ArtsAndSocials

Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Kanonen Auf Spatzen

Achtung, ich bin ein alter weißer Mann.Unter diesen Vorbehalt muss – das ist Ehren- oder Unehrensache – alles gestellt werden, was jetzt kommt. Und was kommt? Allem voran die Forderung der Autorin Elke Heidenreich, die ARD-Sendung Druckfrisch doch bitte schleunigst einzustellen. Ihre schreibende Kollegin Ildikó von Kürthy geht, zumindest Berichten nach, nicht ganz so weit. Und belässt es bei dem Vorwurf der Frauenfeindlichkeit. Andere Autorinnen, deren Werke in der Sendung von Dennis Scheck mit zugegeben nicht zimperliche Sprache verrissen wurden, beschweren sich ebenfalls. Unter ihnen etwa Sophie Passmann. Die Scheck nichts Geringeres als Sexismus vorwirft. Nun muss man DEN Kritiker nicht unbedingt unter Naturschutz stellen. Autoren und Autorinnen aber auch nicht. Wer austeilt, so das Sprichwort, muss auch einstecken können. Die Frage ist freilich: Was soll Buchkritik können dürfen. Und wo hört der Spaß eventuell auf?

Vielleicht ist es ja das durchaus populistische Wesen des Formats im Ersten, das geradezu geschaffen ist für eine kämpferische Gegenwehr. Denn natürlich ist es dramaturgisch heikel, Bücher, die aus Schecks Sicht nicht taugen, via Rollbahn quasi auf den Müll zu befördern. Mal abgesehen davon, dass dieses Bild mit Blick auf deutsche Geschichte an sich nicht sonderlich passend ist. Doch Scheck ist beileibe nicht der Pionier streitbarer Buchbesprechung. Schon Marcel Reich-Ranicki wusste, wie man Autor*innen und ihre Bücher verbal, bisweilen einigermaßen unhöflich und, so meine Erinnerung, ebenfalls nicht unbedingt geschlechtsneutral in die Tonne tritt. Insofern kann man einem allgemeinen ÖRR-bashing, das in interessierten Kreisen ja gerade en vogue ist, in diesem Fall nichts wirklich Neues abgewinnen. Es heizt freilich eine Debatte an, die sich stets je nach Schlachtordnung neue Objekte ihrer Begierde sucht. Jetzt also Druckfrisch.

Zunächst, wer Druckfrisch eher weniger frequentiert: Der Delinquent. Scheck als Kostprobe gewissermaßen. Heidenreichs Buch mit dem Titel Altern hatte er mit der Bemerkung bedacht, es sei gedanklich flach und es mit einem ungenießbaren Christstollen verglichen. Passmanns Werk Wie kann sie nur liege in einer intellektuellen Desasterzone. Nichts weiter als Wasserstandsmeldungen aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins. Zum Kürthy-Buch Alt Genug bemerkte Scheck knapp: Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit. Das klingt nicht fein. Und wirkt auf Kritiker des Kritikers vielleicht umso respektloser, als die derart Runtergeputzten auf der Spiegel-Bestsellerliste standen oder stehen. Nun ist dort, soviel sei verraten, auch Männerautorenkram zu finden, der allein schon lustige Titel hat. Aktuell etwa Peter Hahne mit der selbstrefenziellen Frage auf dem leuchtenden Cover: Warum macht ihr uns kaputt?

Es scheint mir – abgesehen von Scheck, der ja, wenn schon Kritik, dann muss man sagen ebenfalls zum Schnattern, nur halt auf dem Herren-Pissoir neigt – ohnedies nicht sonderlich tragfähig, Literatur-Messen im TV zu platzieren. Wer sich dann nur Spiegel-Bestsellerlisten vornimmt, begibt sich vor allem auf sehr marktgesteuerte Reise. Die vielfach mit guter, aber ebenso vielfach mit schlechter Literatur verknüpft ist. Denn das haben Bestsellerlisten so an sich: Oben im Ranking steht vor allem, was gut läuft. Das hat nicht per se mit qualifizierter Autorschaft zu tun. Egal, ob es sich um Belletristrik oder Sachbuch handelt. Manchmal reicht billiger Promi-Duft. Nicht ohne Grund ist es literarisch hochkarätigen Erzählern passiert, dass sie erst reihenweise von Verlagen abgeschmettert wurden, bis dann einer zugriff und das Buch das werden ließ, was es wert war: Ein vielbeachtetes, hochfeines Werk, von dem der Autor/die Autorin am Ende sogar eine ganze Zeit lang leben konnte.

Schecks Kritikerinnen teilen nun ebenfalls aus. Kürhty findet, es handele sich um einen bitterbösen, engagierten, seltsamen Mann, der sich selbst aber, auch die Bücher so wichtig nahm, dass es ihm völlig egal schien, wie viele Feinde er sich mit seiner oft grobschlächtigen Art der Kritik machte, so im Südkurier zu lesen. Sie würde sich mit Scheck, der ihr nie gefallen habe, lieber wieder siezen. Autorin Heidenreich meint, Kritik dürfe sein. Aber verdammt noch mal nicht vom hohen Ross herunter, ein Ross, das zudem sehr viel höher ist als das Männlein, das drauf sitzt. Zur ARD: Um Mitternacht vom Teleprompter abgelesene Bosheiten bewirken gar nichts. Im Guten nicht, im Schlechten nicht, dass die ARD so was seit Jahren finanziert, ist so sinn- wie stillos. Sophie Passmann findet, dass Scheck Bücher von Frauen, die von weiblichen Lebensthemen handelten, mit Arroganz und Herablassung begegne. Sie habe der Scheck-Verriss sehr beschäftigt. Ihr Urteil: sehr sexistisch.

Dennis Scheck meint, sich beim Talk über Spiegel-Bestsellerlisten auf engstem Raum um eine ebenso pointierte wie nachvollziehbare Bewertung höchst unterschiedlicher Texte zu bemühen. Dabei gelte seine Besprechung stets den Werken, nicht aber ihren Urhebern oder Lesern. Nun, da sollte Scheck mal in einen richtigen Spiegel, etwa im Badezimmer schauen. So einfach kann er sich nicht aus der Affäre ziehen. Auch nicht unter Hinweis, dass er zuletzt vier Bücher von Frauen teils enthusiastisch gelobt, drei negativ besprochen habe, wie er dem Südkurier versichert. Auf der anderen Seite: Wird da vielleicht auch mit Kanonen auf einen Spatz geschossen? Wäre ich Autor, würde es mich mehr anfassen, wenn mich das FAZ-Feuilleton vornehm zerfetzt, als wenn Herr Scheck im Schnelldurchgang parliert. Der Literaturbetrieb war noch nie was für fragile Seelen. Und die Spiegel-Bestsellerliste täuscht bisweilen ohnehin über literarische Bedeutung.

Ich könnte mir, deswegen mein Entree, vorstellen, dass es hin und wieder auch die Diskrepanz zwischen Bestseller-Status und Literaturkritik an sich ist, die hier spaltet. Wer einmal Ruhm riecht oder gerochen hat, der/die fühlt sich von Küchen-Kritikern wie Dennis Scheck ungerecht behandelt. Und holt, wie Elke Heidenreich, zum unkontrollierten Gegenschlag aus. Scheck verbieten! Ok, wenn man die Debatte um Thilo Mischke und seinen Fast-Moderatoren-Job bei Titel, Thesen, Temperamente (ebenfalls Kultur am späten Sonntagabend) verfolgt hat, könnte man dazu neigen, auch hier jemanden zu Fall zu bringen. Die Vorwürfe gegen Mischke waren ja ähnliche. Und selbst die schlechtesten und banalsten Bücher rechtfertigen es nicht, mit Häme und Dreck nach Autorinnen zu werfen. Da bewegt sich Scheck im Grenzbereich, ein Freund von mir sieht ihn drüber. Meine Meinung: Hier trifft schlechter Stil schlechten Stil. Kein Patt. Aber auch keine Gewinner.



Hinterlasse einen Kommentar