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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Angriffe Treffen Synagoge

Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seine Ansicht, der Krieg der USA und Israels gegen den Iran sein völkerrechtswidrig, in Umlauf gebracht hatte, ließen einschlägige Reaktionen nicht lange auf sich warten. Unter denen, die berechenbar Empörung äußerten, fand sich auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. In einem Statement in der Jüdischen Allgemeinen ließ Schuster wissen: Wer dem Krieg gegen das Mullah-Regime leichthin den Stempel ›völkerrechtswidrig‹ verpassen will, ignoriert die Geschichte. Seit 1979 gehöre die Vernichtung Israels zur Staatsdoktrin des Iran. Richtig ist: der Iran als Staat droht(e) unentwegt. Bewaffnete die Hisbollah und die Hamas. Allerdings hatte auch Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu seinen Anteil an der steten Aufrüstung der Hamas. Um die Palästinenser*innen zunehmend politisch zu spalten.

Der Terror ist bekannt: Im Oktober 2023 verübte die Hamas ein verheerendes Massaker an israelischen Zivilisten. Darauf folgte der Krieg Israels gegen die Palästinenser*innen in Gaza. Mit zigtausend Toten und der kompletten Zerstörung des Lebensraums der Palästinenser*innen in dem Küstenstreifen. Was nach Lesart der rechtsgerichteten israelischen Regierung als Schlag gegen die Extremisten der Hamas ausgegeben wurde und begann, mündete in kurzer Zeit in einen Vernichtungsfeldzug gegen die Palästinenser*innen, den die israelischen Siedler*innen im Westjordanland fortsetzen. Für Netanyahu und seine Entourage nur ein Auftakt. Der Krieg Israels gegen den Iran soll nicht nur das Existenzrecht Israels sichern. Er ist auch Ausdruck israelischen Hegemonialstrebens im Nahen Osten. Was mit den Palästinenser*innen wird, ist Netanyahu ebenso egal wie ihm innenpolitische Vorwürfe gegen ihn sind.

Wie egal ihm im Zweifel offenbar auch Diaspora-Jüdinnen und -Juden sind, machen Berichte deutlich, wonach die israelische Armee bei ihren Angriffen auf das Mullah-Regime ein jüdisches Gotteshaus in Teheran in Schutt und Asche gelegt hat. Es wurde laut dem iranischen Medium Shargh im 20. Jahrhundert erbaut und vor allem von Jüdinnen und Juden aus dem Nordosten des Landes genutzt. In Teheran gebe es Synagogen, die teils mehrere hundert Jahre alt seien. Die meisten Jüdinnen und Juden hatten nach der iranischen Revolution 1979 den Iran verlassen. Laut der israelischen Nachrichtenseite ynet lebt im Iran aber weiter die größte jüdische Gemeinde außerhalb Israels in der Region. Es soll sich um tausende Menschen jüdischen Glaubens handeln. Ihnen wie anderen nicht-schiitischen Religionen gesteht die Verfassung die Rolle einer „Minderheitsreligion“ zu – und Sitze im Parlament.

Laut der jemenitischen Agentur Saba nutzte der Sprecher des iranischen Außenministeriums den Angriff auf die Synagoge Rafi Nia in Teheran zu einer allgemeinen Verurteilung der Angriffe auf kulturelle Einrichtungen und die Infrastruktur des Landes. Er habe von einem abscheulichen Verbrechen gesprochen. Und in einem Post auf der Plattform X angemerkt, dass die Synagoge von einem Regime angegriffen worden sei, das fälschlicherweise behauptet, das jüdische Volk zu vertreten. Bei dem Angriff seien auch Torarollen geschändet worden. Nun ist es wohlfeil, sich als Iran schützend vor Jüdinnen und Juden zu stellen, aber dem Staat Israel das Existenzrecht abzusprechen und diesen Staat in seinen Grundfesten zu bedrohen. Das ändert allerdings nichts daran, dass bei den Angriffen gegen den Iran offenbar auch jüdische Einrichtungen und damit die Kultur von Jüdinnen und Juden getroffen werden.

Durch unabhängige Quellen verifiziert sind der Angriff auf die Synagoge und ihre weitgehende Zerstörung bislang nicht. Bilder, die der arabische Sender Aljazeera ausstrahlte, laut dem Sender von iranischen Oppositionellen in Umlauf gebracht, sollen Vertreter der jüdischen Gemeinde vor Ort zeigen. In einem Video, das der iranische Sender Irib auf Telegram veröffentlichte, kommen der Rabbiner Hamami Lalehzar und Homayoun Sameh, der jüdische Vertreter im iranischen Parlament, zu Wort: Die Synagoge sei komplett zerstört worden, mitsamt den Torarollen, die sich unter dem Schutt befunden hätten. Das zionistische Regime, so mit Blick auf Israel, kenne keine Gnade mit der jüdischen Community während der jüdischen Feiertage. Die „Feiertage“ sind Anspielung auf das Pessach-Fest, das Anfang April, in der Woche des Angriffs, auch von Jüdinnen und Juden im Iran begangen wurde.

Zu dem Angriff der israelischen Armee auf Synagogen im Iran hat der jüdische Zentralratspräsident Schuster bislang noch kein Wort verloren. In der Jüdischen Allgemeinen nur eine dpa-Meldung. Kein Kommentar dazu, dass es der israelischen Regierung anscheinend nicht sonderlich wichtig ist, wenn ihre Bombardements jüdische Einrichtungen im Iran treffen. Ebenso wenig wie es bei dem Vorstoß Israels, gemeinsam mit den US-Amerikanern, darum geht, die Opposition im Iran gegen das Mullah-Regime zu stärken und auf sie Rücksicht zu nehmen, wird auf Jüdinnen und Juden Rücksicht genommen. Dem Versuch unter Missachtung des Völkerrechts Israels Macht im Nahen Osten auszubauen und zugleich die Katastrophe in Gaza aus dem Blick der internationalen Gemeinschaft zu rücken, wird alles untergeordnet. Es steht hier eben keineswegs bloß der berechtigte Schutz der Existenz Israels auf der Agenda.

Wenn also von Antisemitismus oder vielfach auch von israelbezogenem Antisemitismus die Rede ist, dann sollten sich Israels Regierung und ihre institutionellen Satelliten im Ausland bisweilen an die eigene Nase fassen. Und darüber nachdenken, inwieweit ihr Eintreten für die jüdische Kultur tatsächlich grenzenlos gilt. Ob man das unhinterfragt sehen kann, wenn so genannte Kollateralschäden, auch wenn sie Jüdinnen und Juden betreffen, in Kauf genommen werden. Der Bruch des Völkerrechts, von dem Steinmeier sprach, trifft im Iran weniger das weiterhin bestehende Mullah-Regime, sondern vor allem die Bevölkerung, auch die jüdische. Die jetzt doppelt Angst haben muss. Davor, dass das Regime in Teheran sie als Geiseln für die Angriffe Israels und der USA nimmt, foltert und mordet. Und davor, dass Israel im Zweifel nicht so genau hinschaut. Verlogenheit ist anscheinend nahezu überall zuhause.






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