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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Das PrimatDer Ökonomie

Alles steht unter dem Diktat der Ökonomie. Auf diesen Satz lässt sich sehr grob zusammenfassen, was der Ökonom Daniel Stähr in einem Interview mit dem Freitag der Gesellschaft attestiert. Man könnte auch vom Primat der Ökonomie sprechen. Es wirkt, als unbedingter Ausweis des Kapitalismus, tief in unser Leben hinein. Es bestimmt unser Sein. Unsere Sprache. Unser Denken. So sehr, dass wir es nicht mehr hinterfragen. Dass es uns gar nicht auffällt. Oder bewusst ist oder wird. In Stährs Buch Die neuen Propheten findet sich nach dessen Worten die Kernthese, dass politische Entscheidungsträger einer faktenfreien Wissenschaft , die kein Konzept von Moral oder Gerechtigkeit kennt, vertrauen. Weshalb Stähr fordert, dieser Wissenschaft ihre Dominanz zu nehmen.

Wie sehr diese Dominanz in Kriege, Konflikte, Binnenpolitik undsoweiter hineinwirkt, wird derzeit im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg deutlich. Erst mit seinen ökonomischen Auswirkungen – etwa steigenden Spritpreisen – wird er von den kapitalistischen Staaten ernsthaft in Frage gestellt. Die Menschen im Iran, um deren Wohlergehen und Zukunft es angeblich gehen sollte, rücken immer mehr in den Hintergrund. US-Präsident Donald Trump bediente sich von Anfang an humanitärer Ziele als Camouflage. Auch die Kritik an der Rolle Israels nahm erst zu, als offenbar wurde, wie sehr sich der Krieg auf den gesamten Nahen Osten ausweiten und ökonomisch fatal werden könnte. Und dass er durchaus das Zeug zu einer dramatischen Weltwirtschaftskrise hat.

Die Dominanz der Ökonomie bewirkt, dass nahezu Alles, was geschieht, nach Effizienz bemessen wird. Ihrer Steigerung – oder auch, wenn sie in Gefahr zu geraten droht. Die sozialpolitischen Debatten hierzulande etwa werden ja nicht so sehr von einer Besorgnis um das Wohlergehen der Menschen ausgelöst. Sondern sie gewinnen dann an Fahrt, wenn die Ökonomie, die die Sozial-Systeme von Anfang an steuerte, Alarm schlägt. Sind die Kassen leer, wird nicht als Erstes um Pflegebedürftige oder Patienten gebangt, sondern um die Effizienz. Leistungsabbau erscheint dann kaum mehr als Problem, sondern als ökonomischer Ausweg. Das Primat der Ökonomie sorgt dafür, dass über Reformen nicht zuerst empathisch, sondern wirtschaftlich nachgedacht wird.

Selbst, wo der Staat zu regulieren versucht, unterwirft er sich der Dominanz der Ökonomie. im Interview zitiert Stähr die russischstämmige Autorin Ayn Rand, die seit den 1920er Jahren von den USA aus ihre Botschaft in die Welt sandte. Danach stellt das System mit Gewinnern und Verlierern, das an das Primat der Ökonomie gekoppelt ist, kein Problem dar, sondern zeige wie gut der Kapitalismus funktioniere. Wie destruktiv die Sicht auf die Ökonomie als treibende Kraft ist, zeigte sich an den Finanzkrise 2008. In der ökonomischer Egoismus Millionen in Existenznöte schickte. Sie offenbart sich aber auch in Verschärfung einer auf Effizienz bedachten Politik, wie sie in der Agenda 2010 von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder sichtbar wurde.

Wie die Ökonomie zentrale Bilder und Sprache beeinflusst, zeigt auch, welche Rolle Migrant*innen von der Wirtschaft und ihren Experten beigemessen wird. Ungeachtet rassistischer Untertöne werden Migranten vor allem als Fachkräfte und solche, die die Drecksarbeit machen, willkommen geheißen. Also der Effizienz wegen, nicht, weil sie uns kulturell bereichern können. Diese Sicht hat sich bis in linke Kreise vorgefräst. Stähr sieht das Primat der Ökonomie auch beim Thema Klima. Und das nicht von ungefähr. Es gibt Ökonomen wie den Amerikaner William Nordhaus, die die Frage der Erderwärmung vor allem unter einer Kosten-Nutzen-Analyse erörtern. Er war es auch, der etwa den Irakkrieg vor allem wegen seiner ökonomischen Folgen kritisierte.

Kritiker werfen Stähr vor, bei seiner Ökonomie- und ja gleichsam Kulturkritik immer wieder in eine allzu allgemeine Kapitalismuskritik zu fallen. Aber ist das nicht zwangsläufig? Und verweist nicht tatsächlich Sprache auf ein grundsätzliche Dilemma des Kapitalismus? Oder täuscht sie gar? Wie ist das mit dem Preis für Wirtschaftswissenschaften als Preis der Schwedischen Nationalbank in Wirtschaftswissenschaft zur Erinnerung an Alfred Nobel. Er sollte, deswegen der umständliche Titel, nicht als gleichberechtigt unter den Nobel-Preisen vergeben werden. Inzwischen jedoch inszeniert sich die Wirtschaftswissenschaft als Naturwissenschaft unter den Gesellschaftswissenschaften (Stähr). Und sickert auch hier in die Breite der (Welt)Gesellschaft ein.

Ökonomie, Sprache, Kultur – Stähr wird durchaus eine profunde Art und Weise attestiert, Zusammenhänge zu benennen. Ist die Soziale Marktwirtschaft sozial, ließe sich vor diesem Hintergrund und angesichts wachsender sozialpolitischer Verschärfungen fragen. Und ganz profan: Wenn Medien tatsächlich die blödsinnige Formulierung verwenden, wonach ein Unternehmen laut Bilanz Verluste eingefahren hat, man aber nur eine gute Ernte einfahren kann und Verluste erlitten werden – ist das dann nicht schon der Versuch, eben das Negative schönzureden? Mag sein, das klingt banal. Doch vielleicht hat ja Stähr Recht, wenn er meint, Ökonomie sei per se Teil eines akademischen Apparats, der Krisen eher bewirke, als dass er sie verhindere. Und sei es ganz bewusst durch täuschende Terminologien.



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