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Andreas Mijic

Freelancer, Thinktank, former ARD, Artist


Diskurs Ohne Abers

Wer in Diskurse geht, muss wetterfest sein. Denn wohin immer man den Fuß setzt, man kann im Schlamassel landen. Diskurse werden gefordert und einem wieder abgesprochen. Sie sollen gegen Polarisierung helfen – und werden als Hort der Polarisierung gebrandmarkt. Wer sich in den Diskurs begibt, kommt darin um? Sieht manchmal danach aus. Etwa, wenn sich Daphne Weber im Freitag fragt, warum es der Partei Die Linke nicht gelinge, bei manchen Themen unmissverständlich Solidarität zu zeigen. Natürlich geht es, wieder einmal, auch um Israel, Antisemitismus usw.. Um das Hamas-Massaker im Oktober 2023 und den Krieg in Gaza. Und um Doppelformeln, wie sie es nennt. Immer, so Weber, stehe bei Positionen der Linken ein Aber.

Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 – aber die Kriegsverbrechen in Gaza. Männer mit Kippa müssen sich sicher fühlen – aber Frauen mit Kopftuch auch. Der Krieg Russlands ist zu verurteilen – aber die Nato. So sieht es die Autorin. Müsse denn alles kontextualisiert werden, fragt sie. Klingt verzweifelt. Oder genervt. Das Motiv hinter dem Aber: Angst? Weil man fürchtet, falsch erwischt oder missverstanden zu werden? Weber wähnt hinter derlei Doppelformeln ein Vorbeugen; Furcht, man könnte einer Instrumentalisierung anheim fallen. Sie helfen gegen Vereinnahmungen, Fehlstellungen. Dabei sei Angst nie ein guter Ratgeber, denn sie vernebelt die Sicht. Oft wolle man sich gegenüber dem eigenen Lager absichern.Das sich teils mit Ahnungslosigkeit paare.

Nun, Ahnungslosigkeit lässt auch Daphne Weber durchblicken. Oder sie gibt sich bewusst ahnungslos. Denn es ist ja nicht so, dass es der Linken an klaren Positionen fehlt. Ohne dass sie sich von sich aus absichern müsste. Das Aber wird ihr freilich geradezu von außen abgefordert. Nur umgekehrt darf es ungestraft fehlen. Massaker ohne Gaza geht, aber nicht andersrum. Kippa ohne Kopftuch geht, aber nicht umgekehrt. Russland ohne Nato geht, aber wehe Nato-Sprech ohne den Kreml. Warum gelingt es bei bestimmten Themen nicht, eindeutige und unmissverständliche Solidarität zu zeigen? Will Daphne Weber wissen. Ja genau, warum gelingt das nicht? Warum kommen die Einen ohne dieses Aber aus, den Anderen wird es aber von Weber um die Ohren gehauen?

Die Diskurse, gerade um die von Daphne Weber benannten Themen, sind ja kaum noch möglich, wenn dies bedeutet, Vertreter der einen eindeutigen und unmissverständlichen Solidarität mit quasi der Gegenseite streiten zu lassen. Den Einen wird gar nicht mehr zugehört oder sie werden ausgeblendet und abgestellt, wenn sie ohne Aber daherkommen. Während die Anderen wie selbstverständlich davon ausgehen, dass sie ihre eindeutige Solidarität aberlos behaupten können – und ihnen dafür Aufmerksamkeit, am Besten Abnicken winkt. Meint das Daphne Weber, wenn sie sich am Aber reibt? Es gäbe eine Lösung: Entweder man verständigt sich darauf, dass Jeder ohne aber auskommen darf – oder niemand. Ganz und gar solidarisch.

Stattdessen werden, so scheint es, Ansprüche und ihre Einlösung, je nach politischem Lager, als gerechtfertigt angesehen – oder nicht. Das allerdings könnte denen, die in nicht wenigen Debatten die Sprech- und Denkordnung oktroyieren wollen, so passen: Wie Daphne Weber eindeutige und unmissverständliche Solidarität einseitig einzufordern. Kann die Positionierung zur Sicherheit von Jüddinnen und Juden, zur Solidarität mit der angegriffenen Ukraine und zu den Verbrechen des 7. Oktober nicht für sich stehen? Frage zurück: Können denn Gaza, das Kopftuch, die Nato nicht mal für sich stehen? Es gibt viele Stimmen, die es zu hören wert sind. Sie könnten sich ohne Abers austauschen. Und, da gebe ich Daphne Weber Recht: Ganz ohne Kontextualisierung! Blieben Aber immer streitbar.



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