Der Skandal, oder besser: die Skandale um das, was gemeinhin Vetternwirtschaft genannt wird, könnten der AfD den Schaden zufügen, den man ihr wünscht. Damit ihre Träume und unsere Alpträume von einem Durchmarsch bei der Landtagswahl im September platzen. Was sich da in wenigen Wochen zusammengebraut hat, liegt wie ein dunkles Wolkenband über der Partei. Und dem Land. „Family-Business“ nennt das die „FAZ“. Es klingt durch, dass nicht alles, was da hochgekocht ist, unter Regelverstoß falle. Möglich, dass die AfD ihrem eigenen Wachstum irgendwie nicht personell gewachsen sei. So kann man Überkreuz-Beschäftigungen von Eltern, Ehefrauen, Kindern und Geschwistern eines Mandatsträger in den Büros anderer Mandatsträger, dies auch im Bundestag, einordnen. Hat alles nur ein „Geschmäckle“ oder geht das, was auch die rechte Klientel beunruhigt, tiefer?
Es ist ja nicht nur so, dass es auch in der AfD einen offenbar großen Hang gibt, in Sachen „Filz“, den sie sonst als eines der Kernsymptome der „Altparteien“ anprangert, zu zeigen, wie der geht. Und sich damit einen stützenden Pfeiler eigener Moralvorstellungen wegzuschießen. Es ist vielmehr so, dass sie sich in der von ihr angestrebten Normalisierung ihrer Anwesenheit in der Parteien-Landschaft tatsächlich normalisiert. In dem sie den (auch) im etablierten Lager immer wieder auftauchenden Machenschaften nachgeht. Die Partei ist also nicht nur rechtsextrem, sondern auch Abbild fragwürdigster Seiten des von ihr unentwegt angeprangerten Systems. Das könnte ihr, so eine wenig klammheimliche Hoffnung derer, die nichts von ihr wissen wollen, am Ende ihren Höhenflug bremsen. Indem sie stimmgebende Teile ihrer Anhängerschaft durch rechte Überheblichkeit wegsprengt.
Bei Sympathisanten, Mitgliedern und Funktionären der AfD sei mittlerweile von einem „mafiösen System“ und „Versorgungsnetzwerken“ die Rede, wie es in Medienberichten heißt. Berief sich die rechtsextreme Partei bislang darauf, dass ihre schlimmsten Gegner dort sitzen, wo Regierung, etablierte Parteien, Liberale und Linke aus AfD-Sicht jenseits der Brandmauer mit mehr oder weniger politischer Verve versuchen, den Rechten das Wasser abzugraben, sitzt nun ein übelster Gegner unterm eigenen Dach. War nicht reine Moral, vor allem dann, wenn sie mit nationalem Pathos und völkisch gestrickter Identität verbunden war, allein das Feld der Weidel-Chrupalla-Höcke-Partei? Statt dessen wird ruchbar, dass die AfD Vetternwirtschaft und Mauscheleien besser beherrscht als jeder von ihr gescholtene andere Laden. Das kommt nun mit Blick auf das ohnehin gerharnischte Sammelsurium politisch-moralischer Verlogenheiten entlarvend on Top.
Der Skandal fällt mit Berichten über das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt zusammen. Mit hellblauem Textmarker, so schreibt die „taz“, seien bei einem TikTok-Dreh Zeilen der Programm-Ausgabe, die Spitzenkandidat Ulrich Sigmund in den Händen hielt, angestrichen gewesen. Etwa die Passage zur „Abschiebe- und Remigrationsoffensive“, die die AfD „selbstverständlich“ brauche. Dann kommt eine Menge Programmatisches, bei dem nationalistisches Saubermann-Image mitschwingt, das sich die Partei gern gibt. Das entsprechende Familienbild ist bekannt. Da wunderte es nicht, dass es Sigmund naheliegend findet, dass die werte Familie als zusammenschweißendes Element auch zur Parteiarbeit gehört. Natürlich stelle die AfD Familienmitglieder in Lohn und Brot. Wem sonst solle die AfD vertrauen, gibt die „taz“ Sigmunds Haltung wieder.
Sprich: Der Familienzusammenhalt, die Familie an sich, gewinnt bei der AfD, sobald sie im Feuer steht, Rechtfertigung bis in skandalöse, möglicherweise juristisch fragwürdige Vetternwirtschaft hinein. Die Familie in rechtem Verständnis steht über Allem, im Zweifel auch über moralinsaurem deutschen Pathos. Offenbar ist es das, was auch die eigenen Reihen, zumindest einen Moment lang, entrüstet. Und AfD-Spitzenpersonal die Gefahr wittern lässt, dass Anhänger das nicht sonderlich überzeugend mit Blick auf die Mehrung politischer Einflussnahme, sprich Wählerstimmen finden. Manche Beobachter meinen, die AfD könnte darob gar an sich selbst zerschellen. Das freilich dürfte ein bisschen früh jubiliert sein. Denn Mauscheleien führten früher schon, auch in der AfD selbst, zu nicht unheftigen Konflikten – und waren dann ganz schnell vergessen.
Interessant dazu dieser „FAZ“-Beitrag:

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