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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Tatort Reiniger Zwei

Ist irgendein Preisausschreiben an mir vorbeigegangen? Vielleicht vom Weißen Ring (sorry, dass ich Sie derart zynisch erwähne)? Oder handelt es sich um einen KI-gesteuerten Angriff aus dem Kreml auf das ARD-Sonntagabendprogramm? Haben die Privaten was Scharfes beim Lieferservice bestellt, um die Konkurrenz abzufackeln? Oder könnte es um ein Leck oder neudeutsch Leak aus verdeckten Ermittlungen zur Täter-Opfer-Psychologie gehen?
SOS, emergency call! Kann mir jemand helfen?
Ich bin nämlich Abonnent des Freitag. Und finde heute dort zum dritten Mal eine Geschichte über das Für und die Widers zum Tatort.

Erst gab es eine Attacke mit der Forderung, den ja: Tatort abzuschaffen. 56 Jahre mit immer dem gleichen Intro. Dieselbe Musik, dieselbe lila Zielscheibe. Das sei einfach nicht mehr auszuhalten. Schrieb ein gewisser des Sonntagabend-Rituals überdrüssiger Autor namens Carlos Hanke Barajas mal so richtig mutig auf.
Es folgte, quasi auf dem Fuße des Amokläufers Barajas gegen den Tatort die Autorin Maxi Leinkauf. Um den Krimi-Killer, freilich ganz sanft, tot zu machen. Ihr Profil: Wackere Verteidigerin der Serie. Ihre Waffe: Bisschen Stabilität im Alltag müsse ja nichts Schlechtes sein. Barajas damit quasi mausetot auf der Couch?
Und jetzt das: Nennen wir sie die schreibende Profilerin Arabella Wintermayr. Mit der Ansicht oder Einsicht: Mord, Kommissar*in, Leich*in, das sei der Fokus des Bösen aufs Töten. Als Synonym für das Verständnis von Gerechtigkeit und Verantwortung. Da ginge doch ne Menge Böses durch die Lappen.

Weil Wintermayr offenbar argumentativ über Barajas und sowieso über die Maxi hinausreichen möchte, hat sie sich noch was aus der Ökonomie gefischt. Der Tatort, so sagt sie, sei auch deswegen ein Problem, weil er mit seiner Schuld-Individualisierung und Entfernung zu den wirklichen Ungerechtigkeiten der Welt eine fast monopolartige Stellung habe.
Gleich, gleich, gleich, so erlaube ich mir die Wintermayr allerdings sinngemäß wiederzugeben, und das immer auf dem gleichen Sendeplatz, lasse – jetzt wieder Zitat – kaum Platz…für andere Perspektiven.
Etwa für Geschichten, in denen Unrecht nicht als Ausnahme erscheint, sondern als Zustand, als etwas, das nicht mit der Festnahme endet, sondern immer wieder neu verhandelt werden muss.
Der Tatort also als unerlaubtes Monopol.
Ist das was fürs Kartellamt?

Ach, ach, ach, so die Wintermayr, es gäbe so viel Besseres, geschöpft aus kleinen Budgets, das freilich auf abenteuerliche Sendeplätze verbannt würde. Weil Geld und die große Bühne anderweitig vergeben seien. 20:15 Uhr, so ihr trauriges Fazit, da liegt die Leiche.
Mit uns hat’s nichts zu tun.

Nun kann man tatsächlich darüber sinnieren, welchen Verbrechen man welches Gewicht zu welcher Zeit im TV-Krimi-Geschehen gibt. Was nicht ausschließt, dass man zugleich schautt, mit welchen einzelnen Ungeheuerlichkeiten man die vielen anderen Ungeheuerlichkeiten in der freien TV- und echten Wildbahn verweben könnte.
Meines Wissens und Tatort-Schauens wird das auch immer wieder und bisweilen penetrant getan.
Und wenn ich die Serie Revue passieren lasse, dann ergibt sich aus demonstrierter Schuld eines Einzelnen in nicht wenigen Fällen die Schuld vieler. Bisweilen der gesamten Politik und, ach herrje, auch der ganzen großen bunt bis düster schillernden Gesellschaft.

Darum geht es ja aber: den Plot. Auch wenn ich natürlich analytisch längst nicht so weit bin wie die Wintermayr, und wenngleich am Anfang immer irgendwo eine Leiche rumliegen mag. Hin und wieder taucht sie auch erst ein paar Sekunden, manchmal auch Minuten später auf. Manchmal kommen zu erst die Kommissar*innen und dann die Tot*innen. Oder es fahren Autos durch die Nacht. Mit und ohne Blaulicht.
Diesen Plot also stellvertretend für das ganze gesellschaftliche Grauen zu setzen. Pars pro toto, heißt das, glaube ich.

Wenn ich mich nun ernsthaft frage, warum ich drei Mal hintereinander etwas über den Sinn und Zweck (oder deren Abwesenheit) des Tatort lesen soll, muss ich nochmal ganz scharf hinschauen.
Was, welche Spur habe ich, außer natürlich ganz und klar klugen Gedanken des Freitag-Trios, übersehen.
Irgend ein Detail, einen versteckten Hinweis, ein kaum hörbares Geräusch, das ich nicht zuordnen konnte? Etwas, das mich zum Feinsinn dieser Freitag-Sonntags-Krimi-Kommissar*innen führt…muss es doch um des öffentlich-rechtlichen Himmels Willen geben!
Hallo, ist da Lena Odenthal? Ja, ja, hm, ach so, ok, ja, stimmt. Auflösung nächsten Sonntag, nach der Tageschau.
Und wenn nicht dort, dann im Freitag.
Sind Sie auch so gespannt wie ich?
Aber Vorsicht. Es ist wieder Alles gleich, gleich, gleich…





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