Man kann auf der Bestsellerlisten wie der des Spiegel neben guter Literatur auch eine Menge Lit-Ramsch finden. Die Tatsache, ob denn ein Autor oder eine Autorin, der/die dort gerankt wird, auch lesenswerte Bücher schreibt, ist mit seinem oder ihrem Namen auf einer dieser Listen nicht beantwortet. Die Liste ist Ausdruck von Verkaufszahlen und nicht per se Ausdruck literarischer Qualität. Bücher, die sich gut verkaufen, landen auf Bestsellerlisten. Wer auf Bestsellerlisten landet, steigert seine Verkaufsraten. Bereits 1895 rief die amerikanische Literaturzeitschrift The Bookman eine erste solcher Listen ins Leben, wie bei wikipedia nachzulesen ist. Der Buchhandel, heißt es dort, begann mit der aktiven Steuerung des Buchmarkts. Werke eroberten mit gezieltem Marketing eine breite Leserschaft. Qualität war nicht höchster Maßstab, Quantität wurde freilich plötzlich mit Qualität gleichgesetzt.
Vermutlich ist das das große Missverständnis, das seitdem herrscht. Und das möglicherweise ein Grund sein könnte, weshalb sich Autor*innen bisweilen darüber aufregen, von der Kritik niedergemacht zu werden – wo sie doch weit oben auf einer der Bestsellerlisten stehen. Man kann sich, wie kürzlich drei Autorinnen aus der, ich sage mal: weniger tierschürfenden Sachbuch-Abteilung mit Angriffen wie sexistisch und frauenfeindlich darüber echauffieren, dass Kritiker wie Denis Scheck und sein populistisches Bestsellerlisten-Watching Druckfrisch (ARD) nicht selten verbal unter die Gürtellinie rutschen. Gerade jemand wie Scheck, der Niveau zu schätzen vorgibt, könnte da mal intensiv in sich gehen. Schelte gegen ihn sollte freilich nicht umgekehrt Autor*innen literarisch heilig sprechen – und schon gar nicht Bestsellerlisten. Und schon ganz und gar überhaupt nicht die Spiegel-Bestsellerliste.
Das wird dieser Tage nochmal um so augenscheinlicher, als zu lesen war, dass auch ein Buch des rechten Ideologen-„Journalisten“ Julian Reichelt auf der Spiegel-Bestsellerliste (Abteilung Sachbuch Paperback) stand (noch steht). Links-Deutsch / Deutsch-Links, so die Schöpfung aus dem Hause des Nius-Apologeten, dem selbst die Bild zu links ist. Bei Amazon, so der Berliner Tagesspiegel, sei das Machwerk in der Rubrik Politische Bildung zu finden. In Zeiten, in denen Irre allerorten von der Leine gelassen werden, mag das niemanden hinterm Ofen vorlocken. Dass man mit Rechtsaußen Geschäfte machen kann, ist bekannt. Dass denen, die hinter der Bestseller-Liste stecken, offenbar jeglicher politischer Anstand fehlt, zeigt, wie eng verwoben das Wirtschaftliche mit dem schier Unerträglichen ist. Neulich schrieb ich vom unbedingten Diktat der Ökonomie: Da haben wir es! Geht’s eigentlich noch?
Autor*innen, die sich dem Reichelt-Projekt widmeten, gab es laut dem Bericht des Tagesspiegel reichlich. Wolfgang Kubicki, der jetzt FDP-Chef werden will, aber vergessen hat, dass die Partei längst mausetot ist. Harald Martenstein, Politkonvertit der letzten Stunde, dem es gar nicht rechts genug sein kann, Hauptsache sein Namen steht irgendwo. Gott bewahre: Auch Gloria von Thurn und Taxis, die wo immer es geht, rechten Populismus zu adeln versucht. Und, last but not least, der ehemalige ARD-Sportreporter Waldemar Hartmann, vom Weißbier-Waldi zum dauerempörten Wutbürger mutiert, so der Tagesspiegel. Klar auch, dass die Öffentlich-Rechtlichen gebasht, der Straftatbestand der Volksverhetzung gegeißelt und das Ende der Brandmauer zur AfD gefordert werden, wie es heißt. Das bitter-ironische Urteil des Tagesspiegel-Autors: eine erstklassige Geschäftsidee.
In einem YouTube-Video erklärt eine junge Dame, die – so eine kluge Frau in meiner Umgebung – ausschaut wie ein MAGA-Abziehbild, wie ein Buch auf eine der Bestsellerlisten kommt. Man muss es sich nicht anhören. Zu erfahren ist im Netz, dass eine Medien-Agentur bei rund 6500 Verkaufsstellen (inklusive online-shops) im deutschsprachigen Raum Verkaufsdaten erfasse. Entscheidend seien hohe Verkaufszahlen in kurzer Zeit. Betreffend Original- oder deutsche Erstausgaben. Bildbände, Comics oder etwa Kochbücher stünden außen vor. Es gehe um Belletristik oder Sachbuch. UND: Um eine individuell-eigenschöpferische Leistung. Was bedeutet: Am Ende müssen Autor*innen (und Verlage) im Zweifel den Kopf für ihre Bücher hinhalten. Markt und Qualität können also schlimmstenfalls unangenehm aufeinandertreffen. Für Literatur-Kritiker*innen ist das dann ein gefundenes Fressen.
Nun werden sich viele Autor*innen zuversichtlich und von sich selbst eingenommen die Frage stellen: Wie komme ich auf die Bestsellerliste? Man könnte sich angesichts fragwürdiger Listennachbarschaften aber gern auch mal die Frage stellen: Wie komme ich da wieder runter? In der Rubrik Belletristik ist der Blick über die literarische Hecke meist einigermaßen unverfänglich; auch dort gibt es allerdings gute, bessere und schlechtere Literatur. Beim Sachbuch kann das drüber oder drunter (stehen auf der Liste) schon hin und wieder schmerzen. Wer etwa im direkten Umfeld des Nius-Werks von Reichelt steht oder von Peter Hahnes Erkenntnis-Schwall Warum macht ihr uns kaputt (beworben im rechten Junge Freiheit Buchdienst) steht, darf sich freilich bedanken. Denn so sehr verengen lässt sich Aufmerksamkeit nicht, dass man der Nähe entkäme. Das kann dann schon die Seele schütteln.
Die Bestsellerlisten sind also maximal Segen und Fluch zugleich. Für mehr oder weniger versierte Kund*innen können sie Hilfe oder Ansporn sein. Man könnte aber auch ausführliche/re) Rezensionen lesen. Die sind zwar allemal subjektiv und haben nicht nichts mit Markt und Listen zu tun. Doch sie kommen wenigstens meist nicht daher wie billige Reklame. Wenn sie sich einem bestimmten Geiste beugen, so wird das schnell erkennbar. Wo die Bestsellerlisten und damit der Markt den Takt vorgeben, sind nunmal die Denis Schecks nicht weit. Das ist keine Verteidigung, sondern verknüpft banale Realitäten. Wenn es denn also eine kohärente Forderung gäbe, dann diese: Aus für Denis Scheck, weg mit der Spiegel-Bestsellerliste! Hierfür bedürfte es, sich von Markthaien zu trennen und dem zwangsweisen Drama von Liebe, Hass und Geld konsequent zu entsagen. Nur wer verlegt dann noch?

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