Hätte Bundeskanzler Friedrich Merz einen Wunsch frei, er ginge vermutlich sich selbst über Alles. Über den politischen Gegner (wobei man nicht weiß: sind es nur die Linken, ist es noch die AfD?) eh, über den politischen Bündnispartner, ob aktuell (SPD) oder potenziell (u.a. die Grünen) im Zweifel auch, über das Land und seine Menschen sozialpolitisch sowieso. Am ehesten ist Merz sein Selbstbewusstsein zu teilen bereit, wenn es um Interessen außerhalb deutscher Landesgrenzen geht. Um die Ukraine – dann werden Milliarden geteilt – , um jüngste Verabredungen mit Frankreich zum bekämpften Verbrenner-Aus, um Israel (dem am Jahrestag des Massakers der Hamas erspart wurde, sich zu den Verbrechen in Gaza rechtfertigen zu müssen). Aber ist das überhaupt Selbstbewusstsein? Oder tatsächlich nicht das Gegenteil? Es ist jedenfalls auffällig, dass sich Merz lieber verschanzt, wenn es brenzlig wird. Er hat eine Brandmauer zwischen sich und allen anderen gezogen.
Er hat diese Brandmauer soweit hochgezogen, dass er selbst mit gestreckten Körper nicht über sie hinwegsehen kann. Auf die bröckelnden Umfragwerte für seine Politik, seine Partei und nicht zuletzt seine Person etwa. Jeder andere, dem Zuhause in der Familie derartiges Misstrauen entgegenschlüge, würde eine Therapie erwägen oder freiwilllig seine Koffer packen, bevor er vom Hof gejagt wird. Nicht so Merz. Was immer ihm an Schwäche, an politischer und an menschlicher entgegengehalten wird: Es kann nicht mit ihm zu tun haben. Er kann sie jedenfalls nicht erkennen. Dass das nicht etwa daran liegt, dass sie nicht offen zusagen träte, sondern dass seine selbstgezogene Mauer um ihn herum zu hoch ist, um sie mit beiden Augen zu sehen, ist für ihn ausgeschlossen. Er wähnt bei Vorwürfen gegen ihn gar, dass gar nicht er, sondern die Anderen die Mauer hochgemauert haben. Deswegen sei es ihm unmöglich, eine andere Erkenntnis als die seinerseits der Mauer zu pflegen.
Merz ist das, was man etwa im Theater oder in Büchern eine tragische Figur nennt. Dass derartige Figuren hin und wieder, gegenwärtig allerdings zunehmend auch im wahren Leben und der wahren Politik unterwegs sind, muss einen mindestens besorgt machen. Im Falle von US-Präsident Trump und Bundeskanzler Merz geht Besorgnis allerdings zunehmend in Angst über. Was sind diese tragischen Gestalten bereit, anzurichten? An gedachter oder im Vollzug befindlicher Zerstörung. Es ist angesichts des Erstarkens rechter Kräfte hin und wieder davon die Rede, dass Wut herrsche und aus ihr mehr oder weniger gewollte Lust an Destruktion wachse. Weil jegliche nachvollziehbaren Koordinaten verloren gingen. Und sich daraus ein kaum noch zu steuernder Zustand entwickele. Im Denken, körperlich, im Handeln. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich die Öffentlichkeit über den Gesundheitszustand von Trump Gedanken macht. Das aber gilt als despektierlich.
Nun ist es so, dass eine deutliche Mehrheit in Deutschland befragter Menschen eher findet, dass Kanzler Merz selbst despektierlich ist. Und dass sich die Werte für seine Politik wie für seine Person entsprechend im freien Fall befinden. Dass zum Leidwesen von Demokraten, und zwar inklusive der Linken, diese Tatsache dahingehend auszuwirken scheint, dass die AfD immer mehr Zulauf erhält, deutet darauf hin, dass speziell solcher von Merz hausgemachten Despektiertlichkeit etwas folgt, was Demokraten zu verhindern gedachten. Indem Merz die Brandmauer um sich selbst hochzieht, verliert eine andere Brandmauer, die gegen rechts gerichtet war (oder ist), in rasendem Tempo an Festigkeit. Nicht einmal seine eigenen Leute sehen mehr einen guten Grund, nicht durch sie hindurchzuschlüpfen. Das Merz’sche Überalles wird zum Wirdürfenalles. Es lässt sich ausgerechnet entlang einer alten linken Parole ein Macht kaputt, was euch kaputt macht hören und ist in vollem Gange.
Wer sich mit Blick auf derartige Konsequenzen nach wie vor an eine Strategie klammert nach dem Motto Großmacht-mit-drei-Buchstaben= ICH, Merz, der Weiß-wo’s-langgeht, hat Vertrauen, was viele in ihn setzten, im Nu verspielt. An diesem Punkt ist die Republik. Sie nimmt es schon wahr, ER will es einfach nicht wahrnehmen. Auch der Koalitionspartner, die SPD, will es nicht – obschon die Drähte ihrer Basis und ihre Tradition heißglühen vor Reibung und Verrat. Sozialdemokraten ihrerseits klammern sich an die Vorstellung, Verderbnis abwehren könnte man am Besten, in dem man sich direkt dort hinein begibt. Das ist fast schon so, als hätte auch die SPD eine Mauer um sich herum errichtet. Über die sie nicht mehr zu schauen in der Lage ist. Weswegen sie weiter glaubt, den Teufel der Rechten könnte man mit Instrumenten austreiben, die ihn geschaffen haben. Im wahren Wortsinn ein Teufelskreis. Aus ihm führen nur radikal Schritte heraus. Sonst essen Angst Seele auf.

Hinterlasse einen Kommentar