrheit. Jedenfalls konnte man sich mit Blick auf den Scherz, den sich die taz erlaubte, wenn man nur die Headline ließt, schon ein Bisschen erschrecken – oder je nach Blickwinkel freuen -, dass es jetzt nicht nur vermeintlichen links-subversiven Buchhandlungen an den Kragen geht, sondern auch der so genannten deutschen Hochkultur. Was Kulturstaatsminister Weimer zwar nicht sympathischer, aber doch irgendwie konsequent rücksichtslos machen würde. Im Raum steht, Scherz hin oder her, durchaus die Frage, wie weit die Bekämpfung von Antisemitismus reichen kann, soll oder wird. Oder ob sie da endet, wo in Schale geschmissene Promis der Meinung sind, dass man über den Wagner’schen Antisemitismus im Zweifel hinwegsehen müsse. Um Tannhäusers Willen. Das sei ja nun etwas ganz anderes als eine Buchhandlung oder die Berlinale.

Im Freitag hat dieser Tage ein Autor gefordert, nach 56 Jahren endlich die ARD-Kultuserie Tatort abzuschaffen. Die Gründe, die er anführte, waren, auch bei mehrmaliger Durchsicht, ausgesprochen schwach. Im Kern gipfelten sie in der Aversion gegen unentwegten Mord und Totschlag. Wenn dies Argument sein soll, das deutsche Fernsehen auf Grund laufen zu lassen, dann müsste das für Bayreuth erst recht gelten. Im Geiste der Bekämpfung des Antisemitismus fordere ich also die Bundesregierung und vorneweg Kulturstaatsminister Weimer auf, das offenbar antisemitismusignorierende Treiben auf dem grünen Hügel umgehend zu beenden. Es kann nicht sein, dass wir reihenweise Veranstaltungen absagen, die sich auch nur entfernt antisemtisch anfühlen – und alljährlich Festspiele zu Ehren eines Antisemiten abhalten. Spätestens wenn in der Götterdämmerung Brünhilde und Siegfried vereint der Nazis Losung brüllen, weiß man: Jetzt ist aber Schluss damit!



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