ArtsAndSocials

Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Monopol Ohne Gaza

Dieser Tage blätterte ich gedankenversunken im extra für die Biennale in Venedig herausgegebenen Sonderheft Monopol, dem Magazin für Kunst und Leben. Das tue ich öfter. Nachträglich schauen, was mir ein Ereignis hätte bescheren und sagen können. Um im ungünstigsten Falle mir gegenüber einräumen zu müssen, dass ich Wichtiges übersehen habe. Oder mir erst im Nachhinein nochmal den tieferen Sinn der ein oder anderen Zurschaustellung nahezubringen. Dieses Mal kann ich froh sein, neben den Besuchen der Musts meinen eigenen Intuitionen gefolgt zu sein. So fand ich etwa den Weg in den Palazzo Mora, wo unter dem Titel Gaza – No Words – See the Exhibit zu sehen war (und ist), was der Krieg, den die israelische Regierung bis heute als Feldzug gegen die terroristische Hamas gegen alle Palästinenser:innen führt, angerichtet hat und anrichtet. Im MonopolSonderheft (5/26) davon kein Wort.

Obschon auch diese 61. Biennale von der Auseinandersetzung um Israels Krieg in Gaza (und anderen Palästinenser-Gebieten im Westjordanland) begleitet war und ist, ist die Ausstellung im Palazzo Mora Monopol keinen Satz wert. Die Jury für die Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen wollte in diesem Jahr keine Künstler:innen aus Staaten berücksichtigen, deren Regierungen und/oder Staatschefs vom Internationalen Strafgerichtshof mit internationalem Haftbefehl belegt sind – was neben Russland auch Israel betrifft. Und trat im Konflikt darüber geschlossen zurück. Auch das wäre zumindest mittelbarer Grund gewesen, der Ausstellung über Gaza Platz im MonopolSonderheft zu widmen. Dass dies nicht geschah, ist bedauerlich. Mehr noch: Ich sehe darin einen eklataten Mangel an publizistischer Courage. Wer dies übertrieben findet, sollte sich die deutsche Medienlandschaft zu Gemüte führen.

Faisal Saleh heißt der Kurator, an dessen Familie sich der leidvolle Weg der Palästinenser:innen bis in die Gegenwart nachvollziehen lässt, der im Palazzo Mora eine eindrucksvolle wie bedrückende künstlerische Darstellung der Geschichte und der Folgen des Krieges möglich gemacht hat. Frauen aus Flüchtlingslagern im Libanon, dem Westjordanland und Jordanien hielten Szenen daraus in aufwändigen Stickereien fest, die aus der Distanz fotografisch anmuten – und aus der Nähe die immense Anstrengung und Last spüren lassen, mit der sich Kunst und Realität verbinden. Saleh, der in Ramallah aufwuchs, ging vor 50 Jahren in die USA, wurde erfolgreicher Geschäftsmann und ist Gründer des Palestine Museum US (Woodbridge/Connecticut). Dem +972-Online-Magazine erzählte er, wie die Ausstellung über das entstand, was er, mittlerweile Mitte 70, unumwunden einen Genozid nennt.

Dass er nicht Fotografien zeigen wollte, hat, wie er sagt, damit zu tun, dass Menschen die erschütternden Bilder von Social-Media-Plattformen kennen würden. Ein Foto, so Faisal, zeige auf den ersten Blick direkt und offen, was zu sehen ist. Eine Stickerei dagegen bestehe aus jeweils unzähligen Stichen. Der Betrachter könne sich, immer mehr heranrückend, langsam der horrenden Wirklichkeit nähern. Zweieinhalb Monate säße eine Frau an einer dieser Stickereien. Eine Arbeit, die noch einmal langsam Geschichte nachzeichnet. Und diese um so greifbarer macht. Zwölf Jahre würde es dauern, um 100 dieser Kunststücke nach und nach herzustellen. Er, Faisal, wollte mit der Ausstellung in Venedig gleichsam die Dringlichkeit des Gaza-Schreckens deutlich machen. Ein Jahr nur brauchten die Künstler:innen, um zu zeigen, wie es um das „Schicksal“ der Palästinenser:innen bestellt ist.

https://www.instagram.com/reels/DZANgPsxYNR

Wem die kunstvollen wie eindrücklichen Stickereien nicht nah genug gingen, der konnte sich – dann doch – Videos anschauen. Auf einem Screen, der jedenfalls größer war als der, auf dem ich zuhause Bewegtbilder von Kriegen und deren Ausmaßen und Folgen für gewöhnlich betrachte. Zu sehen waren Aufnahmen von Gaza aus der Luft. Ein Trümmerfeld. Und in den Trümmern Menschen, die nicht wissen, wie sie die nächsten Stunden, Tage, Wochen. Monate überleben können. Wenn überhaupt. Bilder, die nichts, rein gar nichts an Rechtfertigung rechtfertigen, die Israels Regierung nach dem verheerenden und ebenfalls durch nichts zu rechtfertigenden Massaker der Hamas an Bürgern Israels anführt. Man braucht nicht über Begriffe streiten, um dieses Unbegreifliche zu verurteilen. Es gibt nichts, nicht mal Terror, der diesen Terror beschönigen oder entschuldigen könnte.

Um so unbegreiflicher ist es, wie ein Magazin für Kunst und Leben, diese Kunst vom Ende allen Lebens in einem Sonderheft zur 61. Biennale aussparen kann. Wie es sich auf diese Weise über den Kern des Konflikts, über den die Jury der größten Kunst-Schau der Welt fassungslos ihre Rolle hinwarf, aus der Affäre ziehen konnte (kann). Auf einem Button, der die Printausgabe des Heftes „ziert“, wird auf die wichtigsten Künstler, Events und Ausstellungen hingewiesen – im Heft dann werden die Frauen, die mit ihren Stickereien auf das weiter schwelende Palästina-Drama hinweisen, vergessen. Wie textete gerade der Tagesspiegel in Berlin: Gaza – Im Toten Winkel der Weltpolitik. In dem nach und nach der Lebenraum für Palästinenser schwinde. Das Sonderheft von Monopol zur diesjährigen Biennale in Venedig trägt erschreckend dazu bei. Die verantwortlichen Macher des Kultur-Magazins sollten sich schämen. Mindestens!

Vielleicht ist ja die Stickerei-Kunst, die im Pallazo Mora in Venedig zu Gaza und den Palästinenser:innen zu sehen ist, zu filigran (wobei filigrane Kunst in Venedig durchaus zu sehen ist) oder zu folkloristisch (auch das angesichts der sonstigen Kunst auf der Biennale nicht außergewöhnlich) – zu wenig bombastisch? Obschon sich hinter den Stickereien im wahren Wortsinn Bombastisches verbirgt. Das auf Jahrzehnte nachwirkt. Und für Generationen von Palästinenser:innen ein Dasein voller Traumata bedeutet. Die selbst, wenn irgendwelche Pläne zur Befriedung des Konfliktes, die freilich bislang nicht erkennbar sind, umgesetzt werden sollten, nicht verschwinden werden. Faisal Saleh hat ob seiner Geschichte, die ihn aus dem Westjordanland in die USA führte, die Palästinenser:innen in seiner Heimat nicht vergessen. Kunst-Magazine scheinen dagegen wenig aufmerksam. Das ist äußerst betrüblich.



3 Antworten zu „Monopol Ohne Gaza“

  1. Kunst darf Zeugnis ablegen – aber publizistische Kritik braucht dieselbe Genauigkeit wie historische Erinnerung

    Sehr geehrter Herr Mijic,

    Ihr Plädoyer dafür, das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza auch in der Kunst sichtbar zu machen, verdient Zustimmung. Die Ausstellung „Gaza – No Words – See the Exhibit“ existiert tatsächlich als offizielles Begleitprojekt der Biennale Arte 2026 im Palazzo Mora; sie präsentiert 100 handgestickte Tafeln palästinensischer Stickerinnen aus Palästina, Flüchtlingslagern und der Diaspora. (La Biennale di Venezia⁠) Gerade weil Kunst Erinnerung bewahren kann, sollte sie gesehen und diskutiert werden.

    Allerdings sollte auch eine kulturjournalistische Kritik zwischen Tatsache, Interpretation und juristischer Bewertung unterscheiden.

    Der Internationale Strafgerichtshof hat gegen Benjamin Netanyahu und Yoav Gallant Haftbefehle erlassen. Das ist eine rechtsstaatlich erhebliche Tatsache – aber ein Haftbefehl ist keine Verurteilung. Der IStGH nennt gegen Netanyahu Vorwürfe von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit; über individuelle strafrechtliche Schuld entscheidet erst ein entsprechendes Verfahren. (International Criminal Court⁠)

    Ebenso ist die Bezeichnung des Gaza-Krieges als „Genozid“ derzeit keine rechtskräftige Feststellung des Internationalen Gerichtshofs. Der IGH hat im Verfahren Südafrika gegen Israel vorläufige Maßnahmen angeordnet, die für Israel verbindlich sind; das Hauptverfahren über die Genozidvorwürfe ist davon zu unterscheiden. (Internationale Gerichtshof⁠)

    Und gerade deshalb sollte man die moralische Klarheit des Beitrags nicht durch eine sprachliche Einseitigkeit schwächen: Der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 war ebenso wenig zu rechtfertigen wie die Misshandlung und Tötung palästinensischer Zivilisten. Das humanitäre Völkerrecht kennt keine mathematische Kompensation des Leidens: 1.000 zivile Opfer auf der einen Seite machen 1.000 zivile Opfer auf der anderen Seite nicht zulässig – und umgekehrt.

    Man könnte es ethisch sogar einfacher formulieren:

    Unrecht₁ + Unrecht₂ ≠ Gerechtigkeit.

    Eine Kunstzeitschrift muss deshalb weder israelische noch palästinensische Narrative übernehmen. Ihre Aufgabe sollte sein, sichtbar zu machen, zu kontextualisieren und Widersprüche auszuhalten.

    Wenn Monopol die Ausstellung tatsächlich nicht erwähnt hat, kann man diese redaktionelle Entscheidung kritisieren. Aber die stärkere Kritik wäre nicht: „Ihr müsst meine politische Bewertung teilen.“ Sie wäre:

    Warum sollte eine offiziell anerkannte Biennale-Begleitausstellung über die Zerstörung und das Leid in Gaza in einem Sonderheft über die Biennale unsichtbar bleiben?

    Das ist eine legitime Frage an kulturellen Journalismus.

    Gleichzeitig sollte dieselbe publizistische Courage auch israelische Opfer, den Terror der Hamas, jüdische Traumata und die Sicherheitsbedürfnisse Israels sichtbar machen. Erinnerung ist kein Nullsummenspiel. Wer nur eine Seite erinnert, riskiert, aus Gedenken ein politisches Instrument zu machen.

    Die eigentliche Aufgabe der Kunst ist anspruchsvoller: Sie muss das menschliche Leid zeigen, ohne den Menschen auf sein nationales Kollektiv zu reduzieren.

    Vielleicht liegt darin sogar die tiefste Bedeutung des Titels „No Words“: Manche Bilder entziehen sich der politischen Rhetorik. Aber gerade dann müssen unsere Worte danach umso präziser sein.

    Gaza braucht Erinnerung. Israel braucht Erinnerung. Die Opfer brauchen Erinnerung. Und die Wahrheit braucht die Freiheit, keiner politischen Seite vollständig zu gehören.

    „Mit Unterstützung von ChatGPT erstellt und redaktionell überprüft.“

    Like

    1. …sehr geehrter Herr Gamma,

      dank für Ihr Feedback.
      In meinem Beitrag, das nur der „Ordnung“ halber, gebraucht der Kurator der Gaza-Ausstellung in Venedig den Begriff „Genozid“, nicht ich.
      Dessen ungeachtet gibt es viele israelische Wissenschaftler, Autoren und andere Intellektuelle wie etwa den von mir sehr geschätzte Schriftsteller David Grossmann, die längst davon überzeugt sind, dass für das Vorgehen der israelischen Regierung im Gazastreifen der Begriff „Genozid“ durchaus zutreffend ist.
      Da sowohl die rechte Regierung Netanyahu wie etwa auch ihr Verbündeter, die USA, auf internationale Institutionen wie die UN und den IStGH pfeifen und ihnen deren Positionen resp. juristischen Expertisen und Schritte am Allerwertesten vorbeigehen, sind Hinweise auf deren Urteilshoheit überflüssig.
      Man darf allerdings hoffen, dass sich das Gros der Weltgemeinschaft ggf an ergehende Urteile hält. In Sachen Haftbefehl gegen Netanyahu gibt es da allerdings eher missachtende Zurückhaltung. Was zeigt, dass sich die israelische Regierung auch hier erfolgreich über internationales (universelles) Recht stellt.
      Das freilich spricht Bände – und zwar keine, die die Welt beruhigen könnten.

      Mit freundlichen Grüßen

      Like

      1. Sehr geehrter Herr Mijic,

        vielen Dank für Ihre Klarstellung. Dass Sie den Begriff „Genozid“ im ursprünglichen Beitrag lediglich als Zitat des Kurators verwendet haben, ist damit eindeutig. Ebenso ist es eine belegbare Tatsache, dass David Grossman diesen Begriff selbst verwendet hat – ausdrücklich „mit gebrochenem Herzen“. (la Repubblica⁠)

        Gerade deshalb scheint mir jedoch eine juristische Differenzierung wichtig. Dass Wissenschaftler, Schriftsteller oder Menschenrechtsorganisationen den Begriff „Genozid“ verwenden, besitzt erhebliches moralisches und politisches Gewicht, ersetzt aber kein rechtskräftiges Urteil eines zuständigen Gerichts. Nach der Genozidkonvention setzt der Begriff insbesondere die spezifische Vernichtungsabsicht voraus. Das ist eine wesentlich höhere juristische Schwelle als die Feststellung schwerster Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder rechtswidriger Kriegführung.

        Auch beim IStGH sollte man präzise bleiben: Der Haftbefehl gegen Benjamin Netanyahu ist ein gerichtlicher Schritt im Rahmen eines Strafverfahrens, aber keine Verurteilung und kein Schuldspruch. Der IStGH selbst unterscheidet ausdrücklich zwischen einem Haftbefehl und einer späteren Feststellung strafrechtlicher Verantwortlichkeit. (International Criminal Court⁠)

        Ihre grundsätzliche Sorge über die Missachtung internationaler Institutionen teile ich allerdings: Das internationale Recht kann nur dann eine Friedensordnung sein, wenn seine Regeln nicht nach Freund und Feind unterschiedlich angewandt werden. Genau hier liegt das eigentliche Problem. Rechtsstaatlichkeit bedeutet nicht, dass man ein Urteil akzeptiert, weil es politisch gefällt, sondern dass dieselben rechtlichen Maßstäbe gegenüber Israel, Palästina, Russland, den USA und allen anderen Staaten gelten.

        Mathematisch gesprochen: Wenn dieselbe Regel für A gilt, aber für B nicht, ist das kein Rechtssystem mit einer einheitlichen Norm, sondern eine Funktion mit unterschiedlichen Parametern. Politisch erzeugt diese Inkonsistenz Misstrauen; ethisch zerstört sie Glaubwürdigkeit.

        Deshalb sollten wir weder den Begriff „Genozid“ leichtfertig verwenden noch ihn aus politischen Gründen tabuisieren. Die einzig verantwortbare Position ist: Beweise prüfen, Rechtsbegriffe sauber unterscheiden, Gerichtsentscheidungen abwarten und jedes Opfer – israelisches wie palästinensisches – als Menschen und nicht als bloße Zahl behandeln.

        Mit freundlichen Grüßen
        Hans Gamma

        Like

Hinterlasse einen Kommentar