Ein Kommentar, der ihm Freude bereitet, dürfte das, was Ulrich Reitz beim Focus verfasst hat, nicht gewesen sein. Aber ausnahmsweise dürfte er damit gar nicht mal falsch liegen. Vielleicht sogar richtig. Er jedenfalls nimmt an, dass das, was Boris Pistorius am Tag gesagt hat, als AfD-Mann Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt gewählt wurde, in der Klarheit, mit der er das sagte, bereits Auftakt für ein neues Duo an der Spitze der SPD war: Für das „Schatten-Führungsduo“ Pistorius/Manuela Schwesig, so nannte es Reitz. Dass es das bestehende Duo Klingbeil/Bas mit seinem ewigen Nachgeben gegenüber der Union nicht mehr lange machen dürfte, ist nicht von der Hand zu weisen. Nachdem mit hoher Wahrscheinlichkeit CDU-Abgeordnete Rausch mitgewählt hatten, sah Klingbeil zwar Erklärungsbedarf beim Koalitionspartner. Das freilich klang wiedermal reichlich zahnlos.
Zahnlosigkeit aber, das weiß Pistorius und mehr noch Manuela Schwesig, die vor allem auch wegen ihrer distanzierten Haltung zu den SPD-Führungsfiguren in Berlin erneut zur Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern gewählt werden dürfte, kann sich die SPD mit ihrer schlappen Umfrageausbeute nicht mehr leisten. Wenngleich bei Pistorius als Verteidigungsminister vom anfänglichen Auftrumpfen nicht mehr allzu hochtrabender Stolz geblieben sein kann, ist er doch bei Wählerinnen und Wählern beliebt. Ihm wird sogar, was ein bisschen verwundert, regelrechtes Charisma zugeschrieben. Vielleicht liegt das am müden Erscheinungsbild Klingbeils, dass nicht viel nötig ist, um in der SPD wieder alte Hoffnungen zu wecken. In jedem Fall würde das „Schatten-Führungsduo“, davon ist auszugehen, Erleichterung bei der Parteibasis bewirken und frischen Wind in der Koalition.
Sofern sie nicht schneller zerbricht, als Pisorius und Schwesig in die Hufe kommen. Noch bäumt sich Kanzler Merz gegen alle Umfrage-Abgesänge mit Blick auf seine Partei, vor allem aber auch seine Person auf. Doch alle Kräfte haben ein Ende. Zumal wenn es so weitergeht, dass die eigenen Parteifreund/innen, gegen alle Mahnungen vom demokratischen Weg abkommen und der AfD in immer wieder neue Sättel helfen. Heute Tobias Rausch, morgen Ulrich Siegmund, der glaubt, dass er mit Hilfe der CDU neuer Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt wird – und morgen vielleicht kann Dank Rechtsabweichlern der Union schon Alice Weidel auf welchen höheren Posten auch immer gelangen. Für die AfD geht es jedenfalls in dem Maße bergauf, wie es für die CDU bergab geht. Da möchte die SPD nicht mit unter die Räder geraten. Sie würde es freilich, wenn das Duo Klingbeil/Bas nicht den Platz für Nachkommen freimacht.
Explosivkraft will Reitz nicht zu Unrecht aus den Worten von Pistorius erspürt haben. Klingbeils müde Reaktionen auf das CDU-Desatster in Sachsen-Anhalt hätte Pistorius quasi mit seiner Wut und Enttäuschung kontakariert. Zum einen darüber, was in der CDU los ist. Zum anderen, derlei versteckte Botschaft könnte man durchaus ablesen, setze, so Reitz, Pistorius damit auch vom etwas wie die Richtlinien sozialdemokratischer Politik. Eine Kompetenz, so sei angefügt, die Klingbeil von Anfang an gefehlt hat. Seine Richtlinie war es, die Macht in der Partei an sich zu reißen. Als Parteichef und als Vize-Kanzler. Eine Kombination, die der Basis, die Ämtertrennung für besser hält, nie wirklich geafallen hat. Machen es Pistorius und Schwesig geschickt, könnte sie alleinige neue Parteivorsitzende werden und ihr Ministerpräsodentin-Amt behalten, er würde Vize-Kanzler und künftiger SPD-Kanzlerkandidat.
Man würde Posten und Kräfte aufteilen. Aber in der Sache aus einem Guss die SPD wieder zu alter Stärke führen. Während was die CDU betrifft, schon Spekulationen kursieren, die Partei könnte sich spalten, würden Pistorius und Schwesig einer frisch geeinten Sozialdemokratie Wind in die Segel blasen können. Das wäre gut, wenn die Koalition hielte. Und das wäre notwendig, wenn sie zerbricht und es zu Neuwahlen käme. Was von Altvorderen der SPD mit allerlei sich abnutzenden Argumenten noch wie der Teufel an die Wand gemalt wird, könnte sich mit linksliberalem Durchhaltevermögen zu einer neuen Perspektive mausern: Ein Bündnis SPD, Grüne, Die Linke. Schwesig macht in MV vor, wie das geht. Berlin könnte nachziehen, wenn SPD und Grüne nicht mit der Merz- und damit Verliererpartei anbandeln, die alles andere als ein Bollwerk gegen rechts ist. Was einer grandiosen Selbstvernichtung gleichkäme.

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